geschichte 03. Jul 2026

Ein Imperium für Humanismus

Nathan Straus setzte sein Vermögen bereits früh für philanthropische Projekte ein, darunter ein Gesundheitszentrum in Jerusalem für Juden und Araber.

Nathan Straus verdiente sein Vermögen bei Macy’s – und setzte es für den Kampf gegen Krankheiten in New York und Palästina ein.

Was schulden die Superreichen dem Rest von uns? Das könnte die entscheidende Frage unseres zweiten Goldenen Zeitalters sein. Während Elon Musk darauf besteht, dass seine Unternehmen «philanthropischer Natur» sind und Amerikas reichste Menschen im Jahr 2025 durchschnittlich weniger als 5 Prozent ihres Gesamtvermögens spendeten, liefert ein echter Titan des Goldenen Zeitalters ein anderes Beispiel.

Nathan Straus, der in den 1890er Jahren dazu beitrug, Macy’s zu einem Einzelhandelsimperium aufzubauen, spendete sein Geld auf altmodische Weise: Er richtete Milchausgabestellen für kranke Babys in den Slums von New York City ein und finanzierte Malariabehandlungen für alle Menschen im vorkolonialen Palästina.

Mit einer streng jüdischen Erziehung und einem von Tragödien geprägten Leben leistete Straus (1848–1931) in den 1890er Jahren neben anderen Programmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit Pionierarbeit bei einem Programm zur Milchpasteurisierung in New York City, das er im ganzen Land und ebenfalls in Palästina nachahmte. Als ein Jude mit viel Macht und einem grossen Herzen wurde er von jüdischen Führungspersönlichkeiten seiner Generation gefeiert, darunter Rabbiner Stephen Wise und Henrietta Szold, die Gründerin von Hadassah.

Früh bei der Philanthropie
Seine Geschichte wird von Andrew Fisher in «Nathan Straus: From Macy’s Magnate to International Humanitarian» umfassend erzählt, der ersten ausführlichen biografischen Darstellung seines Lebens.

«Als jemand, der zwar über beträchtlichen, aber keinen gigantischen Reichtum verfügte», erzählte Fisher in einem Gespräch mit der Jewish Telegraphic Agency, habe Straus «die Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen in Amerika und Palästina positiv beeinflussen können. Er besass viel weniger Vermögen als John Davison Rockefeller oder Andrew Carnegie, war aber dennoch in der Lage, wirklich aussergewöhnliche philanthropische Leistungen zu vollbringen.»

Fisher fühlte sich von dieser Geschichte nicht nur wegen Straus’ erfolgreicher Geschäftskarriere angezogen, sondern auch wegen des Engagements des Unternehmers für das Gute und seines ungebremsten Einsatzes bei der Konzeption und Entwicklung bisher nicht realisierter Sozial- und Gesundheitsprogramme, für die er über kein Fachwissen verfügte.

Im Gegensatz zu Rockefeller oder Carnegie begann Nathan Straus schon früh, sein Geld zu spenden, und widmete sich mehreren bedeutenden philanthropischen Initiativen, während er seine beiden grossen Einzelhandelsunternehmen weiter ausbaute.

Grosszügiges Judentum
Aufgewachsen in einer deutsch-jüdischen Familie in Georgia Mitte des 19. Jahrhunderts, identifizierte sich Straus stark mit dem Judentum und fand seinen eigenen religiösen Ausdruck in philanthropischen Bemühungen. Diese gingen aus einem grosszügigen familiären Hintergrund hervor. In Anlehnung an seine Eltern, so Fisher, «war Nathan der Ansicht, dass es den Reichen nach den Gesetzen Gottes und des Gewissens obliege, etwas zurückzugeben. Das sei ihre Pflicht.»

Nathans Eltern glaubten auch an kulturelle Öffentlichkeitsarbeit. Wie Fisher anmerkt: «Nathans Vater sprach fliessend Hebräisch und lud protestantische Pfarrer ins Haus ein, um am Familienessen über Abschnitte der Thora zu sprechen. Das wurde Nathan eingeprägt.»

Dieser weltoffene Antrieb ermöglichte es Nathan, über die Grenzen des kleinen Familienunternehmens seines Vaters hinauszuwachsen. In den 1880er Jahren fusionierte er das Geschäft mit dem von Roland Hussey Macy und gründete so die Macy’s-Kaufhäuser. In den 1890er Jahren tat er dasselbe mit Wechsler & Abraham und gründete so das Unternehmen Abraham & Straus. «Nathan sprudelte unaufhörlich vor neuen Ideen und gab den Innovationen in seinem Familienunternehmen einen enormen Schub», sagte Fisher. Und diese Kreativität und Tatkraft brachte er auch in seine philanthropischen Bemühungen ein.

