Das Theater Basel inszeniert Arnold Schönbergs monumentale Chor-Oper «Moses und Aron» – eine grosse Herausforderung mit einem unvollendeten Werk.
«Aaron» übersetzte Luther den Namen des biblischen Widersachers von Moses, und die Schreibweise mit dem Doppel-A hat sich im Deutschen durchgesetzt. Arnold Schönberg nahm ihm im Titel seiner Oper aber eines davon. Über die Gründe hat er sich nie abschliessend geäussert, aber es gibt eine hübsche Spekulation dazu: Schönberg war sogenannter Triskaidekaphobiker, wie die Menschen genannt werden, die sich vor der Zahl 13 fürchten. Das ist aus zahlreichen Zeugnissen belegt. «Moses und Aaron» hätte 13 Buchstaben umfasst. Ironie des Schicksals: Schönberg starb am 13. Juli 1951 in Los Angeles an Herzversagen.
Die Kraft der Zwölftontechnik
Der definitive Titel des Werks umfasst nun zwölf Buchstaben. Was natürlich wunderbar passt zur «Zwölftontechnik», die Schönberg nicht ganz alleine erfand, aber mit grossem Erfolg und Nachhall in die Musikgeschichte einführte. Auch die Oper basiert auf dieser Kompositionstechnik, und wie bei den meisten seiner zwölftönigen Werke, ist es genau eine einzige Reihe, die im ganzen Werk zum Einsatz kommt. Allerdings bieten die vier von den Zwölftonregeln erlaubten Permutationen dieser einen Reihe als «Krebs» (sie wird von hinten gespielt) und «Umkehrung» (die Intervalle werden vertikal gespiegelt) plus der «Krebs der Umkehrung» schon Variationsmöglichkeiten. Zudem darf jede dieser Reihen auf jeder der zwölf chromatischen Tonhöhen starten, womit 48 Reihen zur Verfügung stehen.
Diese radikale Abkehr von der spätromantischen Tonsprache und Harmonik, die Schönberg selbst übrigens meisterhaft beherrschte, wie etwa die «Gurrelieder» oder das Streicherstück «Verklärte Nacht» eindrücklich zeigen, begründete er nicht nur mit der Erschöpfung der Ausdrucksmöglichkeiten der traditionellen Kompositionsmodelle, sondern auch mit dem Anspruch, dass Musik ohne fremde Zutaten für sich selbst stehen können sollte: L’art pour l’art.
Ereignis am Mattsee
Diesen Vorsatz allerdings konnte Schönberg selbst immer weniger einlösen, denn seine persönlichen Erfahrungen und Lebensumstände nötigten ihn dazu, Stellung zu beziehen und seine Kunst auch als Sendung zu verstehen. Ein Ereignis darf als Schlüsselerlebnis dafür angeführt werden: 1921 verbrachte Schönberg mit seiner Familie die Sommerferien am salzburgischen Mattsee. Dort wurde ihm beschieden, dass jüdische Feriengäste nicht erwünscht seien. Schönberg, der bereits 1898 zum evangelischen Glauben konvertiert war, verwies auf seine christliche Religion, worauf von ihm die Vorlage eines Taufscheins verlangt wurde. Erschüttert und wütend reiste er nach Wien zurück.
Das war für ihn der Anlass, sich verstärkt mit seinen jüdischen Wurzeln zu beschäftigen, nachhaltig befeuert durch den zunehmenden Antisemitismus in Gesellschaft und Politik. Die Machtergreifung der Nazis machte ihm 1933 ein weiteres Leben in Wien unmöglich. Konsequent tat er den Schritt zur Emigration und nahm auf dem Weg in die USA 1933 in Paris auch offiziell wieder den jüdischen Glauben an.
Jüdische Themen
Schon 1916–17 hatte er an einem Oratorium «Die Jakobsleiter» auf einen eigenen Text gearbeitet, die recht weit gediehenen Arbeiten aber auch später nie abgeschlossen. 1926–27 schrieb er das Sprechdrama «Der jüdische Weg». Es enthält keine Musik und wurde zu Schönbergs Lebzeiten weder publiziert noch aufgeführt. Erst 2001 bei den Wiener Festwochen erlebte es seine Uraufführung. Der Inhalt wirkt prophetisch: ein charismatischer jüdischer Führer versammelt die in die ganze Welt verstreuten Juden und führt sie in eine eigene Heimat.
Er heisst Max Arkadius, und nicht Moses, aber der Grundgedanke einer jüdischen Integrationsfigur beschäftigte Schönberg intensiv. Wobei Moses bei ihm weniger die Züge des Befreiers und Führers trägt, sondern als Verkörperung des Gebots «Du sollst dir kein Bildnis machen» steht. Im zweiten der «Vier Stücke für gemischten Chor» von 1925, «Du sollst nicht, du musst» in Schönbergs eigenem Text, manifestiert sich diese Forderung des zwar denk-, aber nicht vorstellbaren Gottes zum ersten Mal.
Der Weg zur Oper
«Moses und der brennende Dornbusch» hätte wenig später ein weiterer Schritt in Richtung jüdischer Identitätsfindung werden sollen. Als kleine Kantate geplant, mündete das Stück bald in Entwürfen für ein grösseres Oratorium. Als Schönbergs Verlag wenig Begeisterung dafür zeigte, reifte der Plan, aus dem Moses-Stoff und dem Bildverbot eine Oper zu machen. Die Ideen und die Musik zum brennenden Dornbusch flossen dabei in die erste Szene von «Moses und Aron» ein.
