Aufbau 14. Okt 2021

Mord und Deutung

aufbau beleuchtet die Debatte um Genozid, Erinnerung und Kolonialismus.

Die aktuelle Ausgabe unserer Zeitschrift aufbau greift eine ebenso vertraute, wie grundlegende Debatte in Deutschland zu Erinnerungs-Kultur, Holocaust, Kolonialismus und der Haltung zu Israel auf, die neue Aspekte, vor allem aber eine intensive Schärfe gewinnt (Link). Einen Anstoss gab der australisch-amerikanische Historiker A. Dirk Moses im Mai mit dem Beitrag «Der Katechismus der Deutschen» auf der Schweizer Plattform «Geschichte der Gegenwart». Moses hatte zuvor mit «The Problems of Genocide» eine massive Studie vorgelegt, die den Begriff des Völkermordes grundsätzlich in Frage stellt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Historiker Deutschland dank der dortigen Empfindlichkeiten als ideales Feld für das Buch betrachtet. Denn dieses hat in angelsächsischen Ländern keine sonderlich grosse Aufmerksamkeit gefunden. 

Im aufbau-Interview erklärt Moses seine Katechismus-Intervention jedoch mit zunehmend aggressiven Attacken medialer «Hohepriester» und Meinungs-Kontrolleure auf Rufe nach einer inklusiveren Erinnerungs-Kultur: Deutschland werde nicht allein durch Flüchtlinge aus Nahost und Afrika immer vielfältiger. Warum also soll eine Übernahme deutscher Schuld für den Zweiten Weltkrieg und den Völkermord an den Juden heute eine Art Vorbedingung für Zugehörigkeit zur Nation darstellen? 

Die Debatte hält an. So hat der Historiker Omer Bartov jüngst am Berliner Einstein Forum (
Link) eine Kritik an den Thesen von Moses erneuert (Link), die er im aufbau-Interview vorbringt: den Holocaust und Völkermorde generell als Ergebnis eines grössenwahnsinnigen Strebens nach «permanenter Sicherheit» zu erklären, entbehre jeder Sachgrundlage. Zudem stelle Moses den «Vater» des Begriffes Genozid in ein falsches Licht: der polnisch-jüdische Jurist Raphael Lemkin sei keineswegs primär von Zionismus motiviert gewesen (hier seine Debatte mit Moses am Einstein-Forum: Link). Aus Fachkreisen ist zu hören, Moses habe mit seinem Buch einfach zu hoch gegriffen und sei bei dem Streben nach einer übergreifenden, allumfassenden Erklärung für Völkermorde quasi intellektuell entgleist. Denn Moses geniesst unter Kollegen dank bahnbrechender Forschungen zur Unterdrückung und Vernichtung der australischen Aborigines hohes Ansehen.

Im aufbau bringt Herausgeber Yves Kugelmann frische Aspekte in die Debatte und den «Katechismus»-Vorläufer aus der Feder Heinrichs von Kleist aus dem Jahr 1809 in Erinnerung. Bereits dort werde der Gedanke evident, dass ein «christlich aufgeladener Nationalismus» in Deutschland auf den Ausschluss von Juden hinausläuft. Kugelmann hält Moses eine «Gleichmachung von Kausalitäten» vor: Die NS-Judenpolitik sei nicht mit anderen, kolonialen Säuberungs- oder Genozid-Programmen vergleichbar, die letztlich nicht allein purer Vernichtungslust entsprungen seien. 

Daneben aber nähmen Moses und Kolonialismus-Theoretiker wie Mahmood Mamdani eine «Singularisierung» des jüdischen Nationalismus vor, oder demonstrierten einen starken Mangel an Verständnis für die Lage, die Handlungs-Möglichkeiten und -Perspektiven von Juden seit Beginn des modernen Nationalismus. Es sei absurd, den Zionisten Mittel wie ethnische Säuberungen vorzuwerfen, die so viele Andere vor und nach ihnen benutzt haben. In ihrem Überlebenskampf schien jedes Mittel recht und eine alternative Handlungsgrundlage zu brutalen, nationalistischen Strategien war nicht erkennbar. Warum sollten ausgerechnet nationalistische Juden aus der Erfahrung der Schoah heraus nicht so handeln, wie die übrige Welt und einen starken Staat als Schutzmacht für sie selbst aufbauen? Dennoch könne und sollte auch Kritik an der heutigen Politik Israels gegenüber den Palästinensern möglich sein. Aber solche Differenzierungen nähmen Kolonialismus-Kritiker eben nicht vor.

Hanno Loewy plädiert mit Blick auf den «Katechismus» für eine Beruhigung der Gemüter: Im Sinne einer aktuellen Intervention von Jürgen Habermas liesse sich «Erinnerung nicht einfrieren», schreibt der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. Hier erweitert der Basler Literaturwissenschaftler Caspar Battegay die Perspektive um das bereits 2009 in den USA und erst jüngst auf Deutsch publizierte Buch von Michael Rothberg über «Multidirektionale Erinnerung». Das Werk gilt als wichtiger Anstoss zu den aktuellen Kontroversen über Kolonialismus und Imperialismus weit über Deutschland hinaus. So wirft Antony Lerman ein Schlaglicht auf den «imperialen Reflex», der das vom Weltreich zum Insel-Staat geschrumpfte Vereinigte Königreich seit der Suez-Krise 1956 umtreibe. Lerman sieht die Brexit-Isolation als Ausdruck und Resultat dieser von Konservativen geschürten Träume einer bleibenden Rolle als Schulmeister ehemaliger «Kolonialvölker». 

Eine Art publizistischer Katechismus gilt für die Axel Springer SE. aufbau-Redakteur Andreas Mink hat mit einem Sprecher den Medien-Konzerns über die «Essentials» gesprochen, die Journalisten des Medien-Konzerns eine «Unterstützung des jüdischen Volkes und Israels» vorgeben. Die Übernahme der amerikanischen Plattform «Politico» durch Springer hat die 1967 festgelegten Leitlinien einmal mehr in die Diskussion gebracht. 

Andreas Mink