100. Geburtstag 19. Jun 2026

Wahlverwandtschaft im Geiste

Ingeborg Bachmann, fotografiert im Jahr 1960.

Ingeborg Bachmann war eine Ikone der deutschen Kulturlandschaft der Nachkriegszeit – der 100. Geburtstag der österreichischen Dichterin rückt die Bedeutung ihrer jüdischen Freunde wie Henry Kissinger und den Einfluss von Hannah Arendt auf ihr Werk in den Fokus.

Mitte Juni 1963 begegneten sich bei einer Lesung in New York die Dichterin Ingeborg Bachmann und die Denkerin Hannah Arendt. Die österreichische Schriftstellerin aus Klagenfurt war von der in die USA emigrierten deutsch-jüdischen Philosophin aus Königsberg tief beeindruckt. Sie habe nie daran gezweifelt, schrieb Bachmann ein paar Tage darauf an die 20 Jahre ältere Arendt, «dass es jemand geben müsse, der ist, wie Sie sind, aber nun gibt es Sie wirklich». Ihre Freude darüber werde immer anhalten. Bachmann fragte auch nach deren Eichmann-Projekt. Arendt befasste sich mit der Auswertung ihrer Beobachtungen des Eichmann-Prozesses 1961 in Jerusalem – Adolf Eichmann war in der Nacht zum 1. Juni 1962 gehängt worden – und bereitete die Artikelserie vor, die im «New Yorker» und dann als Buch erscheinen würde. Sowohl für Arendt als auch Bachmann war der Holocaust der Kristallisationspunkt. Hannah Arendt war neugierig auf jene Vertreter der Kriegsjugend-Generation, die «zu Hause» sind, wenn die Schuld an die Tür pocht (Bachmann). Und Bachmann bewegte, wie viele deutsche und österreichische junge Autoren nach 1945, die existenzielle Frage: Wie weiterleben, wie weiterhin schreiben? Bachmann und Arendt hatten eine jeweils eigene Antwort darauf gefunden. War es die freie, «geländerlose» Art des Denkens bei Arendt, waren es die sprachlichen Grenzgänge bei Bachmann, ihr Herstellen einer anderen Wirklichkeit in der Sprache, die von der Weite des Denkens und widerständigen Kraft zeugten, die beide besassen. Beide verband das Nachdenken über den Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit dem Nationalsozialismus. Beide plädierten für differenziertes Verstehen. Und beide einte die Überzeugung, dass der Verzicht auf eigenes kritisches Denken den Weg für Unmenschlichkeit ebnen, das Sprengen von gedanklichen Grenzen jedoch das Gegenteil bewirken kann. Hannah Arendt hinterliess in Bachmanns Werk vielfältige Spuren, die von den politisch-intellektuellen Berührungspunkten zeugen. Zugleich führt die neue Biografie «Zwei Menschen sind in mir» von der Bachmann-Expertin Andrea Stoll, anlässlich des 100. Geburtstages der Dichterin jetzt erschienen, vor Augen, dass die Einschätzung, Bachmanns Texte seien vor allem im Blick auf philosophisch-literarische Vorbilder zu lesen, zu kurz greift. Jetzt der Auswertung zugänglich gewordene Briefe und Tagebücher offenbaren, dass, mehr als bislang bekannt, Bachmanns Leben in ihre Literatur gefunden habe, ein ruheloses Leben zwischen Wien, Paris, Zürich, Berlin und Rom, in dem die Dichterin sich im emotional komplexen Geflecht ihrer Künstlerlieben zu Paul Celan, Heinz Werner Henze und Max Frisch verausgabte.

