Papst Leo XIV. 09. Jan 2026

Wildfrieden

Mit einem ungewöhnlichen literarischen Akzent hat Papst Leo XIV. seine Weihnachtsbotschaft geprägt. Als er am Weihnachtstag um zwölf Uhr auf dem Petersplatz den Segen «Urbi et orbi» spendete, folgte die Zeremonie zunächst dem vertrauten Ritual: musikalische Ehren, theologische Bezüge zur Menschwerdung Christi, ein Zitat von Papst Leo dem Grossen und mehrsprachige Weihnachtsgrüsse als Zeichen der Weltkirche. Der Papst sprach über Kriegsopfer, Hungernde, Geflüchtete und Menschen, die alles verloren haben, mit besonderem Blick auf aktuelle Konfliktregionen. Der Ton war pastoral und zugleich politisch. Am Ende jedoch wich Leo XIV. von jeder Erwartung ab. Statt einer weiteren Bibelstelle zitierte er einen jüdischen Dichter des 20. Jahrhunderts: Jehuda Amichai. Von der Loggia des Petersdoms erklangen Verse aus dessen Gedicht «Wildfrieden». Dass in der zentralen Weihnachtsansprache ein modernes hebräisches Gedicht vorgetragen wurde, dürfte eine Premiere sein. Der Name Amichais fiel nicht, wurde jedoch später in einem vatikanischen Dokument nachgereicht. Amichai, 1924 in Würzburg geboren und 1936 ins damalige Palästina umgezogen, gilt als einer der Begründer der modernen israelischen Lyrik. In «Wildfrieden» beschreibt er keinen Frieden aus Verträgen oder Waffenstillständen, sondern einen, der wächst wie Wildblumen: leise, unwillkürlich, aus Erschöpfung nach Gewalt. Diese Verse, an Weihnachten und vom Zentrum der katholischen Kirche aus gesprochen, verliehen einer jüdischen Stimme weltweite Resonanz. Damit wurde kein theologischer Anspruch formuliert, sondern ein Gedanke in den Raum gestellt, der über konfessionelle Grenzen hinaus wirkt. 

Emily Langloh