USA 10. Sep 2026

Kalifornien will jüdische Herkunft als ethnische Identität einführen

Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien. 

Erweiterung der ethno-nationalen Wurzeln bei Angaben für Behörden.  

Kalifornien steht als erster Bundesstaat der USA kurz vor der Einführung einer jüdischen Herkunft als ethnisch-nationale Identität bei staatlichen Formularen. Dies löst innerhalb der Gemeinschaft eine Debatte aus.

Befürworter betrachten die von jüdischen Organisationen unterstützte Neuerung als Schritt, um die Gemeinschaft und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen – insbesondere in Bereichen wie Gesundheit und Hasskriminalität. Kritiker verweisen auf die Geschichte der Nazis und anderer Diktaturen, die staatlich erfasste und definierte Identitäten als Instrument für Verfolgung bis hin zum Völkermord benutzt haben.

Kalifornien hat für die Datenerfassung bislang knapp 50 ethnische und rassische Identitäten anerkannt, die jüdische Identität jedoch lediglich als Religion erfasst. Der Ende August verabschiedete Gesetzentwurf «Senate Bill 1387» sieht jedoch vor, dass staatliche Behörden in allen Formularen zur Erfassung demographischer Daten – von Sozialhilfeprogrammen bis hin zu Hochschulbewerbungen – ein Feld für die ethnische Zugehörigkeit «jüdisch» bereitstellen.

Das Gesetz geht auf den demokratischen Senator Henry Stern aus Los Angeles zurück, fand im Parlament in Sacramento breite Unterstützung und muss noch von Gouverneur Gavin Newsom unterzeichnet werden.

Über die Datenerfassung hinaus stösst das Gesetz bekannte Grundsatz-Debatten über die jüdische Identität neu an: Ist diese religiöser oder kultureller Natur oder eine Mischung aus beidem? Dabei hat Kalifornien die Liste der ethnischen und rassischen Kategorien stetig erweitert. Newsom hat 2025 ein Gesetz unterzeichnet, das neue Kategorien für Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika schuf – getrennt von der Kategorie «weiss», unter welche diese Gruppen zuvor gefallen waren.

In Kalifornien leben schätzungsweise 1,2 Millionen Juden, nach New York die zweitgrösste Gemeinschaft der USA. Für die meisten amerikanischen Juden lässt sich jüdische Identität indes nicht in eine einzige, allgemeingültige Schublade stecken. Der Politologe Jeffrey Kopstein von der University of California, Irvine umreisst die «Schwierigkeit» der aktuellen Debatte so: «Jüdischsein lässt sich nicht ohne Weiteres in vertraute Kategorien in den USA einordnen. Nichtjuden nehmen Juden oft primär als Religionsgemeinschaft wahr; doch historisch gesehen umfasst die jüdische Identität auch Abstammung, Kultur und die Zugehörigkeit zu einem Volk.» Gleichzeitig würden sich «viele Menschen, die völlig säkular leben, dennoch selbst als Juden verstehen – und werden auch von anderen so wahrgenommen.»

Laut einer 2021 veröffentlichten Studie des Pew Research Center sieht knapp ein Fünftel der amerikanischen Juden ihre Identität als Kombination von Religion, Abstammung und Kultur. Etwas mehr bezeichneten das Jüdischsein als eine Frage der Kultur; während 21 Prozent die Abstammung als entscheidend nannten. Nur etwa elf Prozent definieren ihre Identität in erster Linie als religiöse Angelegenheit. «Wichtig oder sehr wichtig» ist ihnen allen ihre Identität allerdings schon: drei Viertel der Gemeinschaft machten diese Angabe (Link).
 

Andreas Mink