Norbert Cymbalista ist vor 100 Jahren in Deutschland geboren worden, flüchtete vor den Nazis – und bringt nun seine Rimonim-Sammlung ins Jüdische Museum Frankfurt.
Die Bibliothek des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main wurde eigens umgestaltet, um eine aussergewöhnliche Kollektion von über 70 kunstvollen historischen Thora-Aufsätzen (Rimonim) in einer grossen Vitrine adäquat zu präsentieren. Ab September sind die von einem privaten Sammler, Norbert Cymbalista, zusammengetragenen Kunstobjekte dort zu sehen. Klassischerweise aus Silber oder Gold gefertigt (moderne Varianten können auch aus Acryl bestehen) und aufwendig verziert, bringen die krönenden Schmuck-Aufsätze für die zwei hölzernen Rollstäbe der Thora die besondere Ehrerbietung und den Respekt ihr und damit dem Wort Gottes gegenüber zum Ausdruck. Traditionell sind sie mit kleinen Glöckchen versehen, die das Emporheben der Rolle während des Synagogen-Gottesdienstes akustisch begleiten. Ein wiederkehrendes Rimonim-Element ist der stilisierte Granatapfel als Symbol im Judentum, das für Leben und Fruchtbarkeit steht, der hebräische Ausdruck «rimonim» für die Thora-Aufsätze leitet sich vom hebräischen Wort für Granatapfel ab, «rimon». Gesammelt hat die jetzt in Frankfurt präsentierten kostbaren Zeremonial-Requisiten der gebürtige Rheinhesse Norbert Cymbalista. Der in der Schweiz lebende Unternehmer und Philanthrop hat seine Schätze dem Jüdischen Museum nun als Dauerleihgabe überlassen. Über beinahe ein halbes Jahrhundert hinweg von ihm und seiner Frau Paulette weltweit in jüdischen Gemeinden aufgespürt und erworben, bilden Norbert Cymbalistas Rimonim-Objekte die grösste private Sammlung ihrer Art weltweit. Sie erzählen von jüdischer Religion, Liturgie, Tradition und Handwerkskunst und von Reisen durch Zeit und Raum.
Von Italien bis Irak
Die in Frankfurt ausgestellten Stücke stammen aus Europa, Nordafrika, dem arabischen Raum und Ostasien. Sie zeigen, wie Migration und intensiver kultureller Austausch etwa in einstigen Handelszentren die Weiterentwicklung der jüdischen Gemeinschaft beeinflusst haben. In ihrer kunsthandwerklichen Qualität und Vielfalt, ihrer kunsthistorischen Bedeutung und historischen Aussagekraft stellen die Exponate ein unvergleichliches Ensemble jüdischer Ritualkunst aus den jeweiligen Kulturräumen dar. Ausgestellt in Frankfurt ist etwa ein auf 1800 datiertes silbernes Rimonim-Paar aus Aden im Jemen. Die Inschrift auf diesen Thora-Aufsätzen weist auf eine weite Wanderschaft hin. Ursprünglich aus Aden stammend und nach Alexandria immigriert, haben die einstigen Besitzer diese Stücke bei ihrer späteren Einwanderung 1938 einer Synagoge in Tel Aviv vermacht. Aden hatte bereits im 11. Jahrhundert eine grosse jüdische Gemeinde. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Briten die Macht übernommen hatten, lebten nur noch ein paar hundert Einwohner in der Stadt, 1947 zählte die jüdische Gemeinde mit 5000 Mitgliedern dann beinahe zehnmal so viel. Doch dann kam es zu Pogromen und mit Gründung des Staates Israel zu einer allgemeinen Auswanderungswelle. Auch Rimonim aus dem Irak sind zu sehen. Die Form der silbernen Bagdad-Rimonim aus dem Jahre 1890 erinnern an einen Granatapfel, daran hängen an Kurzketten befestigte Glöckchen. Die Stücke sind graviert mit der Inschrift «Josephs Sohn». Die Juden aus dem Irak gelten als die älteste Diaspora-Gemeinde, ihre Ursprünge reichen bis in die Zeit der Tempelzerstörung in Jerusalem zurück. Ein anderer, besonders prächtig verzierter Thora-Aufsatz aus Silber stammt aus Venedig und geht auf das Ende des 17. Jahrhunderts zurück. Venedig als pulsierender Handelsplatz zog bereits im Frühmittelalter Juden aus verschiedenen Regionen und Ländern an. Die norditalienische Lagunenstadt war bekannt und berühmt für die Qualität des verwendeten kunsthandwerklichen Materials, der venezianische Barockstil wurde über Jahrhunderte prägend für die Gestaltung von Rimonim in Italien. Die wenigen Beispiele zeigen, wie facettenreich gerade Rimonim von jüdischer Geschichte erzählen, die nun in Frankfurt auf neue Weise erfahrbar ist.