Poetische Resonanzen
Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Ihr innig geliebter Vater war NSDAP-Mitglied der frühesten Stunde, wofür die Familie nach 1945 einen hohen Preis zahlte. Nach Kriegsende lernte sie einen jungen Offizier der Alliierten kennen, der ebenso büchervernarrt war wie sie: Jack Hamesh, der per Kindertransport aus Wien nach England entkommen war und den Nationalsozialismus aus Sicht der Verfolgten erlebt hatte. Trotz des Verbots der «Fraternisierung» zwischen Soldaten und lokaler Bevölkerung entspann sich zwischen dem Juden in Uniform und Ingeborg eine Freundschaft, die Bachmanns Blick auf die Welt veränderte: freies Denken! Jacks Briefe an sie zeigen, wie offen und herzlich er von der Familie Bachmann aufgenommen wurde, wie sehr ihm daran lag und an einem möglichen künftigen Leben mit Ingeborg; die Begegnung hatte auch sein Weltbild auf den Kopf gestellt. Nach dem Abschied aus der Armee 1946 ging er nach Tel Aviv und schrieb ihr noch lange danach liebevolle Briefe. Aufwühlender als Jacks Weggang war für Bachmann das Liebesdrama mit Paul Celan. Die Kluft ihrer jeweiligen Erfahrung während des Nationalsozialismus begleitete und komplizierte diese im Mai 1948 in Wien begonnene Beziehung zu dem jüdischen Dichter wie ein Schatten; Celans Familie gehörte zu den Opfern des Holocaust. In Wien belegte Bachmann Philosophie, im Nebenfach Germanistik und Psychologie, war mit den Theorien Sigmund Freuds bestens vertraut. Der jüdische Psychoanalytiker Victor Emil Frankl, einer der ersten, die sich mit den Konzentrationslagern auseinandersetzten, gehörte zu ihren akademischen Lehrern. Die Anfang der 1950er-Jahre allmählich in Schweigen endende Beziehung mit Celan mag die intimste gewesen sein, war aber nicht die einzige Freundschaft Bachmanns mit einem beziehungsweise einer Überlebenden der Schoah, und diese Bünde trugen am Gewicht der Geschichte, die die Beteiligten sowohl trennte als auch verband. Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger hatten sich zwei Jahre nach Kriegsende in Wien kennengelernt, wo Bachmann studierte. Die fünf Jahre ältere Ilse, die die Nazizeit zusammen mit ihrer jüdischen Mutter in einem Versteck in Wien überlebt hatte und nun an ihrem Roman «Die grosse Hoffnung» schrieb, war für Bachmann eine schwesterliche Verbündete und Vorbild für eine Intellektuellenexistenz. Aichinger gehörte wie sie in den späten 1940er-Jahren zum literarischen Kreis um den jüdischen Wiener Autor Hans Weigel, der 1938 in die Schweiz emigriert und 1945 in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Er wurde Bachmanns Förderer und Liebhaber. Mit der Einladung zum Treffen der Gruppe 47 im Mai 1952 öffnete sich für Bachmann das Tor zur Literaturszene. Auch Aichinger gehörte zu den wenigen Frauen in der Gruppe 47 und wurde ein Star der Nachkriegsliteratur. Als aber Bachmann mit ihrem Lyrik-Band «Die gestundete Zeit» 1953 den Preis der Gruppe 47 erhielt, avancierte sie zur Ikone. Der Text appellierte an das Gewissen der Zeitgenossen, eine ganz eigene Synthese von lyrischer Tradition, literarischer Moderne und Zeitkritik, die für das Gefühl der Desillusionierung poetische Worte fand.

Henry Kissinger als Mentor
Nach diesem Durchbruch stand Ingeborg Bachmann im Zenit ihres frühen Ruhms. Der «Spiegel» setzte sie 1954 auf den Titel. In Amerika wurde daraufhin kein Geringerer als Henry Kissinger auf die Österreicherin aufmerksam. 1938 als Jugendlicher mit seiner Familie aus Fürth in die USA emigriert, hatte Kissinger 1954 seine preisgekrönte Dissertation über die «Grossmacht Diplomatie» als Faktor der Machtpolitik im nachnapoleonischen Europa vorgelegt. Nun wollte der 32-jährige Harvard-Professor jungen Europäern die Möglichkeit geben, den Way of Life und die Vorzüge Amerikas vor Ort kennenzulernen – der Ursprung des Harvard International Seminar. Kissinger schickte eine Einladung zur Summer School an Bachmann, die auf der Überfahrt nach Amerika im Frühsommer 1955 auch den Verleger Siegfried Unseld kennenlernte. Ihre Begegnung mit Amerika verarbeitete Bachmann in dem Hörspiel «Der gute Gott von Manhattan», in dem sie allerdings in jenem Kulturschock-Tenor über das Land klagte, von dem das Harvard-Programm die Teilnehmer doch abbringen wollte. Kissinger focht das nicht an, sie blieben in Kontakt und er bekundete ausdauerndes Interesse an ihr. Es war ebendieses «Manhattan»-Stück, das Max Frisch 1958 bei einem Aufenthalt in Hamburg zu Ohren kam und derart elektrisierte, dass er alle Hebel in Bewegung setzte, um die junge Autorin kennenzulernen. Ab 1958 führten Max Frisch und Ingeborg Bachmann für knapp fünf Jahre ihre aufreibende Liebesbeziehung mit Fokus Zürich, unterdessen zogen Celan und Bachmann unter ihre kurzzeitig wiederaufgeflammte Liaison einen endgültigen Schlussstrich. Bachmann lernte Hilde Domin kennen, Theodor Adorno, Gershom Scholem sowie Ernst Bloch. Ende Mai 1960 erwartete sie gemeinsam mit Paul Celan und Max Frisch in Zürich die jüdische Dichterin Nelly Sachs, der im Meersburg am Bodensee der Droste-Preis verliehen werden sollte. Dann kehrte Bachmann, im Gefühl, ihre lyrische Sprachkraft erschöpft zu haben, der Dichtung den Rücken.

