Zum 100. Geburtstag des Prager Lyrikers und Übersetzers Franz Wurm – ein Kosmopolit der Sprache, dessen eigentliches Zuhause seine Freundschaften waren.
Franz Wurm hat sich zeitlebens als Lyriker und Schriftsteller verstanden. Zu seinem Lebenswerk gehören neben seinen eigenen Werken zweifellos auch seine zahlreichen Übersetzungen aus dem Französischen, darunter etwa zusammen mit Paul Célan jene gemeinsame Arbeit an den Gedichten von René Char, die ihre Freundschaft begründete, Gedichte von Paul Valéry und aus dem Tschechischen, etwa Werke von Vladimír Holan, der bei uns ohne die Übersetzungsarbeit von Franz Wurm wohl gänzlich unbekannt geblieben wäre. Franz Wurm war wohl auch ein «Genie» der Freundschaft. Er führte nicht nur eine enge Beziehung zu Paul Celan, auch Michael und Luzzi Wolgensinger, den Musiker Yehoshua Lakner in Zürich und Hans Georg Adler, den Chronisten der «verheimlichten Wahrheit» und Verfolgung der europäischen Juden, zählte er zu seinen Freunden. Ein ganzer Kosmos der Literatur und Geschichte des 20. Jahrhunderts vereinte ihn mit seinen Freunden, zu denen etwa auch der Dichter Michael Hamburger wie der Deutsch-Prager Johannes Urzidil ebenso wie Fritz Hochwälder, Friederike Mayröcker oder Günther Eich gehörten. In dem Nachwort der 1990 erschienenen Sammlung seiner Gedichte «Dirzulande», betitelt «Woher und bis heute», schrieb er: «Ich wohne in einer Wohnung. Wirklich zu Hause: in Freunden».
Prager Herkunft
Franz Wurm wurde am 16. März 1926 in Prag in eine wohlhabende deutsch-jüdische Prager Familie geboren. Sein Vater war Ingenieur und Malzfabrikant. Für die Restitution der väterlichen Firma mochte sich Franz Wurm, als dies nach der Wende der 1990er Jahre – durchaus mit Aussicht auf Erfolg – möglich wurde, nicht wirklich einsetzen. Durchaus typisch für ihn, schrieb er, dass er es «herabsetzend» fände, all die Papiere und «Beweismittel», die dazu nötig wären, beizubringen. Die relativ unbeschwerte Jugend und die ersten Schuljahre in der deutschen Grundschule und dem französischen Gymnasium endeten 1939 schlagartig. Die Eltern, die beide später im Konzentrationslager Auschwitz umkommen sollten, schickten ihr einziges Kind mit einem Kindertransport nach England. Dort besuchte er zunächst die Schule, das Cheltenham College. Anschliessend absolvierte er sein Romanistik- und Germanistikstudium am Queens College in Oxford. Danach, 1949, führte sein Weg in die Schweiz, nach Zürich.
Deutschschweizer Radio
Der «älteren Generation» ist Franz Wurm als Leiter des Kulturprogrammes des damaligen Deutschschweizer Radios in den Jahren zwischen 1966 und 1969 in Erinnerung, nicht zuletzt dank seiner unverwechselbaren, wohltönenden, sonoren Stimme. Nennenswert ist auch die 1963 ausgestrahlte Radiosendung, zu der er, damals noch als Mitarbeiter, Paul Celan einlud. Die Jahre zwischen 1969 und 1971 verbrachte Franz Wurm weitgehend in Prag, als Beobachter des endgültigen Endes der Reformbewegung des Prager Frühlings. 1974 lebte er mehrere Monate in Tel Aviv, wo er bei Moshé Feldenkrais, mit welchem er seit den 1940er Jahren freundschaftlich verbunden war, dessen Atemtherapie studierte. Die Verbreitung der Feldenkrais-Methode – Franz Wurm übersetzte Moshé Feldenkrais’ Bücher für den Suhrkamp Verlag und verhalf ihm dadurch zum Durchbruch – wurde für rund 20 Jahre zu seinem «Broterwerb». Sein Weg führte immer wieder zurück nach Zürich, das über viele Jahre sein Lebensmittelpunkt blieb, auch wenn er sich zeitlebens wohl in gewissem Sinn als Kosmopolit verstand. 2003 zog er sich mit seiner Lebenspartnerin Barbara Zgraggen, der viele seiner Texte der späteren Jahre gewidmet sind, nach Ascona zurückgezogen, auch hier in die Nähe von Freunden, zu denen John Boxer zählte. Dort verstarb Franz Wurm am 29. September 2010 im Alter von 84 Jahren.
