geschichte 06. Feb 2026

«Frische Radikalität des Geistes»

Das Romanische Café im Berlin der 1920er Jahre war wie viele andere eine Art Heimat für Autorinnen und Autoren.

Das kurze Hoch der Autorenvereinigung Gruppe 1925, welcher einige der bedeutendsten Schriftsteller der 1920er-Jahre angehörten.

Die Gruppe 1925 verband ihr Engagement gegen Revanchismus und für Pazifismus. Gegründet 1925 in Berlin, kämpfte die Initiative in der Zwischenkriegszeit gegen repressiver werdende Kulturgesetze und steht somit auch für eine der vielen Richtungsentscheidungen der Weimarer Republik.

1925, erster grosser Empfang beim neuen Reichspräsidenten. «Tout Berlin» war da, die Hautevolee, sogar ein paar Schriftsteller, aber nur in Person zweier «betriebsamer Theaterlieferanten» von vorgestern. Die zeitgenössische Literaturszene indes: Fehlanzeige. Gerhart Hauptmann bade in Rapallo und Thomas Mann gehe in Bogenhausen mit dem Hund spazieren, monierte der Journalist Eugen Kalkschmidt in seinem Artikel «Ach, die Literatur». Ein bisschen mehr Einsatz der Herren Dichter und Denker, ein wenig mehr Präsenz, suggerierte der für seinen Kunstästhetizismus bekannt gewordene Verfasser des Textes, wäre schon schön. Die moderne Intelligenzia lasse sich zu sehr bitten, mache sich zu rar. Die Kritik war auch Ausdruck eines gewachsenen Anspruchs an die schreibende Zunft, die man mehr denn je als öffentliche Instanz sah. Autoren wurden konsultiert, äusserten sich in Feuilletons, Interviews und Reden zu Kultur, Gesellschaft und Politik, initiierten Debatten. Diesen Bedeutungszuwachs befördert hatten auch der noch junge PEN-Club und die Gruppe 1925.

Braucht der Staat die Dichter?
Seit ihrer Gründung 1921 in London verstand sich die Schriftstellervereinigung Poets, Essayists, Novelists (PEN) als Anwalt für die Freiheit des Wortes. Die Initiatorin Catherine Amy Dawson-Scott wollte einen internationalen Club schaffen, der nach den Verheerungen des Ersten Weltkrieges die Völkerverständigung voranbringen sollte. Ein unpolitischer Dinner-Zirkel schwebte ihr vor, in dem das kultivierte literarische Gespräch über «nationale und politische Leidenschaften» erhaben sei. Die Gründung des deutschen PEN-Ablegers im Dezember 1924 war auch motiviert durch das Ziel, die Isolation Deutschlands nach dem grossen Krieg zu überwinden. Der erste PEN-Präsident John Galsworthy hatte die Devise ausgerufen, der Club solle und wolle unpolitisch sein. Trennscharf zu ziehen, das zeigte die Praxis, war diese Grenze allerdings nicht (und nach der Bücherverbrennung 1933 nicht mehr realistisch). Schon 1926 konnte der deutsche PEN in Berlin den vierten internationalen Kongress der Dachorganisation ausrichten, ein deutliches Zeichen der Reintegration Deutschlands in die Staatengemeinschaft. Nicht in aller Augen aber war der für die Zeit vom 16. bis 19. Mai angesetzte Anlass auch ein staatstragendes Ereignis. «Alpenball des PEN-Clubs: Ein entzückender Kostümball vereinte gestern Literatur, Kunst, Wissenschaft und die verwandten Industrien bei Kroll. Man tanzte nach den Kapellen Erté und Rowohlt», spottete Kurt Tucholsky später (als sein Alter Ego Caspar Hauser) in der «Weltbühne». Prominente Stimmen wie Tucholsky, Bertolt Brecht und Alfred Döblin kritisierten die Ausrichtung des PEN und dessen Anspruch, die jeweils führenden Autoren eines Landes nach Berufung honorig zu repräsentieren. Wo blieb die junge Szene? Die progressive? Als Reaktion auch auf diesen Selbstanspruch des PEN fand nun eine andere, informelle Interessensvertretung zusammen, die Gruppe 1925. Ein loser Zusammenschluss von zunächst knapp zwei Dutzend vorwiegend linksliberalen deutschen Autoren, darunter viele jüdische, der ab August 1925 in Berlin Gestalt annahm, rekrutiert sowohl aus bürgerlichen als auch aus kommunistischen Kreisen. Schon die Ankündigung besagter PEN-Tagung in Berlin veranlasste die Gruppe zu Protesten. Sie widersprach der Behauptung, dass dem PEN die führenden, die massgeblichen deutschen Schriftsteller angehörten, mochten noch so grosse Namen gelistet sein. Der PEN-Club sei willkürlich zusammengesetzt, kein Vertreter der jüngeren Generation darunter. Einer, dessen Aufnahme empfohlen worden war, sei nicht akzeptiert worden, nachdem er angekündigt hatte, den Jahresbeitrag nicht aufbringen zu können. Die radikale literarische Jugend bleibe aussen vor. Die deutsche Sektion vertrete nicht die deutsche Geistigkeit. Sie sei eine Clique.

