Zürich 30. Mär 2026

Gewählt, nie angetreten, zurückgezogen

Rabbiner Ruben Bar Ephraim legte im Herbst 2025 sein Amt nieder.

Vor einem Jahr wurde Moshe David Barnett zum neuen Rabbiner der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich gewählt. Amtiert hat er nie, nun zieht er sich zurück. Die Hintergründe.

Die Jüdische Liberale Gemeinde (JLG) blickte jeweils auf eine glückliche Hand mit der Wahl ihrer Rabbiner. Bea Wyler, Tovia Ben Chorin oder zuletzt Ruben Bar Ephraim blieben jeweils zehn bis 18 Jahre. Im April 2025 wählte die Gemeindeversammlung der JLG mit Mosche David Barnett die Nachfolge von Bar Ephraim, der im Herbst 2025 sein Amt niederlegte. Am letzten Freitag zog er sich in einem Brief, den alle Mitglieder per Email erhielten, nach monatelangen Diskussionen zurück und kündigte an, auch nicht für eine allfällige Wiederwahl zur Verfügung zu stehen. Die für Dienstag angesetzte ausserordentliche Gemeindeversammlung wurde indessen vom Vorstand abgesagt. 

Bundesrecht schlägt Kantonalrecht

Barnett, der zuvor als Rabbiner in der Jüdischen Gemeinde Dresden gewirkt hatte und dort als vielseitige Stütze der Gemeindearbeit geschätzt wurde, sollte seinen Dienst in Zürich im September 2025 aufnehmen. Doch dazu kam es nicht. Barnett verfügt über einen israelischen und einen britischen Pass – beides Nicht-EU-Staaten. Die JLG beantragte im Juni 2025 nach der Wahl eine Arbeitsbewilligung, die jedoch abgelehnt wurde. Der anschliessende Rekurs wurde provisorisch ebenfalls abgewiesen. Nach einer juristischen Evaluation zog die JLG den Rekurs im letzten Oktober zurück. Die bestätigt die Co-Präsidentin der JLG Brigitta Rotach gegenüber tachles.  

Doch dann habe Bundesrecht das Kantonale übersteuert  und konstatiert, dass Arbeitskräfte aus Drittstaaten nur rekrutiert werden dürfen, wenn keine geeigneten Kandidaten aus dem EU-Raum verfügbar sind. Für eine öffentlich-rechtlich anerkannte Religionsgemeinschaft wie die JLG sei eine ordnungsgemässe Wahl zudem arbeitsrechtlich zwingend, erläutert Co-Präsidentin Brigitta Rotach gegenüber tachles. Das Dilemma: Was kirchenrechtlich eine freie Wahl der Gemeinde ist, muss gleichzeitig den Anforderungen des Arbeitsrechts genügen. Offensichtlich ein Problem, das nicht nur jüdische Gemeinden betrifft. Auch andere Glaubensgemeinschaften in der Schweiz – etwa bosnische Muslime oder Hindus – berichten von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Geistlichen ausserhalb des EU-Raums. Kritiker innerhalb der JLG werfen dem Vorstand im Gespräch mit tachles vor, dass die Vorbereitung zur Wahl offensichtlich ungenügend war und  über die Situation nicht genügend informiert wurde. Letzteres lässt Rotach nicht gelten. Der Vorstand habe monatlich schriftlich informiert. 

Diskussion über die Smicha

Zur aufenthaltsrechtlichen Hürde kam eine zweite: Barnetts rabbinische Ordination. Er verfügt über eine Privat-Smicha, deren Anerkennung umstritten ist. Die European Union for Progressive Judaism (EUPJ) stufte diese als ungenügend ein und riet von einer Wahl ab – ein Umstand, den die Wahlvorbereitungskommission hätte klären müssen, bevor die Gemeindeversammlung über die Kandidatur abstimmte. Im Januar 2026 erhielt Barnett zwar einen EU-Pass, womit die Arbeitsbewilligung hinfällig wurde. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Fronten bereits verhärtet, und viele Gemeindemitglieder bevorzugten den bisherigen Stellvertreter.

