Bayreuth 16. Jun 2026

Bayreuther Festspiele canceln Antisemitismus-Kritik

Ein Auftritt von Michel Friedman zum Thema Antisemitismus wurde gecancelt. 

Auftritt von Michel Friedman zum Thema Antisemitismus abgesagt.  

Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres der Bayreuther Festspiele sorgt die Absage einer geplanten Gedenkveranstaltung zu Richard Wagners Antisemitismus für Kritik. Wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet, sollte am 26. Juli, dem Eröffnungstag der Festspiele, ein Konzert unter dem Titel «Verstummte Stimmen» stattfinden. Vorgesehen waren eine Rede des Publizisten und aufbau-Herausgebers Michel Friedman und ein Auftritt des Dirigenten Christian Thielemann. Die Veranstaltung wurde jedoch wenige Wochen vor dem Termin abgesagt.
Das Konzert war als zentraler Beitrag zum 150-Jahr-Jubiläum der Bayreuther Festspiele geplant. Es sollte sich mit den dunklen Kapiteln der Festivalgeschichte auseinandersetzen: mit Richard Wagners Antisemitismus, dessen Schrift «Das Judenthum in der Musik», dem Umgang der Familie Wagner mit jüdischen Künstlern sowie der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Musiker während der NS-Zeit. Der Erlös der Veranstaltung sollte nach Angaben der Organisatoren in Stipendien für israelische Musikerinnen und Musiker fliessen.
Die Festspielleitung begründet die Absage mit Sicherheitsbedenken. Man habe festgestellt, dass die Durchführung der zusätzlichen Veranstaltung am selben Tag wie die Premiere von Wagners Frühwerk «Rienzi» organisatorisch problematisch sei. Die Festspiele betonen, die Veranstaltung solle zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.
Michel Friedman reagierte jedoch mit deutlicher Verärgerung. Gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» sagte er, die Begründung sei kaum nachvollziehbar. Noch wenige Wochen vor dem geplanten Termin abzusagen, werfe Fragen auf. Besonders enttäuscht sei er, weil Festspielchefin Katharina Wagner und Christian Thielemann ihm das Projekt zuvor als persönliches Anliegen vorgestellt hätten. Für ihn sei die Veranstaltung ein wichtiges Zeichen gewesen, um sich offensiv mit dem antisemitischen Erbe Richard Wagners auseinanderzusetzen. Die Absage lasse nun Zweifel aufkommen, wie ernst dieser Wille tatsächlich sei.
Auch Beobachter zeigen sich überrascht. Die Bayreuther Festspiele zählen zu den am stärksten gesicherten Kulturveranstaltungen Deutschlands. Jahr für Jahr besuchen hochrangige Politikerinnen und Politiker den Grünen Hügel, darunter in der Vergangenheit Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen oder Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Dass ausgerechnet eine Veranstaltung mit Friedman aus Sicherheitsgründen nicht durchführbar sein soll, erscheint vielen schwer nachvollziehbar.
Hinzu kommt, dass das Konzert bislang kaum öffentlich beworben worden war. Es erschien weder im offiziellen Programm noch hatte ein Ticketverkauf begonnen. Kritiker fragen deshalb, weshalb eine derart symbolträchtige Veranstaltung nicht früher und entschlossener vorbereitet wurde.
Im Hintergrund stehen zudem finanzielle Schwierigkeiten. Wegen gestiegener Kosten und knapper Budgets mussten die Bayreuther Festspiele ihr Jubiläumsprogramm bereits deutlich reduzieren. Medienberichten zufolge wurden mehrere Millionen Euro eingespart, um den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können. Auch die Stadt Bayreuth sagte jüngst ihr geplantes Begleitfestival «Festival 150» wegen erheblicher Finanzierungslücken ab. Dies hat Spekulationen ausgelöst, ob neben Sicherheitsfragen auch finanzielle Überlegungen eine Rolle gespielt haben könnten. Einen Zusammenhang weisen die Festspiele allerdings zurück.
Die Kontroverse berührt einen besonders sensiblen Punkt der Bayreuther Geschichte. Richard Wagner gilt als einer der bedeutendsten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, seine antisemitischen Schriften und deren spätere Rezeption durch Nationalsozialisten belasten sein Erbe jedoch bis heute. Gerade im Jubiläumsjahr wäre eine prominente Auseinandersetzung mit diesem Kapitel von vielen als wichtiges Signal verstanden worden. Ob und wann die abgesagte Veranstaltung nachgeholt wird, ist derzeit offen.

Redaktion