Die beiden Brüder sind Antipoden: Moses personifiziert die reine Kraft des göttlichen Gedankens, die nicht durch Bilder geschwächt werden soll. Aber Moses ist kein Redner; er braucht eine Stimme, die vom Volk gehört wird: sein Bruder Aron. Er hat das gleiche Ziel, die Freiheit des Volkes Israel und die Herrschaft des einen starken Gottes, aber er ist pragmatischer und gibt dem Volk die Bilder und Symbole, die es verlangt. Moses wirft seinem Bruder vor, die reine Idee Gottes durch seine Worte und Rituale zu verfälschen. Die Auseinandersetzung endet mit dem Triumph von Moses’ Idee und mit Arons Begnadigung und Tod. Das Leben in der Wüste in Einheit mit Gott und sich selbst und in Wunschlosigkeit erweist sich am Ende für Schönberg als Ausweg aus diesem Konflikt und als einzige Möglichkeit friedlichen Zusammenlebens.
Uraufführung in Zürich
In den Jahren 1930–32 schrieb Schönberg das Libretto und vollendete die ersten beiden Akte. Die Emigration unterbrach diese Arbeit; erst 1937 beschäftigte er sich erneut mit dem Werk. Obwohl sich Schönberg immer wieder darum bemühte und auch nach seiner Emigration nach Kalifornien in zahlreichen Briefen Wunsch und Absicht bekräftigte, sein Werk zu vollenden, blieb der dritte Akt Fragment. Erhalten davon sind ein Entwurf des Textes und etliche Skizzen. Fertig ausgeführt hat Schönberg nur eine Szene: Arons Tod.
Schönberg erlaubte ausdrücklich die Aufführung des Fragments mit dem bloss gesprochenen dritten Akt. Dazu kam es allerdings nicht so rasch. Kurz vor Schönbergs Tod 1951 dirigierte Hermann Scherchen in Darmstadt eine Szene, den «Tanz um das Goldene Kalb». Drei Jahre später leitete Hans Rosbaud in Hamburg eine konzertante Aufführung der ganzen Oper, und erst 1957 kam es zur szenischen Uraufführung am Stadttheater Zürich, wieder unter Hans Rosbaud, die sogleich einhellig als grosses Opernereignis gefeiert wurde.
Auf in die Wüste
Gleichwohl steht Schönbergs Oper nur selten auf den Spielplänen. Die Anforderungen, insbesondere an die chorischen Partien, sind immens, und für ein Regieteam stellen sich zahlreiche schwierige Fragen, wie mit dem Stoff umgegangen werden soll. 2011 zum Beispiel machte Achim Freyer in Zürich mit gewaltiger Imaginationskraft einen überbordenden Bilderrausch aus diesem Werk zum Thema Bilderverbot.
Benedikt von Peter, Intendant in Basel, und Felix Rothenhäusler, Intendant des Theaters Freiburg, wählten für ihre kommende Koproduktion in Basel und Freiburg die Metapher der Wüste zum Leitgedanken. Die beiden Hausherren inszenieren gemeinsam. Moses’ Welt ist für sie ein leerer Raum ohne Symbole, in dem man auf seine eigene Existenz zurückgeworfen wird. Aus diesem Konflikt soll ein «ergreifendes Plädoyer für ein Miteinander ohne Feindbilder» erwachsen, wie das Theater Basel schreibt.
Die Basler Inszenierung
André de Ritter dirigiert bei dieser Produktion an beiden Häusern, in Basel das Sinfonieorchester Basel, in Freiburg das Philharmonische Orchester. Seine Herausforderung wird sein, aus den Zwölftonreihen Geste und Ausdruck zu generieren. Schönberg als meisterhafter Instrumentierer hilft dabei: Die Orchestrierung ist sehr farbig und abwechslungsreich, verlangt ihrerseits aber gros-se Besetzungen plus Bühnenmusik.
Der Luzerner Schauspieler Peter Hess, eine Schweizer Theaterlegende, seit 2002 im Ensemble der Kammerspiele München, verkörpert den Moses. Singen muss er nicht, denn Schönberg gibt der Figur dieses Führers ohne Sprachgewalt eine Sprechrolle. Rolf Romei – als Tenor schon immer sehr furchtlos – stürzt sich in die mörderische Partie des Aron; die ebenfalls sehr an-spruchsvollen Chorpartien werden gemeinsam von den Chören der beiden Theaterhäuser übernommen.
Ergänzend zu den Aufführungen von Schönbergs Oper wird in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern und Institutionen aus Basel und Freiburg unter dem Motto «Auf in die Wüste!» ein umfangreiches Diskurs-, Begegnungs- und Rahmenprogramm angeboten. Zu den Partnern zählen die Universität Basel, die Universität Freiburg, das Jüdische Museum der Schweiz, das Mizmorim Kammermusik Festival, das Internationale Literaturfestival BuchBasel oder die Kulturkinos beider Städte. Auch in den Konzertprogrammen anderer Ensembles bilden Schönberg und die Zweite Wiener Schule Schwerpunkte. Stellvertretend sei das Gringolts Quartett genannt, das in Basel alle vier Streichquartette Schönbergs spielt. l
Die Oper «Moses und Aron» mit Musik und Text von Arnold Schönberg ist im Theater Basel ab dem 3. Oktober und im Theater Freiburg ab dem 13. März 2027 zu sehen. Tickets unter: www.theater-basel.ch