Während Barnett auf seine Stelle wartete, verschärfte sich die Lage innerhalb der Gemeinde. Seine Verlobte Josi hatte ihre Arbeitsstelle in Dresden aufgegeben; beide warteten ohne Einkommen, wie Gemeindemitglieder beklagten. In einem Brief vom 18. Februar 2026 schlug das Gemeindemitglied Alarm. Sie schilderte den Verdacht, der Vorstand wolle den gewählten Rabbiner «abwählen» lassen. Barnett sei die Möglichkeit entzogen worden, «Parascha ba Erev» zu leiten 

In einem tachles vorliegenden Schreiben appellierte ein Gemeindemitglied, sich nicht «schäbig» zu verhalten: «Moshe hat sich auf unsere Gemeinde gefreut, sein Leben pausiert, an der Lösung der Probleme gearbeitet.» 

Der stellvertretende Eli Carvajal, ein argentinisch-stämmiger Rabbiner mit Erfahrung im interreligiösen Dialog, der bereits in Zürich lebt, hat in den letzten Monaten die Gemeinde rabbinisch geführt. Carvajal hatte sich für die Rabbinerstelle beworben, wurde von der Suchkommission aber nicht zur Wahl zugelassen – weil er zum damaligen Zeitpunkt über keine Smicha verfügte. Vor einigen Wochen hat er seine rabbinische Ordination vom Instituto Iberoamericano de Formación Rabínica Reformista in Argentinien erhalten, die auch von der EUPJ anerkannt ist. Viele Gemeindemitglieder sehe in ihm einen valablen Gemeinderabbiner.

Barnett schreibt in seinem  Abschiedsbrief: «Wir alle hatten Pläne und Vorstellungen für die Zukunft, und ich hatte so sehr gehofft, dass unsere Zukunft eine gemeinsame sein würde – dass wir voneinander und miteinander lernen, zusammen wachsen und Wachstum in unsere Gemeinde bringen könnten.» Doch die Realität habe ihn eines anderen belehrt: «Leider habe ich in den letzten Monaten erkennen müssen, dass dies nicht möglich ist. Ohne ins Detail zu gehen, werden sich unsere Wege wahrscheinlich schon trennen, bevor wir uns richtig kennengelernt haben.» Er hoffe, «dass mein Rückzug aus dem Rabbinat in der Gemeinde Frieden und Ruhe zwischen allen bringen wird». Barnett trage nach eigenen Worten keinen Groll gegen irgendjemanden. Seine Bitte an die Mitglieder: «Nicht weiter zu versuchen, diesen Konflikt am Leben zu erhalten, sondern stattdessen nach dem zu suchen, was uns verbindet und eint.» 

Selbstkritischer Vorstand

Der Vorstand der JLG, geführt vom Co-Präsidium Brigitta Rotach und Judith Hollenweger Haskell, informierte die Mitglieder am selben Tag über den Rückzug. Man wisse, «dass das vergangene Jahr eine Achterbahn für uns alle war – besonders auch für R. Moshe. Wir bedauern, dass sich viele Hoffnungen nicht erfüllt haben.» 

Gegenüber tachles meint Co-Präsidentin Rotach, die Fragen der Arbeitsbewilligung und der Anerkennung der Smicha hätten im Vorfeld durch die vorbreitenden Kommissionen, denen sie selbst angehört habe, besser geklärt werden müssen. Heute Montagabend tagt der Vorstand. Nun soll voraussichtlich an der  der ordentlichen Generalversammlung vom 12. Mai die Gemeinde über die Zukunft des Rabbinats entscheiden. Eli Carvajal führt als Stellvertreter die Gottesdienste  bis im Mai.

Der Fall wirft grundsätzlichere Frage auf: Wie können öffentlich-rechtlich anerkannte Religionsgemeinschaften in der Schweiz geeignete Geistliche finden, wenn diese ausserhalb des EU-Raums leben? Das geltende Bundesrecht setzt den freien Gemeindewahlen enge Grenzen – ein Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und Arbeitsmarktregulierung, das nicht nur die JLG betrifft und ein Thema, für das sich Rotach nun für eine politische Lösung einsetzen möchte, wie sie gegenüber tachles sagt. 

Yves Kugelmann