Die Frage nach dem Jüdischen
Neben seinem eigenen lyrischen Werk und jenem seiner Schriftstellerkollegen und Freunde setzte er sich auch lebenslang mit seiner Beziehung zum Judentum auseinander. Auch wenn Franz Wurm kein im religiösen Sinne gläubiger Jude war, war er sich seiner Beziehung zum Judentum dennoch bewusst. In einem Interview aus dem Jahr 2006 mit tachles antwortete er auf die Frage, ob sein Bezug zum Judentum in seiner Sprache aus jüdischen Quellen oder von der Sprache als Möglichkeit der Emigration stamme: «Wohl beides. Vor allem aber in der Herkunft. Danach auch aus der Nötigung zu anderen Sprachen und dann das ‹Nirgends-richtig-Dazugehören›» (vgl. 10/06). Dennoch verstand er sein Judentum als eine unsichere Zuschreibung. In einem Brief an Paul Celan vom Juni 1963 schreibt Franz Wurm unter anderem: «Darum möchte ich über den Hass auf das Jüdische nichts sagen, könnte es auch nicht. Ich weiss zwar, dass es ihn als einen vorgeblichen solchen gibt, aber ich verstehe ihn schlecht, weil ich nicht weiss, was ‹das Jüdische› ist. Ich weiss nicht einmal, ob es ‹das Jüdische› überhaupt gibt, ich glaube eher nicht. Sondern dass es ein Name ist, wie ‹Lyrik›, wie ‹zuhause›, wie ‹Hans› oder ‹Karl› – und wie viele heissen Karl oder Hans – auf dessen genaue Bedeutung man sich erst einmal einigen müsste». Dabei gilt der Gleichsetzung, die Franz Wurm zwischen dem Judentum und der Lyrik herstellt, besonderes Gewicht. Manche seiner Gedichte, wie etwa das Gedicht, das dem Andenken an seinen Vater gewidmet ist, erweisen das.
So uneitel Franz Wurm war, so bewusst vertrat er seine Ansichten und Meinungen in jederlei Hinsicht – nicht zuletzt, was sein literarisches Werk und dessen Publikation betraf, wodurch er es seinen Verlegern nicht immer leicht machte. Ähnliches gilt für seine Leser. Zwar fand er immer wieder auch öffentliche Anerkennung, durch eine Ehrengabe der Stadt Zürich 1989 oder die Verleihung des Schillerpreises der Zürcher Kantonalbank 1992. Jedoch entzog er sich dem Literaturbetrieb, späterhin auch aus gesundheitlichen Gründen, mehr und mehr beziehungsweise musste sich entziehen. Wenig von seinem ohnehin nicht «ausufernden» Werk ist heute zugänglich. Da er auch hier an der Schreibmachine festgehalten hat, ist den Typoskripten anzusehen, wie er an seinen Texten feilte. Manches liegt nur verstreut oder gar ungedruckt vor. Es will in mancherlei Hinsicht erst noch erschlossen werden.
Seine Bücher sind vergriffen und keiner seiner bisherigen Verlage mochte oder konnte sich in den letzten Jahren seiner Lyrik nach seinen Vorstellungen annehmen. Dabei blieb er überzeugt, dass die Zeit auch dafür wieder «reif» würde.
KEIN Lied vom letzten, sag ich; / auch kein andres; überhaupt / kein Lied. Die Zeit zum Singen / ist gelaufen. Ihr kommt jetzt / mit unsern Stimmen zu spät.
Ob einmal Worte sein werden / davon, geht euch, geht uns / nichts an. Seid still. Musik / kann nur aus Stille kommen, / gleichviel welcher. Seid still.
Lasst den Wind heulen, / der sie davongetragen, / die Erde ächzen, die / sie nicht bekam. Kein / Lied, sag ich. Schweigt.
Der Schmerz kommt nicht zu Wort. / Ihm ist keine Zunge gewachsen. / Erinnerung hat sie nicht / gelöst, hat sie / zu einem Stummel verkümmert.
Schweigt und horcht. Wer pfeift / seinen Hunden wieder? / Schweigt und merkt: Wer schaut / wieder weg? / Es ist alles gewesen als wärs, / – als wärs vorbei.
Das Gedicht «KEIN Lied» in diesem Artikel, stammt aus dem unveröffentlichten Gedicht-Typoskrpt «Nachgerufen» von Franz Wurm und hat dort keinen Titel.