USA 23. Jun 2026

Alan Greenspan verstorben

Alan Greenspan im Jahr 2015.

Der ehemalige Fed-Vorsitzende wurde 100 Jahre alt und galt lange als wohl bekanntester Ökonom überhaupt.  

Gestern Montag ist Alan Greenspan im Alter von 100 Jahren in seinem Haus in Washington Komplikationen infolge der Parkinson-Krankheit erlegen. Er hat die amerikanische Zentralbank von 1987 bis 2006 unter vier Präsidenten beider Parteien geleitet und in seiner fast 20-jährigen Amtszeit eine lange Phase des Wohlstands gefördert, historische Krisen wie das wirtschaftliche Nachbeben von 9/11 gemeistert und eine marktfreundliche Wirtschaftspolitik geprägt. Sein Einfluss wurde schon mit seiner Warnung vor «irrationalem Überschwang» deutlich, die Ende 1996 erhebliche Einbrüche an den nicht zuletzt in Folge seines Wirkens boomenden Märkten auslösten. Dank seiner «lockeren Geldpolitik» und seinem Engagement für Deregulierung wurde Greenspan von Kritikern wie Paul Krugman zudem für die Finanzkrise von 2008 verantwortlich gemacht.

Greenspan wurde am 6. März 1926 in New York City als Einzelkind geboren und wuchs nach der Scheidung der Eltern ab fünf Jahren bei seiner Mutter in Washington Heights auf. Dank der begeisterten Unterstützung seiner Mutter, die selbst gerne sang, tanzte und Klavier spielte, wurde der Junge ein versierter Musiker, besuchte die Akademie Juilliard School und spielte mehrere Jahre Saxophon in einer Swingband. In den Pausen las er Bücher aus Leihbibliotheken und stiess so auf sein Lebensthema: «Wirtschaft, Finanzen oder etwas über die Börse.» Greenspan nahm Ökonomie-Studium an der New York University auf und erwarb er 1948 einen Bachelor- und 1950 einen Master-Abschluss. Anschliessend begann er bei dem späteren Fed-Vorsitzenden Arthur F. Burns seine Promotion an der Columbia University, promovierte aber erst 1977 an der NYU.

In der Zwischenzeit hatte er 1952 eine kurze Ehe mit der Malerin und Schriftstellerin Joan Mitchell geschlossen und mit dem intensiven Studium komplexer Statistiken als Basis von Prognosen eine Leidenschaft gefunden. Er fiel zudem über seine Frau unter den Einfluss von Ayn Rand und deren Schule eines von staatlichen Interventionen freien Marktes als Bühne persönlicher Entfaltung und gesellschaftlicher Prosperität. In diesem «rationalen Egoismus» sollten Gesellschaften am besten funktionieren, wenn Individuen ihren Eigeninteressen nachgehen. Rand habe ihn gelehrt, dass der Kapitalismus nicht nur effizient und praktisch, sondern auch moralisch sei, so Greenspan später.

1967 folgten erste Kontakte in die Politik, als er Berater im Präsidentschaftswahlkampf von Richard Nixon wurde. Greenspan wurde kurz vor Nixons Rücktritt 1974 Vorsitzender des Wirtschaftsrats im Weissen Hauses. Seine Überzeugungen kamen indes erst in den 1990er wirklich zum Tragen, als er mit Gleichgesinnten im Wirtschaftsteam von Präsident Bill Clinton wie Finanzminister Robert E. Rubin und dessen Stellvertreter und Nachfolger Lawrence H. Summers als «Komitee zur Rettung der Welt» Krisen wie eine Insolvenz Argentiniens bewältigte, für den Abbau von Auflagen eintrat und Bestrebungen konterkarierte, Derivate stärker zu regulieren. Greenspan und seine Verbündeten argumentierten, die vorgeschlagene Regulierung könne die Märkte destabilisieren: Finanzmärkte und Investmentfirmen selbst könnten übermässige Risiken besser kontrollieren als der Staat.

Diese «ideologische Handschrift» wurde laut der «New York Times» nach seinem Rücktritt mit der bald danach einsetzenden Immobilien- und Finanzkrise zunehmend auch mit den zerstörerischen Folgen eben der Deregulierung des Banken- und Finanzsektors, dem Verlust amerikanischer Arbeitsplätze durch den Freihandel sowie anhaltende Sorgen vor Spekulationen an den Aktien- und Immobilienmärkten in Verbindung gebracht. Dabei war im durchaus bewusst, dass das von ihm mit geschaffene Umfeld niedriger Inflation und billigen Geldes bedrohliche «Blasen» schuf – die schliesslich platzten (Link).
 

Andreas Mink