das jüdische logbuch 16. Jan 2026

Alles ist gut – oder Samsas Alex-Moment

Berlin, Januar 2026. Die Konflikte sind real. Die Massaker des iranischen Regimes gegen die protestierende Zivilbevölkerung, der brutale Krieg Russlands in der Ukraine, der immer mehr an die Schützengräben des Ersten Weltkriegs erinnert, die Kriege im Sudan und im Jemen, die ernüchternden Zahlen eines UNICEF-Reports, wonach heute jedes fünfte Kind weltweit in Kriegs- und Konfliktzonen lebt, 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren mangelernährt sind – und so fort.

In Berlin mit seinen täglichen Dutzenden von Kundgebungen werden sie auf der Strasse erinnert, verhandelt, positioniert. An diesem kalten Wintermittwoch sind es Solidaritätsaktionen mit den Protesten im Iran, Aktionen gegen die Verfolgung von Falun Dafa, eine Demonstration zum Schutz der Meere oder auch Kundgebungen gegen energetische Sanierungen und Mieterverdrängung. Gelebte Demokratie: Proteste ohne Gefahr, im Schutz der Polizei. Menschen engagieren sich, bereiten sich vor, verbringen Zeit und tragen die Anliegen in die Res Publica. Die Gesellschaften leben weltweit in einer Transformation. Die Tech-Plattformen nehmen immer mehr Einfluss auf die reale Welt, und die auf artifiziellen Algorithmen basierenden Programme kontrastieren die Realität durch einen Positivismus, den viele Menschen im Alltag nicht kennen. Die Chatbots widersprechen nicht, loben, setzen keine Grenzen und ermutigen ihre User mit dem absoluten Logarithmus des Guten.

Die Künstliche Intelligenz ist keine. Sie ist eine reale technische Hilfestellung mit ungeahnten Möglichkeiten, gerade in der Medizin, und mit unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft – ebenso wie es einst die Kernspaltung werden sollte. Die Entwesentlichung der Dinge ist keine neue Entwicklung. Letztlich beschreibt Franz Kafka in «Die Verwandlung» nichts anderes als diesen Weg zum «Zeug». Hannah Arendt beschreibt in «Vita activa» diesen Prozess: «Die moderne Gesellschaft verwandelt alle Menschen in Arbeiter und alle Arbeiter in blosse Arbeitskraft.»

Gregor Samsa wird zum Käfer durch Entmenschlichung. Die Entwesentlichung Gregor Samsas ist der Prozess, in dem er vom Menschen zum Objekt wird: sozial, sprachlich, räumlich und moralisch entkernt. Er verliert nicht nur seinen Körper, sondern seinen Status als Person. Am Ende existiert er nur noch als störendes Ding, dessen Verschwinden Erleichterung bringt – auch für ihn selbst.

Die Diktatur kennt die Sprache des Positiven. Victor Klemperer zeigt in «LTI – Lingua Tertii Imperii» (1947), wie Diktaturen systematisch eine freundliche, heroische, positive Sprache verwenden, um Gewalt zu verschleiern, Schuld zu tilgen und Denken zu kontrollieren. Für ihn ist diese Sprache kein Beiwerk, sondern eines der wirksamsten Instrumente der Unterdrückung. Diktaturen beschreiben die Realität systematisch in positiven, euphemistischen Begriffen, selbst wenn sie brutal oder katastrophal ist.

KI ist keine Diktatur, sie ist offener, kann divers trainiert werden – wenn jene das zulassen, die entscheiden. Wie solche Entwicklungen ablaufen, zeigt sich in diesen Tagen in der Debatte um das KI-Tool Grok von Elon Musk, mit dessen Bild- und Bearbeitungsfunktionen non-consensual sexualisierte Bilder, darunter auch von Frauen und Minderjährigen, erzeugt werden konnten, was als Missbrauch und Verletzung von Persönlichkeits- und Jugendschutzrechten gewertet wird. Der massive weltweite Druck und drohende Klagen haben Musk zum Einlenken bewegt – in seiner Ideologie der absoluten, radikalen Redefreiheit, die er dann nicht zulässt, wenn es ihn selbst betrifft. Die Demokratie hält solche Debatten aus, doch es zeichnet sich ab, welche Entwicklungen und Diskussionen bevorstehen – oder wie es im Song der Toten Hosen «Hier kommt Alex» (1988) heisst: «In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht, ist die grösste Aufregung, die es noch gibt, das allabendliche Fernsehbild.»

Das Alex-Moment ist bei Gregor Samsa in Kafkas «Verwandlung» der Übergang vom Menschen zur blossen Funktion und schliesslich zum wegzuräumenden Objekt. So reduziert die KI-getriebene Plattformökonomie den Nutzer zunehmend auf Daten, Profile und Verwertbarkeit. In beiden Fällen verliert das Individuum sein Wesen nicht durch einen inneren Wandel, sondern dadurch, dass ein System es nur noch nach seinem Nutzen bemisst. Die Tyrannen dieser Welt sind Menschen, die Überwachungs-, Konspirations- und Foltersysteme begründeten. Die künstliche Intelligenz kann Teil davon werden oder dies durchbrechen. Wir werden sehen.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann