zürich 15. Mär 2019

Vom Menschenopfer zum Cyber-Mobbing

Flugschrift mit Darstellung der Hinrichtung des Juden Lippold Ben Chluchim (Berlin 1573).

Heute eröffnet das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich eine Sonderausstellung, die sich der Kulturgeschichte des Sündenbocks widmet, ein Thema, das überrascht und die Besucher nachdenklich entlässt.

Die Geschichte der Menschheit ist auch die Ge­schichte der Bedrohung des Menschen – durch die Gewalten der Natur und durch die Gewalt, die er seiner eigenen Spezies antut. Verheerende Heimsuchungen wie Dürre und Missernten, Pest und Cholera, Stammesfehden und Kriege be­drohten in allen Kulturen seit jeher den Fortgang des Lebens. Um höhere Mächte möglichst wohl zu sinnen und die Einheit der Gemeinschaft an­gesichts von Katastrophen zu stärken, mussten in allen Epochen Schuldige gefunden werden, an denen Rache geübt werden konnte und die deshalb auch kaum mit dem Leben davongekommen sind.

Der französische Religionsphilosoph René Girard, dessen Schriften dem Nationalmuseum Anlass waren, sich mit der Kulturgeschichte des Sündenbocks zu befassen, umreisst die Mechanik der Stigmatisierung folgendermassen: «Zunächst muss eine gesellschaftliche Krise gegeben sein, die es zu beseitigen gilt. Die Gemeinschaft imaginiert eine Anschuldigung, eine vermeintliche Ursache für die Krisensituation. Anhand eines bestimmten Opferzeichens, eines unterscheidenden Merkmals, sucht sie eine Person oder Personengruppe aus, auf die sie die imaginierte Schuld projiziert. Das vierte Merkmal neben Krise, Anklage und Selektion besteht in der gewaltsamen Vertreibung und Auslöschung der Sündenböcke.»

Ein Überlebensprinzip
Den Begriff «Sündenbock» in seiner heutigen Sinngebung hat die luthersche Bibelübersetzung in Umlauf gebracht. Im Judentum hat er eine andere Bedeutung. Der jüdische Sündenbock ist schon seit Moses Teil der Opferrituale. Am Versöhnungstag, dem Jom Kippur, wurde ein mit den Sünden des Volkes beladener Bock zum Dämon Asasel in die Wüste gejagt – um nie mehr wiederzukehren. Die Sünden wurden also buchstäblich in die Wüste geschickt! Dass die Juden später selbst zu einem Asasel, zu einem Dämon der Christenheit bei der Zuteilung von Schuld an den politischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Krisen des Abendlandes gemacht werden, zeigt, wie wirkungsmächtig sich Ausgrenzung, Vertreibung und Genozid instrumentalisieren lassen. Auch andere Völker teilen ein solches Schicksal – die Armenier als Sündenböcke des zerfallenden Osmanischen Reiches oder die Tutsi in Ruanda.

Ein Sündenbock wird immer da gebraucht, wo von Krisen bedrohte Menschen ihr Gewalt­potenzial auf Einzelne richten, um den Zusammenhalt der Mehrheit nicht zu gefährden. Doch was archaisch anmutet, ist so altertümlich nicht. Am Übergang zur Neuzeit wurden auch hierzulande noch Frauen als Hexen hingerichtet oder Aussenseiter gepeinigt und an den Pranger gestellt. Selbst die Idee, dass Juden angeblich rituelle Morde vollziehen, hält sich zäh bis in die Gegenwart.­ Und was wäre im Zeitalter der digitalen Desinformation das Mobbing ohne ein Opfer? Sündenböcke lassen sich in jeder Herde ausmachen: am Arbeitsplatz, in der Politik, in den sozialen Netzwerken. Sie werden überall dort ausgegrenzt, wo Missgunst und Neid keinen Einhalt geboten wird.

50 Sündenböcke aus drei Jahrtausenden
Mag es auf den ersten Blick überraschen, dass das Schweizerische Nationalmuseum dieser Thematik­ eine Sonderausstellung widmet, so zeigt der zweite Blick sehr deutlich, dass mit diesem­ Zugang ein erhellender Längsschnitt durch unsere Kulturgeschichte freigelegt wird, der Zusammenhänge offenbart. Sinngemäss auch der Leitfaden der Kuratorin Marina Amstad: «Wir thematisieren nicht die grossen politischen Er­eignisse. Der Fokus der Ausstellung liegt auf der Gewalt im Alltag.»

Die Ausstellung ist in fünf Räume gegliedert: Urgeschichte und ihre Mythen, Judentum und Christentum, Mittelalter, Wissenschaft und Aufklärung, Moderne. Jede dieser Zeitepochen produzierte ihre Sündenböcke, und dadurch wird erfahrbar – und wohl auch prognostizierbar –, dass die Ausgrenzung Einzelner oder gar ganzer Volksgruppen weder moralisch geächtet war, noch überwunden ist.

Wer erwartet, dass sich die Ausstellung mit der Schoah befasst, oder zumindest mit dem Paradebeispiel­ des jüdischen Sündenbocks, dem württembergischen Hofjuden Joseph Süss Oppenheimer «Jud Süss», wird überrascht. Als grausiges Exempel dient das Leben und Sterben des Lippold Ben Chluchim, eines jüdischen Hof­faktors und Münzmeisters am kurfürstlichen Hof in Berlin. Sein Schicksal ist so infam, dass man sich wundert, kaum davon gehört zu haben. Vergleichsweise besser in Erinnerung ist die Auswahl der zeitgenössischen Sündenböcke: alt Bundes­rätin Elisabeth Kopp, der wegen Landesverrats verurteilte Brigadier Jean-Louis Jeanmaire, Amanda Todd, die sich wegen Cyber-Mobbings mit sechzehn Jahren umbrachte, oder der fran­zösische Polizist Daniel Nivel, der von deutschen Hooligans während der Fussball-WM 1998 fast totgeprügelt wurde. Insgesamt haben die Aus­stellungsmacherin­ und ihr Team die Schicksale von über 50 Sündenböcken aus drei Jahrtausenden wieder aufleben lassen. Dazu reichlich Exponate, darunter eine prächtige Gladiatorenrüstung aus dem alten Rom, der Kopf einer Moorleiche oder ein seltener Druck der Zehn Gebote («Sofer Jekuthiel» Amsterdam 1768). – Wem die Fülle des Gebotenen nicht ausreicht, dem sei René Girards «Der Sündenbock» (deutsch erschienen 1988 in Zürich) zur Lektüre empfohlen.

Die Ausstellung des Schweizerischen 
Nationalmuseums ist bis zum 30. Juni 
im Landesmuseum Zürich zu sehen.

 

Gabriel Heim