Eine Sprache für Gewalterfahrung
Mit dem Erzählungsband «Das dreissigste Jahr» wandte Bachmann sich 1961 der Prosa zu, in der sie, zum Unmut der ihr bis dato huldigenden Fangemeinde, aggressivere Töne anschlug. Letztere widerspiegelten ihre privaten Krisen, Bachmann rang um eine neue Sprache, die persönliche wie historische Erfahrung von Gewalt abbilde: Die erlittene Traumatisierung im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges in Klagenfurt, die unerträgliche Erkenntnis, dass der geliebte Vater Nationalsozialist war, das Empfinden, dass Paarbeziehungen ein Schlachtfeld seien – der Tod war ein schmerzliches Motiv ihres Schreibens. Als sie 1962 in die USA reiste, wo sie Hannah Arendt begegnete, befand sie sich schriftstellerisch an der Schwelle zu ihrem «Todesarten»-Romanzyklus. Durch das Scheitern der Beziehung zu Max Frisch in ihre physisch und psychisch schwerste Krise gestürzt, fand sie nur langsam wieder zu literarischer Produktivität. Zurück in Europa, gelang es Ingeborg Bachmann nicht mehr, die Fassade aufrechtzuerhalten. Es war Henry Kissinger in New York, der ihr über seine Kontakte zur Ford Foundation ein Berlin-Stipendium verschaffte, mit dem sie Zürich verlassen und in der Mauerstadt einen Neuanfang versuchen konnte. Sie wurde krank, nahm aber mit letzter Kraft im März 1963 in eleganter Robe und Pelzstola an der Zürcher Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts «Herkules»-Drama teil, und schaffte es schliesslich nach Berlin. Im März 1971 erlebte sie einen letzten Triumph. Ihr Roman «Malina» stand wochenlang auf der Bestseller-Liste. Ingeborg Bachmann, starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Stets hatte sie sich als feminine Diva präsentiert, schon zu Lebzeiten ein Mythos. Umso mehr erschütterten die Umstände ihres Sterbens auch die Öffentlichkeit, die Tatsache, dass die Autorin in «Malina» ihren einsamen Feuertod auf geradezu unheimliche Weise vorweggenommen hatte: Ingeborg Bachmann war, heisst es, mit brennender Zigarette eingeschlafen. Die mysteriösen Umstände ihres tragischen Brandunfalls gaben Anlass für Spekulationen, sicher war, ihre Abhängigkeit von Psychopharmaka und ihr Hang zum Alkohol waren Teil davon. Die Nachricht von Bachmanns Tod mit 47 Jahren traf Hannah Arendt in New York und bestürzte sie. Die Begegnung damals in New York hatte etwas in ihr tief berührt, Spuren dazu finden sich in Arendts Briefwechsel mit Uwe Johnson. Hannah Arendt setzte sich mit dem Bachmann-Porträt «Eine Reise nach Klagenfurt», das Johnson im Januar 1974 publizierte, auseinander, und noch im August 1974 schrieb sie ihm aus ihrem Feriendomizil Tegna im Tessin über Bachmanns Novelle «Drei Wege zum See», wie schön diese sei. «Was für eine Erzählbegabung!» Jetzt brilliert Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann in einem Kinofilm und zeigt, wie anschlussfähig die Dichterin bis heute ist. Indem sie Geschlechterrollen behandelte, Identitätsfragen, Gewalt, Macht und Ohnmacht, nahm Bachmann viele den Wokeness-Diskurs prägende Themen vorweg. Früh hatte Bachmanns Werk Eingang gefunden in das ihrer zeitgenössischen Kollegen. Bereits Hans Weigel machte sie zur Heldin eines Romans, bei Thomas Bernhard und Max Frisch taucht sie ebenfalls als Figur auf, auch Paul Celan und Uwe Johnson sowie Christa Wolf und Elfriede Jellinek verarbeiteten Bachmann-Bezüge. Jetzt, zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns, der wegweisenden Lyrikerin der europäischen Moderne, überlagern sich Leben, Werk, Referenz und künstlerische Grösse mehr denn je. l

«Ingeborg Bachmann – jemand, der einmal ich war». Regie: Regina Schilling. Filmstart: 25. Juni.

Katja Behling