Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau hat in Israel gleich zwei kulturelle Tabus herausgefordert. Im Rahmen der Vorbereitungen für seine Inszenierung von Richard Wagners «Der fliegende Holländer» an der Deutschen Oper Berlin reiste Rau mit seinem Team durch Israel, das Westjordanland und bis an die Grenze zum Gazastreifen. Dabei liess er auch Musik Wagners spielen, dessen Werke wegen des Antisemitismus des Komponisten und ihrer Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten in Israel bis heute weitgehend gemieden werden. Rau machte aus der Recherche eine Reise durch die deutsch-israelische Geschichte. Stationen waren unter anderem der Jerusalemer Hauptbahnhof, ein am 7. Oktober verwüsteter Kibbuz, ein palästinensisches Dorf im Westjordanland und ein Hügel mit Blick auf Gaza. Er sprach mit ehemaligen israelischen Geiseln ebenso wie mit Menschen aus Gaza und thematisierte damit zugleich einen zweiten Boykott: Während Teile der internationalen Kulturszene derzeit Israel meiden, entschied sich Rau bewusst für die Reise und den direkten Austausch. Besonders kontrovers wurde eine Veranstaltung in Jaffa, bei der Wagner-Musik erklang und zugleich über den Krieg in Gaza diskutiert wurde. Die israelische Regisseurin Einat Weizman und die palästinensische Künstlerin Fidaa Zidan thematisierten die Lage der Palästinenser. Der Vorsitzende der israelischen Wagner-Gesellschaft wiederum forderte öffentlich ein Ende des informellen Wagner-Boykotts. Für Rau gehören die verschiedenen historischen und gegenwärtigen Traumata zusammen. Seine Inszenierung soll deshalb als eine Art Roadmovie durch die deutsch-israelische Geschichte funktionieren. «Der fliegende Holländer» feiert am 24. Oktober in Berlin Premiere.
Milo Rau
04. Sep 2026
Tabu
Emily Langloh