aargau 16. Okt 2020

In und aus dem jüdischen Aargau

Der Regisseur William Wyler mit Wurzeln in Endingen im Gespräch mit Audrey Hepburn am Set des Films «How To Steal A Million» im Jahre 1965.

Das neue Buch «Jüdischer Kulturraum Aargau» erzählt eine jüdische Emanzipations- und Migrationsgeschichte – und setzt den Ur-Kanton der jüdischen Schweiz in Verbindung mit der grossen weiten Welt.

Es war ein Glücksfall: 1933 stellte der von Niederlagen gebeutelte Fussballclub Aarau den erfahrenen und kompetenten Fritz Kerr als Trainer seiner Mannschaft ein. Der 1892 in der Wiener Leopoldstadt als Fritz Kohn geborene Kerr füllte seine Anstellung zur vollen Zufriedenheit des Fussclubs aus – und sie rettete den ehemaligen Trainer der Stuttgarter Kickers vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Die Biografie Fritz Kerrs ist nur ein Teil der jüdisch-aargauischen Geschichte, die im neu erschienenen Buch «Jüdischer Kulturraum Aargau» nachzulesen ist. Als Fritz Kerr zum ersten Mal in die Schweiz kam, durften sich Jüdinnen und Juden im Land seit 67 Jahren frei niederlassen. Erst die revidierte Bundesverfassung von 1866 hatte es ihnen erlaubt, sich auch ausserhalb von Endingen und Lengnau niederzulassen. Vereinzelt hatten sie sich schon davor in anderen Schweizer Ortschaften angesiedelt.

Vom Surbtal nach New York
Die Wege der jüdischen Aargauerinnen und Aargauer führten von Lengnau bis Baden und Zürich, von Endingen bis Bremgarten und Bern, vom Surbtal bis nach Aarau, Tel Aviv oder New York. Aber auch in umgekehrter Richtung kamen und kommen Jüdinnen und Juden – wie das Beispiel Fritz Kerrs zeigt – in den Aargau. Hier setzt das Buch «Jüdischer Kulturraum Aargau» an: Durch den Blick auf die Migration und die Rituale und Geschichten der Menschen wird aus dem engeren, geografisch definierten Aargau ein weiter gefasster Kulturraum. Die Herausgeber des Buches, Angela Bhend und Jacques Picard, traten mit dem Buchprojekt an den Kanton Aargau, der das Buch nachhaltig unterstützt hat. Angela Bhend ist an der Universität Basel tätig und verfasste eine Doktorarbeit über jüdische Warenhausgründer in der Schweiz. Jacques Picard ist emeritierter Professor für Geschichte und Kulturen der Juden in der Moderne und Branco-Weiss-Professor für Kulturanthropologie an der Universität Basel. Er ist unter anderem Präsident der Stiftung Jüdische Zeitgeschichte an der ETH Zürich. Das Patronat für «Jüdischer Kulturraum Aargau» übernahmen der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Historische Gesellschaft des Kantons Aargau. «Die meisten Publikationen zum jüdischen Leben im Surbtal und dem Kanton Aargau liegen weiter zurück und sind sehr spezifisch», sagt Mitherausgeber Picard.

Überraschende Beiträge
Ein Buch, das diesen Raum in ein grösseres Beziehungsgeflecht stellte, erwies sich als nötig. Das Buchprojekt war anfangs mit 15 bis 20 Beiträgen geplant, am Ende finden sich darin Texte von mehr als 50 Autorinnen und Autoren. Die Herausgeber hat überrascht, wie viel Wissen zu diesem Thema in allen möglichen Facetten vorhanden ist und wie viele Wissensträger aus dem In- und Ausland sich meldeten, um einen Beitrag beizusteuern. So bettet Sarah Ross, Professorin für Jüdische Musikstudien und Direktorin des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, in ihrem Beitrag nicht nur die Surbtaler Synagogenmusik in den grösseren Kontext der deutsch-jüdischen Musiktradition ein, sondern präsentiert auch jüdische Volkslieder, die auf Surbtaler Jiddisch gesungen wurden. Weniger bekannt war auch die eingangs erwähnte Tätigkeit Fritz Kerrs für den FC Aargau. Seine Biografie hat Erik Petry, stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel, für das Buch zusammengetragen.

Interessant ist auch, wie der Klarinettist und Klezmermusiker Joel Rubin in einer Doppelrolle im Buch auftritt. Der Musiker und Komponist Alan Bern porträtiert den 1955 in Los Angeles geborenen Joel Rubin. Dieser ist eine der führenden Figuren der zeitgenössischen Klezmer-Musik und der modernen Klassik. Beheimatet ist der weltweit künstlerisch tätige Joel Rubin im Aargau. Selbst hat Joel Rubin einen Beitrag über den ungarisch-jüdischen Musiker János Tamás verfasst, der nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 in den Aargau floh.

Viele Anknüpfungspunkte
Neben individuellen Porträts bietet das Buch «Jüdischer Kulturraum Aargau» mit themenzentrierten Beiträgen zum Beispiel zum Kampf um die Emanzipation der Schweizer Jüdinnen und Juden oder der Geschichte des Surbtaler Jiddisch vertiefte und vielleicht auch neue Einblicke in die jüdisch-aargauische und jüdisch-schweizerische Geschichte. Historische Überblicke erklären den Wandel vom ländlichen Leben der Schweizer Jüdinnen und Juden zu einer urbanen Lebenswelt. Auch die Geschichte und die Gegenwart der jüdischen Gemeinden werden dargestellt.

Mit dem Verständnis des Aargaus als jüdischer Kulturraum verfolgt das Buch einen anderen Ansatz als der Verein «Doppeltür», der sich auf das Surbtal fokussiert und der künftig in einem Besucherzentrum in Lengnau die Geschichte des Surbtaler Judentums vermitteln möchte. Gemeinsam ist ihnen jedoch das Verständnis des christlich-jüdischen Zusammenlebens im Surbtal als positive Erbschaft der Toleranz, die sich in der Metapher der «Doppeltür» niederschlägt. Das Buch vereint Beiträge von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen und beleuchtet die jüdisch-aargauische Geschichte aus vielen Blickwinkeln und in vielen Facetten. Die Herausgeber haben bewusst kein Buch zum Antisemitismus konzipiert, sondern ein Buch über die Vielfalt jüdischer Lebenswelten vorgelegt. Das macht das Buch zu einem spannenden und verlässlichen Nachschlagewerk zum Schweizer Judentum im Aargau und darüber hinaus. Es kann Ausgangspunkt für eine breitere Auseinandersetzung mit dem Thema werden und Basis für einen umfassenderen Zugang zum Judentum zum Beispiel an Schweizer Schulen. l

«Jüdischer Kulturraum Aaargau», Herausgegeben von Jacques Picard und Angela Bhend, Hier und Jetzt – Verlag für Geschichte und Kultur, Baden 2020.

Sarah Leonie Durrer