Die literarische Kolumne von Sibylle Berg
«Der Mensch, das sonderbare Wesen: Mit den Füssen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen.»
Else Lasker-Schüler
Das Programmheft eines Schweizer Theaterfestivals. Die Einleitung besteht aus politischen Beiträgen zur Demokratie, der Warnung vor dem Faschismus, der Beschwörung des Miteinanders, des Kollektivs, des «We-Feelings» gegen den Untergang. Weiter geht es mit den Ankündigungen von performativen Diskussionen, Demokratie im Subtext ohne Ende.
Meine absolut voreingenommene Betrachtung des Programmes liefert mir eine Zusammenfassung dessen, was ich in den Theatern des deutschsprachigen Raumes seit geraumer Zeit erlebe: Der Ernst, der Diskurs, das Tribunal, die anklagende politische One-Man-Show, der partizipative («sprechen Sie das zehnmal hintereinander schnell aus»), inklusive, demokratische Befreiungsschlag durch dräuende Anklage des angenommen Kommenden.
Ich weiss nicht. Selten ist explizites politisches Theater mehr als eine Bestätigung der Meinungen ihres Publikums. Mehrheitlich gebildet, kunstinteressiert, nicht unterhalb der Armutsgrenze. Da sitzen sie, schauen oft dem zu, was in sachlicherer Art in den Nachrichten verhandelt wird, und nicken. Faschismus, gruselig. Die Alternative für Deutschland gehört verboten. Geflohene Menschen müssen Teil von allem werden, wir alle müssen Teil von allem werden, irgendwie links, aber nicht zu sehr. Irgendwie ans System glauben, aber ein bisschen mit Zeigefinger. Oder Ausrufezeichen.
Wacht auf! Seid demokratisch! Geht wählen, aber das Richtige! Glaubt an unsere Werte!
Unsere Kultur der unbegrenzten Offenheit! Solange die Meinung eine gute Meinung ist. Inklusion! Rettung der Minderheiten! Alle sind gleich, solange sie jung sind und gut aussehen! Und so weiter. Leider sind nachgespielte Nachrichten immer ein wenig trostlos. Agitation und Propaganda ist eben keine Kunst. Kein erhebendes, erhellendes Metaebenen-Theaterstück, sondern eben Aufklärung in einem schwarz-weissen Universum. Glasperlen. Theater auf Grundlage der eigenen überlegenen Weltsicht. Wenn in grossen (immerhin noch) subventionierten Theatern und auf Festivals scheinbar die Standpunkte regierungsnaher Stiftungen für Bildung und Demokratie dargeboten werden, immer ein wenig zu spät, immer ein wenig zu einseitig und kaum vor dem Publikum, das man eigentlich erreichen sollte, dann ist das wenig erregend. Selten bewegen sich Spitzenensembles in Gebieten mit hoher Armut – aber das nur am Rande. Menschen, die davon überzeugt sind, zu den Guten zu gehören, performen den Ausschluss alles Bösen vor Menschen, die meinen zu den Guten zu gehören. Kaum Visionen, kaum Kritik an den Ursachen des Elends, kaum Vertrauen in die Macht guter Kunst. Theater, das Menschen auf Ebenen berührt die nicht im Tunnel der kognitiven Verkümmerung sattfinden, sondern im All der fantastischen Metaebene.
Sibylle Berg ist eine deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
Else Lasker-Schüler
Das Programmheft eines Schweizer Theaterfestivals. Die Einleitung besteht aus politischen Beiträgen zur Demokratie, der Warnung vor dem Faschismus, der Beschwörung des Miteinanders, des Kollektivs, des «We-Feelings» gegen den Untergang. Weiter geht es mit den Ankündigungen von performativen Diskussionen, Demokratie im Subtext ohne Ende.
Meine absolut voreingenommene Betrachtung des Programmes liefert mir eine Zusammenfassung dessen, was ich in den Theatern des deutschsprachigen Raumes seit geraumer Zeit erlebe: Der Ernst, der Diskurs, das Tribunal, die anklagende politische One-Man-Show, der partizipative («sprechen Sie das zehnmal hintereinander schnell aus»), inklusive, demokratische Befreiungsschlag durch dräuende Anklage des angenommen Kommenden.
Ich weiss nicht. Selten ist explizites politisches Theater mehr als eine Bestätigung der Meinungen ihres Publikums. Mehrheitlich gebildet, kunstinteressiert, nicht unterhalb der Armutsgrenze. Da sitzen sie, schauen oft dem zu, was in sachlicherer Art in den Nachrichten verhandelt wird, und nicken. Faschismus, gruselig. Die Alternative für Deutschland gehört verboten. Geflohene Menschen müssen Teil von allem werden, wir alle müssen Teil von allem werden, irgendwie links, aber nicht zu sehr. Irgendwie ans System glauben, aber ein bisschen mit Zeigefinger. Oder Ausrufezeichen.
Wacht auf! Seid demokratisch! Geht wählen, aber das Richtige! Glaubt an unsere Werte!
Unsere Kultur der unbegrenzten Offenheit! Solange die Meinung eine gute Meinung ist. Inklusion! Rettung der Minderheiten! Alle sind gleich, solange sie jung sind und gut aussehen! Und so weiter. Leider sind nachgespielte Nachrichten immer ein wenig trostlos. Agitation und Propaganda ist eben keine Kunst. Kein erhebendes, erhellendes Metaebenen-Theaterstück, sondern eben Aufklärung in einem schwarz-weissen Universum. Glasperlen. Theater auf Grundlage der eigenen überlegenen Weltsicht. Wenn in grossen (immerhin noch) subventionierten Theatern und auf Festivals scheinbar die Standpunkte regierungsnaher Stiftungen für Bildung und Demokratie dargeboten werden, immer ein wenig zu spät, immer ein wenig zu einseitig und kaum vor dem Publikum, das man eigentlich erreichen sollte, dann ist das wenig erregend. Selten bewegen sich Spitzenensembles in Gebieten mit hoher Armut – aber das nur am Rande. Menschen, die davon überzeugt sind, zu den Guten zu gehören, performen den Ausschluss alles Bösen vor Menschen, die meinen zu den Guten zu gehören. Kaum Visionen, kaum Kritik an den Ursachen des Elends, kaum Vertrauen in die Macht guter Kunst. Theater, das Menschen auf Ebenen berührt die nicht im Tunnel der kognitiven Verkümmerung sattfinden, sondern im All der fantastischen Metaebene.
Sibylle Berg ist eine deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.