AUSSTELLUNG 18. Sep 2026

Edmund Kesting und die Schrittmacher der Moderne

Erstmals zeigt eine umfassende Retrospektiveim Kunstmuseum Moritzburg, wie stark Edmund Kesting die deutsche Moderne über 50 Jahre hinweg prägte.

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle widmet Edmund Kesting die erste umfassende Retrospektive seines Schaffens.

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zeigt die erste Retrospektive zu Edmund Kesting, der über 50 Jahre die deutsche Moderne prägte. Der Maler, Grafiker, Objektkünstler und Fotograf entwickelte eine Bildsprache zwischen Expressionismus und Abstraktion. Kestings im Austausch mit Künstlern wie László Moholy-Nagy entstandenes Werk wurde nach 1933 diffamiert, sein späteres Schaffen widersetzte sich dem Mainstream der DDR-Kulturpolitik.

Die rebellische Moderne
Der Maler Oskar Kokoschka verdankte dem jungen Dresdner Kesting eine entscheidende Wegmarke seiner Karriere. Denn der damalige Meisterschüler Edmund Kesting (1892–1970) machte sich als Vorsitzender des sozialistischen Studentenrats 1919 für die Berufung des rebellischen Expressionisten an die Dresdner Kunstakademie stark. Ohne den ausdrücklichen Rückhalt in der nachrückenden Generation wären Kokoschkas Chancen auf diesen Posten deutlich kleiner, wenn nicht aussichtslos, gewesen. Dem Malstudenten und Kriegsheimkehrer Kesting lag daran, die rebellische Moderne, wie der kaiserlich und königliche Österreicher Kokoschka sie vertrat, im vom Ersten Weltkrieg verheerten Deutschland zu etablieren. In dieser Mission gründete Kesting kurz nach der Eröffnung des Bauhauses in Weimar sogar eine eigene Kunstschule in Dresden und nannte sie programmatisch «Der Weg». Neue Wege beschritt Kesting, der bereits 1916 eine erste Kunstsalon-Einzelausstellung hatte, auch im eigenen künstlerischen Tun. Er experimentierte mit Schnitt-Collagen, schuf in den 20er-Jahren progressive dreidimensionale sogenannte «Bildbauwerke», malte farbstarke und zugleich minimalistische, dadurch sehr elegant wirkende Porträts. Kestings Werke zogen das Interesse der amerikanischen Malerin, Sammlerin und Mäzenin Katherine Dreier sowie des russischen Avantgardisten El Lissitzky und weiterer (jüdischer) Künstler auf sich. 1926 waren seine Arbeiten in New York, Buffalo und Toronto zu sehen. In Erinnerung blieb Kesting, der ab 1927 auch ein lichtbildnerisches Œuvre begann, aber vor allem als Fotograf und Porträtist. Das Kunstmuseum Moritzburg zeichnet in einer Ausstellung, der ersten umfassenden Kesting-Retrospektive überhaupt, nun nach, wie der Avantgardist Kesting in Vergessenheit geriet.

Radikaler Erneuerer
Das Schaffen Edmund Kestings wurde von den Verwerfungen seiner Zeit stark geprägt, er stand in gleich zwei politischen Systemen unter Druck. Windmühlen sind ein Zentralmotiv seiner Bilder, ihre wirbelnde Bewegung, Wind, der jederzeit ein «Sturm» werden könnte. In den 20er-Jahren gehörte Kesting zum Kreis der Avantgarde-Zeitschrift «Der Sturm», er entwickelte im Austausch mit Künstlern wie dem Dadaisten Kurt Schwitters und dem am Bauhaus tätigen Maler, Fotograf und Bühnenbildner Lázsló Moholy-Nagy konstruktivistische Werke und erschloss sich mit der Kamera neue Verfahren.

Immer der radikalen Erneuerung verbunden, lotete er die Grenzen zwischen Malerei, Fotografie und Objektkunst weit aus und fasste sie neu. Nach 1933 wurden Kestings Werke als «entartet» etikettiert, aus Museen und Ausstellungen verbannt, und er tauschte den Pinsel gegen die Kamera. Der unermüdliche Experimentator wandte sich der Sachfotografie (Objektdokumentation des Grünen Gewölbes von 1935 bis 1941), der Porträtfotografie sowie der «Chemischen Malerei» zu, bei der mittels fotochemischer Substanzen auf lichtempfindlichem Papier Bilder (Chemigramme) entstehen, er nutzte Mehrfachbelichtung und steuerte Belichtungsprozesse. Eine nach Kriegsende entstandene Fotoserie zeigt seine Heimatstadt Dresden erst unversehrt, dann durch den Feuersturm-Bombenhagel zerstört, das geschichtete Bild «Totentanz» konfrontiert den Betrachter mit Skeletten vor der Ruine der Frauenkirche.

Zwischen den Fronten der DDR
Auch nach der Zäsur 1945 blieb Kestings Abstraktion umstritten. In der DDR entsprach sein Tun nicht ansatzweise der kulturpolitischen Norm, die auf sozialistischen Realismus setzte, während Kesting farbrauschende «Informel»-Einflüsse aus Amerika und Westeuropa aufgriff. Als «Formalist» hatte er einen schweren Stand. Seine Kunst wurde selten ausgestellt und kunsthistorisch kaum noch rezipiert. 1946 erhielt er eine Ernennung zum Titularprofessor an die Hochschule für Werkkunst in Dresden, wurde aber 1948 entlassen und widmete sich der «Chemischen Malerei». Seit 1956 Lehrbeauftragter an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, publizierte Kesting ab den 50er-Jahren auch eine Reihe von Fotobänden, etwa mit Aufnahmen von Karl-Marx-Stadt oder Leipzig, 1959 erhielt er zudem seine erste Nachkriegs-Einzelausstellung. Doch er haderte. 1967 zu Besuch in Westdeutschland, beklagte er in einem Brief an das New Yorker Museum of Modern Art seine Isolation und dass «die staatliche Presse nach wie vor über meine Bilder schweigt».

Eine Wiederentdeckung
Drei Jahre später, im Oktober 1970, starb der Multikünstler in Birkenwerder bei Berlin. 1988 widmete ihm seine Heimatstadt Dresden wieder eine kleine Einzelschau, doch nun erst rücken die enorme Bandbreite seines Schaffens und seine Anschlussfähigkeit an die internationalen Strömungen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts in den Fokus. In Moritzburg ist eine Fülle von teils erstmals öffentlich gezeigten Gemälden, Grafiken, Objekten und Bildbauwerken zusammengetragen. Viele davon sind Leihgaben aus ostdeutschen Privatsammlungen – zwischen Berlin, Dresden und dem Darss an der Ostseeküste verbrachte Edmund Kesting den Grossteil seines Lebens.

«Edmund Kesting. Avantgardist». Kunstmuseum Moritzburg (Halle), bis 25. Oktober. Musée de Grenoble: 14. November 2026 bis 7. Februar 2027.

Katja Behling