dokumentarfilm 27. Mär 2026

Im Fadenkreuz der Geheimpolizei

Der Fotograf Edward Serotta reiste in den 1980er Jahren nach Rumänien, um jüdisches Leben zu dokumentieren, und wurde dabei von der rumänischen Securitate ausspioniert.

Die rumänische Geheimpolizei verfolgte einen jüdischen Fotografen – Jahrzehnte später wurden die Akten der Geheimpolizei zum Film.

Er hatte wilde Haare und trug Jeans. Er war Amerikaner – und Jude. Er hatte eine Kamera. Das reichte anscheinend aus, um eine Überwachung durch die berüchtigte Geheimpolizei des kommunistischen Rumäniens, die Securitate, auszulösen.

Heute, 41 Jahre nachdem der Fotojournalist Edward Serotta mutig hinter den Eisernen Vorhang trat, können wir dank einem kurzen Dokumentarfilm des renommierten rumänischen Regisseurs Radu Jude und des Historikers Adrian Cioflâncă sehen, wie besessen die Rumänen von ihm waren.

Von der Geheimakte auf die Leinwand
Der Film «Plan contraplan/Shot Reverse Shot», der letzten Monat auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte, widmet sich nicht nur der Beobachtung des Fotojournalisten durch die Securitate. Er gibt Serottas Erinnerungen an Rumänien in den 1980er Jahren ebenso viel Raum.

Und natürlich den Fotos: Nach seinem Rumänien-Abenteuer schlug Serotta in Europa neue Wurzeln und dokumentierte jahrzehntelang das jüdische Leben, das im Holocaust fast ausgelöscht worden war. Er hat mehrere Fotobände veröffentlicht, die jüdische Gemeinden dokumentieren. Ausserdem hielt er den Fall der kommunistischen Regimes fest, in denen er als junger Mann gelebt hatte. Der 22-minütige Film war einer von mehreren, die auf dem Festival gezeigt wurden und sich mit Themen rund um das jüdische Leben und die jüdische Geschichte oder den israelisch-palästinensischen Konflikt befassten.

Die hier dokumentierte obsessive Bespitzelung durch das kommunistische Regime erscheint heute absurd. Doch damals war sie absolut ernst gemeint. Im Film erzählt Serotta, welcher 1949 in Atlanta geboren wurde, wie die kommunistischen Behörden ihm 1985 «die Erlaubnis erteilt hatten, nach Rumänien zu kommen, in der Annahme, dass er begeisterte, lobende und positive Artikel über Rumänien schreiben würde». Den Behörden hatte er vorab mitgeteilt, er wolle Gedenkstätten des Zweiten Weltkriegs dokumentieren, von denen es damals nur eine Handvoll gab. Heute gibt es viel mehr.

«Er wird unter Beobachtung gestellt», erklärt die Spionin, die in der zweiten Hälfte des Films von der rumänischen Politikwissenschaftlerin Diana Mărgărit gesprochen wird, «um den Kontakt mit parasitären Protestelementen zu verhindern.» Während Serotta seine Kamera ausrichtete, schlichen die Informanten um ihn herum, machten schnelle Aufnahmen und notierten Beobachtungen. Eines Tages drangen sie auch in sein Hotelzimmer ein. Die Dinge, die sie verzweifelt festhielten, sind «heute lustig» und eine Erinnerung an ein vergangenes Regime, erklärte Adrian Cioflâncă, welcher Mitglied des Beirats ist, der den Nationalen Rat für die Erforschung der Securitate-Archive berät. «Ich habe als Kind 15 Jahre lang unter dem Kommunismus gelebt. Und es war kein Spass.»

Leben unter Beobachtung
41 Jahre lang, bis zum Sturz des Regimes und der Hinrichtung von Präsident Nicolae Ceaușescu und seiner Frau Elena im Jahr 1989, spionierte die Securitate die Bürger Rumäniens aus, terrorisierte sie und unterdrückte jede Form von Dissens. Laut dem virtuellen Cryptomuseum mit Sitz in den Niederlanden verfügte die Securitate über bis zu 11 000 Agenten und 500 000 Informanten, die eine Bevölkerung von 22 Millionen Menschen überwachten. Im Jahr 2006 berichtete eine Regierungskommission, dass mehr als 600 000 Rumänen – und möglicherweise rund 2 Millionen – wegen politischer Verbrechen inhaftiert wurden und mehr als 100 000 starben.

