Husam Maarouf 16. Jan 2026

Grenzenlos

Der palästinensische Dichter Husam Maarouf hat den Krieg im Gazastreifen schreibend überlebt und sich entschieden, seine Gedichte ausgerechnet auf Hebräisch zu veröffentlichen. Während Bombardierungen, Flucht und permanenter Todesangst schrieb der 43-Jährige weiter, oft nachts, um «die Scherben dessen zu sammeln, was täglich in mir zerbrach». Aus diesen Texten entstand der zweisprachige Band «Crying in Front of the River Twice: Poetry from Gaza», auf Arabisch und Hebräisch. Maarouf schildert in seinen Gedichten das Leben unter Beschuss, die Angst vor Verstümmelung, den Verlust von Freunden und Angehörigen sowie das Gefühl völliger Entwertung. Schreiben sei für ihn kein literarisches Projekt gewesen, sondern «ein Versuch zu überleben» und sich selbst zu vergewissern, noch fühlend zu sein. Die Entscheidung für eine hebräische Übersetzung traf er gemeinsam mit der Lyrikerin und Verlegerin Ayat Abou Shmeiss aus Yafo. Sie beschreibt ihn als zutiefst sanft und radikal ehrlich. Die Buchvernissage in Yafo fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Ein solcher Band aus Gaza, noch dazu auf Hebräisch, gilt sowohl auf palästinensischer wie auf israelischer Seite als Provokation. Maarouf weist den Vorwurf der «Normalisierung» zurück. Sprache sei für ihn der letzte Faden zur Welt, ein Mittel, den «anderen» zu erreichen und ihn zu zwingen, hinzusehen. «Wir sind nicht alle Hamas», sagt er, ebenso wenig unterstützten alle Israelis die Gewalt gegen Gazaner. Noch lebt Maarouf mit seiner Familie in Gaza-Stadt, unter prekären Bedingungen. Seine Hoffnung ist, dass seine Gedichte Grenzen überschreiten und einen Raum öffnen für Menschlichkeit jenseits von Parolen.

Emily Langloh