ISRAEL 12. Jan 2018

Wenn Tränen zu Krokodilstränen werden

Premier Binyamin Netanyahu mit seinem Sohn Yair im Jahr 2015 während der Wahlen in Israel.

Peinliche Enthüllungen von Yair Netanyahu, dem Sohn des israelischen Premiers, bewegen zurzeit die Öffentlichkeit – die Folgen sind noch offen

Dass Tränen zu Krokodilstränen werden können, wenn die Weinenden dadurch hoffen, mit ihnen die Meinung des Volkes zu ihren Gunsten umzustimmen, ist eine Binsenwahrheit, welcher sich nun offenbar auch die Familie Netanyahu, immerhin die erste Familie Israels, bedient, um eines ihrer Mitglieder reinzuwaschen.­


Ein «dummer Witz» mit Folgen
Sagte doch in der Nacht auf den Dienstag Yair Netanyahu, das 25-jährige Sorgenkind besagter Familie: «Heute Nacht schaute ich mir einen erbärmlichen Bericht der Regenbogenpresse an, die illegale (laut Angaben des TV-Berichts durchaus legale, Anm. d. Red.) Aufnahmen einer Konversation präsentierte, die vor 2,5 Jahren geführt worden war. In einer nächtlichen Unterhaltung sprach ich, unter Einfluss von Alkohol, Unsinn über Frauen und andere Dinge, die besser gar nicht erst gesagt worden wären.»

Und dann kam der Part der Krokodils­tränen: «Diese Bemerkungen reflektieren weder meine Persönlichkeit noch die Werte, zu welchen ich erzogen worden bin, oder meine Überzeugungen. Ich bedauere die Bemerkungen und entschuldige mich, sollte ich jemanden mit ihnen getroffen haben. Darüber hinaus waren die Dinge, die ich zu Maimon­ (Yairs Freund und Sohn Kobi Maimons,
des milliardenschweren israelischen Öl- und Gas-Tycoons, Anm. d. Red.) sagte, ein dummer Witz und Witzeleien mit ihm, die jeder sagen konnte. Das Naturgas-Rahmenabkommen hat mich nie interessiert, und ich hatte nie eine Ahnung von dessen Einzelheiten.»

Soweit Yair Netanyahus Gang nach Canossa. Die Worte hörte man wohl, allein, es fehlt weitgehend der Glaube, handelt es sich bei Yair doch längst nicht mehr um einen Grünschnabel, sicher nicht, wenn es um peinliche Auftritte geht, deren Folgen die besorgten Eltern (nicht selten mit der Hilfe loyaler Rechtsanwälte) wiederholt vor der Türe zur Residenz wegwischen mussten, und vielleicht jetzt wieder wegwischen müssen (vgl. Kasten). Premier Binyamin Netanyahu doppelte nach, Yair sei dazu erzogen worden, Frauen mit Anstand zu behandeln, und seine verbalen­ Ausrutscher seien «nur» eine Folge des Alkoholkonsums gewesen.


Peinliche Details
Die in polizeiliche Untersuchungen unab­lässig verstrickte Familie von Regierungschef Netan­yahu kommt nicht aus der Skandalpresse, und das heisst heute aus praktisch der ganzen israelischen Medienwelt, heraus. In seiner Haupt-Nachrichtensendung am Montagabend brachte das israelische Fernsehen Tonbandaufnahmen einer Unterhaltung aus dem Jahr 2015, die Premier-Sohn Yair und Freunde in einem Auto auf recht eindeutige Weise über ihre Erlebnisse in Strip-Lokalen führten. Die TV-Reporter konzentrierten sich nebst anderen Aspekten darauf, ob es angebracht sei, den Steuerzahler die Spritztouren Yair Netanyahus berappen zu lassen. Bei dem Fahrzeug handelte es sich um ein Dienstauto, und der Netanyahu junior begleitende Sicherheitsbeamte musste, ebenso wie der Chauffeur, kraft seines Auftrags den Teenager auf Schritt und Tritt begleiten – aus Gründen der Staatssicherheit, versteht sich. Verfänglich wurde die Unterhaltung, als Yair darauf hinwies,­ dass sein Vater dem Vater des Freundes, dem Öl-Milliardär Kobi Maimon, ein 20-Milliarden-Dollar-Geschäft im Bereich der Naturgasfelder im Mittelmeer zuschanzte. Auf die Wiedergabe der vom Fernsehen in genüsslicher Länge und Breite publizierten Details – auch von Prostituierten, deren Dienste in Anspruch genommen worden seien, war die Rede – kann hier verzichtet werden. Es ist peinlich genug zu wissen, dass höchstwahrscheinlich Yair Netanyahu seinem ohnehin schon arg gebeutelten Vater das Leben mit der jüngst aufgetischten Geschichte nicht erleichtert. Dass das Büro des Premierminister sich darauf konzentrierte, in einer ersten Reaktion die Preisgabe von Details aus dem Sicherheitskonzept für Yair Ne­tanyahu zu kritisieren und im Übrigen von einem «billigen und bösartigen Gespräch» redete, wird in der nächsten Zeit in Israels Medien wahrscheinlich einiges zu diskutieren geben. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Publikationen der nächtlichen Eskapaden ihres Sohnes­ sind wahrscheinlich das Letzte, was das Ehepaar Binyamin und Sara Netanyahu jetzt gebrauchen kann. Ihre Anwälte versuchten übrigens erfolglos, ein Publikationsverbot der Bänder zu erwirken.
 

 

Jacques Ungar