Solidargemeinschaft für geistige Freiheit
Ende Februar 1926 erschien die Gründungsanzeige der Gruppe in der «Literarischen Welt», Anfang März auch in der «Roten Fahne». Willy Haas, Herausgeber der «Literarischen Welt», zählte in einem Beitrag am 14. Mai 1926 als Mitglieder der «Schriftstellergemeinschaft ‹Gruppe 1925›» auf: Johannes Becher, Ernst Blass, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Max Brod, Friedrich Burschell, Alfred Döblin, Alfred Ehrenstein, Oskar Maurus Fontana, Leonhard Frank, Manfred Georg, George Grosz, Bernard Guillemin, Walter von Hollander, Kurt Kesten, Klabund, Rudolf Leonhard, Ferdinand Lion, Ludwig Marcuse, Walter Mehring, Robert Musil, Eugen Ortner, Alfons Paquet, Erwin Piscator, Joseph Roth, Ernst Toller, Eduard Trautner, Adrien Turel, Kurt Tucholsky, Hermann Ungar, Paul Westheim, Alfred Wolfenstein und Haas, der in Prag mit Franz Kafka und Brod befreundet gewesen war, selbst. Die Gruppe wohnte mehrheitlich in Berlin, darunter ein Grossteil der literarischen Crème de la Crème der 1920er Jahre, insgesamt eine illustre Runde, ein ziemlich heterogener Haufen mit gemeinsamer Mission. Ziel der Gruppe 1925 war es, sich gegenseitig bei künstlerischen Projekten zu unterstützen, gemeinsam den Kampf gegen repressivere Kulturgesetze aufzunehmen und für Pazifismus zu stehen. Für das einzutreten, was sie bedroht sahen: Pressefreiheit, die Geistesfreiheit literarischer Arbeit. Publikationen wie die «Weltbühne» oder das «Tage-Buch» waren voll davon, wie Regierung und Gerichtsbarkeit der Weimarer Republik mithilfe der Hochverratsgesetze gegen Druckwerke vorzugehen entschieden und in der Lage waren. Dagegen wollte die Gruppe 1925 als Solidargemeinschaft Front machen, und das im geistigen Zentrum und am Medienstandort des Landes, in Berlin. Man erhoffte sich ein Schutzbündnis und Ausloten von publizistischen Chancen im Umfeld eines sich verengenden Meinungskorridors. Statuten oder andere Strukturen gaben sich die 1925er nicht. Die meisten einte eine «frische Radikalität des Geistes» und die Vision einer geistesrevolutionären Bewegung. Wichtig war der Spirit von Wertschätzung, die sich auch in gegenseitigen Rezensionen ausdrückte. Willy Haas hatte Zweifel, ob die Majorität der deutschen PEN-Sektion Gewähr dafür biete, nationalistischen Versuchungen und Opportunismus Widerstand entgegenzusetzen, und startete eine Umfrage: «Was erwarten Sie von der Berliner Tagung des PEN-Clubs?» Brecht antwortete, er glaube, dass sie unter dem Zeichen des Festessens stehen werde. Döblin erwartete «gar nichts».


Richtungsentscheidung der Zwischenkriegszeit
Auch im PEN rumorte es, interne Auseinandersetzungen widerspiegelten die zunehmende Polarisierung im Land. Einige verliessen den PEN wieder, weil ihnen der zunehmende Einfluss politischer Kräfte an sich nicht behagte, andere, weil sie mit der Haltung etwa des (1932/33 dem PEN vorstehenden) Alfred Kerr nicht einverstanden waren, der als zu links orientiert galt. Andere emigrierten. Die Gruppe 1925 hatte nur kurz Bestand, die Realität holte sie ein, eine Relevanz wie die später sich ähnlich betitelnde Nachkriegsautoren-Gruppe 47 erreichte sie nicht. Letztere ist eine Legende, erstere heute total vergessen. Die eine prägte eine Epoche, die andere blieb eine Episode. Bindeglied der 47er war ihre aus der Erfahrung des Nationalsozialismus, des Krieges und des Holocaust entwickelte zeitkritische Haltung. Als Taktgeber und Kristallisationspunkt beeinflusst die Gruppe 47 die Kulturlandschaft bis heute. Die letzte 47er-Tagung fand 1967 statt. Danach gab es noch ein nicht öffentliches Get-together 1972 und fünf Jahre später eine letzte Zusammenkunft im oberschwäbischen Saulgau. Damals, 1977, lag die Gründung der 1925er schon ein halbes Jahrhundert zurück. Als eine der wenigen Arbeiten beschäftigte sich der 1981 erschienene Aufsatz «Die Gruppe 1925. Geschichte und Soziologie einer Schriftstellervereinigung» von Klaus Petersen mit ihr, unter anderem wesentlich gestützt auf den Nachlass des 1957 in Zürich gestorbenen Schriftstellers Adrien Turel. Die Initiative Gruppe 1925 steht für die Umbrüche und vielen Richtungsentscheidungen der Zwischenkriegszeit. Die Kraft der Bewegung der Gruppe 1925 blieb zwar hinter den von den Mitstreitern selbst gesteckten Erwartungen zurück. Das Licht bedeutender Dichter und Schriftsteller, die ihr angehörten, von Tucholsky über Brecht bis Musil, strahlt umso heller. 

Katja Behling