Beginn der Milchdepots
Ein Teil seines philanthropischen Engagements wurde jedoch durch eine Tragödie beflügelt. Zwischen 1878 und 1893 verloren Nathan und seine geliebte Frau Lina drei Kinder aufgrund von Krankheit; mindestens eines davon soll sich durch verunreinigte Milch angesteckt haben.

Dies veranlasste Straus, ein Programm ins Leben zu rufen, um pasteurisierte Milch zu niedrigen Kosten an arme Familien in New York City zu verteilen. Zu dieser Zeit trug verdorbene Milch zur unvorstellbaren Sterblichkeitsrate von 25 Prozent bei Säuglingen unter einem Jahr bei. Obwohl die Vorteile der Verwendung milder Hitze zur Beseitigung schädlicher Bakterien im Westen bereits seit 1864 bekannt waren, zögerten die Milchwirtschaft und die Gesundheitsbehörden, dies zur gängigen Praxis zu machen.

Straus’ erste Pasteurisierungsanlagen und Milchdepots wurden 1893 gegründet und waren bis 1919 in Betrieb; zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Straus-Pasteurisierungsanlagen in Städten in den gesamten Vereinigten Staaten und in Europa.

Ausweitung nach Palästina
Straus, der sich in den 1920er Jahren der zionistischen Sache verschrieben hatte, als andere deutsche Juden dieser Idee noch skeptisch gegenüberstanden, war der festen Überzeugung, «dass es unbedingt einen sicheren Zufluchtsort für Juden aus aller Welt geben müsse, die autokratischen und oft antisemitischen Regimes, einschliesslich derer in Osteuropa und Russland, entfliehen wollten», so Fisher. In den 1920er und 1930er Jahren dehnte Straus seine Gesundheitsinitiativen auf Palästina aus, wo Malaria sowohl für Juden als auch für Araber eine ständige Bedrohung darstellte.

In Zusammenarbeit mit Szold gründete Straus ein Gesundheitszentrum in Jerusalem und beteiligte sich an der Finanzierung von Suppenküchen und Werkstätten, um arbeitslosen Juden und Arabern Beschäftigung zu verschaffen. Er leitete zudem die Bemühungen zur Elektrifizierung Palästinas.

Bedeutende jüdische Persönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts kannten Straus gut und würdigten seine Grosszügigkeit. Wise hob «seine elementare Leidenschaft zu lieben, zu helfen und zu dienen» hervor. Szold lobte Straus’ Leitsatz: «Habe Vertrauen, und der Rest wird folgen.»

Abschied von einem Ausnahmecharakter
Als Straus im Januar 1931 im Alter von 82 Jahren in New York starb, trauerte der oberste aschkenasische Rabbiner Palästinas, Abraham Isaac Kook, um ihn. «Mit verwundeter Seele und schmerzendem Herzen drücke ich mein Bedauern und meine Trauer über den Tod eines Ritters unter den Wohltätern Israels und der Menschheit aus, einer Fundgrube der Barmherzigkeit und Güte, in deren Namen und deren grossartigen Taten wir Trost finden», sagte Kook in einer an die Jewish Telegraphic Agency gesendeten Botschaft.

Sicherlich war es Straus’ Glaube an das Gute und das Machbare, welcher es ihm ermöglichte, innovativ zu sein und auf unerwartete Weise etwas seinem Umfeld zurückzugeben. Straus’ Beispiel lehrt uns, so Fisher, dass Menschen mit beträchtlichem Reichtum einen enormen Sinn darin finden können, den Armen und Entrechteten zu helfen. Straus’ beachtliche Talente beim Aufbau von Macy’s und Abraham & Straus zeigten seine grosse Kraft zur Innovation und Expansion.

Seine Programme im Bereich der öffentlichen Gesundheit und im sozialen Bereich zeigten, was für Straus eine weitaus wichtigere Eigenschaft war als das Anhäufen von Reichtum: die Aufmerksamkeit dafür, was Gutes in der Welt getan werden könnte, sowie die Vision und das Engagement, dies zu verwirklichen. 

Charles Munitz