Westliche Journalisten wurden zwar misstrauisch beäugt und überwacht, aber zumindest in den 1980er Jahren bis zu einem gewissen Grad umworben. Als Serotta 1985 um einen Besuch bat, war Nicolae Ceaușescu bereits seit etwa 11 Jahren Präsident und hatte die Kommunistische Partei bereits seit 1965 geführt. Ceaușescu galt als freundlich dem Westen gegenüber: Er hatte sich 1968 geweigert, Truppen für die Invasion in die ehemalige Tschechoslowakei abzustellen, und er hielt die Beziehungen zu Israel aufrecht, als andere kommunistische Länder ihre Verbindungen abbrachen.

Zu dieser Zeit strebte das Regime den «Meistbegünstigungsstatus» der Vereinigten Staaten an, was davon abhing, dass es seiner Bevölkerung eine gewisse Bewegungsfreiheit gewährte. «Während der Ceaușescu-Ära kamen 855 westliche Journalisten nach Rumänien, davon waren 80 Amerikaner», sagte Cioflâncă, der auch das in Bukarest ansässige Zentrum für das Studium der jüdischen Geschichte unter der Föderation der jüdischen Gemeinden in Rumänien leitet. «Viele dieser Besuche wurden als Propagandainstrument organisiert. In allen Fällen wollten sie sich in die Arbeit des Journalisten einmischen und diese beeinflussen. Sie versuchten etwas Ähnliches mit Edward, als er kam», fügte er hinzu.

«Sie hatten das Gefühl, dass die Juden sehr einflussreich sind, insbesondere in den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten», sagte Serotta in einem Interview. «In ihren Augen galt alles, was israelisch, jüdisch oder amerikanisch-jüdisch war, als wichtiger Einflussfaktor, den sie damals für ihre politische PR nutzen konnten.» Serotta zog schliesslich nach Europa und gründete im Jahr 2000 das gemeinnützige Archiv Centropa, dessen Ziel es ist, das jüdische Vermächtnis in Mittel- und Osteuropa, auf dem Balkan, im Baltikum und in der ehemaligen Sowjetunion zu bewahren. 2024 wurde Centropa vom US Holocaust Memorial Museum erworben.

Propaganda und Kalkül
Angesichts Serottas Besessenheit, Geschichte zu dokumentieren, sagte Cioflâncă, sei er überrascht gewesen, dass sein Freund seine Securitate-Akten nie eingesehen hatte. Vor einigen Jahren fragte er Serotta, ob er sie sehen wolle. «Das Komische ist, ich dachte nicht, ich sei wichtig genug, um eine Akte zu haben», erinnerte sich Serotta.

Cioflâncă fand rund 300 Seiten an Dokumenten. Die Informanten hatten versucht, den Fotojournalisten zu beeinflussen, indem sie behaupteten, die Ermordung von Juden in der Region während des Zweiten Weltkriegs sei «ein nebensächlicher Moment» gewesen, wie Cioflâncă feststellte. «Sie wollten sicherstellen, dass ihr Ruf unbescholten blieb, dass sie keine Kollaborateure waren.» Nach Angaben des US Holocaust Memorial Museum und von Yad Vashem wurden während des Holocaust mindestens 380 000 rumänische Juden ermordet.

Die alte Heimat
«Ich war für einige Wochen dort», sagte Serotta. Er erinnerte sich an «eine sehr angespannte Atmosphäre. Nichts funktionierte richtig. Wir fanden kaum Lebensmittel in den Geschäften. Es war schrecklich.» Er ist immer noch erstaunt, dass die Securitate so viel Zeit damit verbrachte, ihn zu verfolgen. «Das ist schon komisch.»

«Viele Securitate-Beamte waren ziemlich dumm», sagte Serotta im Interview. «Sie waren in ihrer Arbeit so versessen, dass ihnen der Sinn für das Lächerliche und den Humor fehlte.» Ausserdem «war ihre [Foto-]Ausrüstung erstens nicht besonders gut. Zweitens machten sie das meist heimlich: hinter einer Wand oder einer Tür oder so etwas in der Art. Aber wie das alte Sprichwort sagt: Die Bilder sind toll, weil ich jung aussehe.»

Serotta ignorierte die Überwachung grösstenteils oder nahm sie gar nicht wahr, ausser wenn er sich auf abgelegenen Strassen befand und die einzigen beiden Autos, Stunde um Stunde, seins und das eines Spions waren, der ihm auf den Fersen war.

Und doch war die Reise nach Rumänien für ihn einzigartig. Bei einem seiner ersten Besuche in einer jüdischen Gemeinde in Rumänien sagte er sich: «Wow, das ist interessant. Das ist wie in der alten Heimat.» Dann bemerkte er: «Es ist nicht wie die alte Heimat. Es ist die alte Heimat, und ich bin mittendrin.» Er fügte hinzu: «Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, eine Tür geöffnet zu haben, und ich bin nie wieder durch sie zurückgegangen.»

Toby Axelrod