Unternehmer und Mäzen
Norbert Cymbalista, 1926 in Worms geboren, flüchtete als 12-jähriger in der Karnevalsnacht im Februar 1939 vor nationalsozialistischer Verfolgung allein zu Fuss nach Belgien und kam im März 1939 bei seinem Onkel in Frankreich an. Als der Krieg ausbrach, kehrte er nach Worms zurück, um auch seine Eltern zur Flucht zu bewegen. Sie folgten ihm im Herbst 1939 nach Antwerpen, wurden interniert und kamen erst im Mai 1940 wieder frei. Gemeinsam floh die Familie weiter nach Marseille. Als dann im September 1942 die Vichy-Regierung mit Deportationen begann, wagten die Cymbalistas mit gefälschten Papieren die Flucht in die Schweiz. Von der Polizei noch im Grenzgebiet aufgegriffen, wurden sie in Internierungslager gebracht. Dank der Hilfe eines Priesters kam der Sohn nach zwei Jahren frei, die Eltern bei Kriegsende. Da er die Schweiz wegen fehlender Papiere verlassen musste, wanderte Norbert Cymbalista weiter nach Mailand. Dort baute der Staatenlose sich in den Jahrzehnten nach dem Krieg aus dem Nichts eine Existenz auf. Als Selfmademan gelang ihm, ohne Schulabschluss, ohne Kapital und ohne Kontakte, eine überaus erfolgreiche Karriere im Immobilien- und Finanzbereich (vgl. tachles, 27/26). So erfolgreich, dass Cymbalista Mitte der 90er-Jahre auf dem Campus der Universität von Tel Aviv ein Kulturzentrum errichten lassen konnte. Mit seiner Frau finanzierte der Kosmopolit dort auch eine Synagoge, die im Mai 1998 eingeweiht wurde. Die «Cymbalistische Synagoge» – ein Projekt, das die Universität zunächst ablehnte – ist als modernistischer Sakralbau ein längst ikonisch gewordenes Gebäude des Schweizer Architekten Mario Botta. Zu einem Ort der Begegnung zwischen religiösen und säkularen Juden geworden, ist sie heute Teil des Jewish Heritage Center.
Der Eröffnung der Sammlung am letzten Mittwoch ging das Fachsymposium «Sammeln ist Bewahren, Bewahren ist Erzählen – und Fragen» voraus. In ihrem Vortrag fragte die international renommierte Expertin Felicitas Heimann-Jelinek, was Sammeln eigentlich bedeutet: Rimonim, eigentlich für den liturgischen Gebrauch an der Thorarolle bestimmt, stehen in der Vitrine still und stumm – aus rituellen werden musealisierte Objekte. Sie stützt sich auf Goethe, Walter Benjamin und Krzysztof Pomian: Sammeln ist keine Anhäufung, sondern entsteht durch Auswahl, Vergleich und Urteil. Benjamin beschreibt den Sammler als jemanden, der Dinge aus ihrem Kontext löst und neu verknüpft; Pomians Begriff der «Semiophoren» beschreibt Objekte, die durch Herausnahme aus dem Gebrauch neue Bedeutung gewinnen. Gerade die enge Fokussierung auf einen einzigen Objekttyp macht die Sammlung interessant: Wiederholung macht feine Unterschiede sichtbar, die ein Einzelstück nie zeigen würde. Mit der Schenkung ändert sich die Fragestellung: Der Sammler fragt «Was fehlt noch?», das Museum fragt «Was können wir daraus lernen und erzählen?». Bewahren dient dem historischen Erzählen, wozu es Fragen braucht – etwa die scheinbar simple Frage, woher ein Objekt stammt, jenseits der Katalogangabe von Ort und Jahr.
Neues Angebot
Die nun in Frankfurt präsentierte international renommierte Sammlung macht die lebenslange Leidenschaft und das enorme Engagement des Ehepaars Cymbalista für die Bewahrung jüdischen Kulturerbes greifbar und Judaica unschätzbaren Werts einer breiten Öffentlichkeit und künftigen Generationen zugänglich. Die Objekte dokumentieren reiche liturgische Traditionen, regionale Stilentwicklungen und etliche Migrationsgeschichten. Sie veranschaulichen wirtschaftliche Verflechtungen, überliefern individuelle Lebenswege und bieten so in ihrer Gesamtheit eine Fülle von neuen Perspektiven auf die globale Dimension jüdischer Geschichte. Ein Interview mit dem Stifter Norbert Cymbalista rundet die Museumspräsentation ab. Er, seine Eltern sowie zwei Cousinen und Cousins sind die einzigen Personen seiner Familie, die die Shoa überlebten. Vor diesem Hintergrund machte Norbert Cymbalista sich die Stärkung der religiösen jüdischen Kultur zur Lebensaufgabe. Dass die Ausstellung seiner Sammlung nun in Frankfurt zu erleben ist, dürfte überdies das denkbar schönste nachträgliche Geburtstagsgeschenk für den Mäzen sein.
Norbert Cymbalista wurde im Juli 100 Jahre alt. Die Eröffnungstage in Frankfurt mit einem Pressemarathon und vielen speziellen Führungen nahm der sichtlich erfreute Cymbalista gelassen hin und betonte die mit dem Programm verbundene Aufarbeitung der Sammlung im Netz und in Begleitprogrammen. In der Fragerunde mit dem Publikum brachte Cymbalista die Tage dann schliesslich schmunzelnd auf den Punkt: «Wenn man 100 Jahre ist, muss man an die Zukunft denken.»
«Rimonim aus aller Welt: Die Cymbalista-Sammlung von Tora-Aufsätzen». Bibliothek des Jüdischen Museum Frankfurt. Ab 3. September.