briefe von der front 20. Mär 2026

«Wenn das kein Pogrom ist, was dann?»

Für Rabbi Arik Ascherman sind Menschenrechte kein politisches Privileg, sondern ein religiöser Imperativ.

Filmemacher Ari Folman spricht mit Rabbiner und Menschrechtsaktivist Arik Ascherman über seinen Einsatz für eine Beduinengemeinde in Muchmas – drei Tage später werden dort die Hütten niedergebrannt.

Am kältesten, nassesten Tag des Jahres fuhr ich los, um Rabbi Arik Ascherman in Muchmas zu besuchen, 20 Minuten von Jerusalem entfernt. Und fünf von Duma, einem Dorf, das vor elf Jahren ins Bewusstsein der Welt gelangte, als ein jüdischer Siedler namens Amiram Ben Uliel mitten in der Nacht einen Molotowcocktail ins Familienhaus der Dawabshes warf und drei Familienmitglieder bei lebendigem Leib verbrannten. Nur der jüngere Sohn überlebte schwer verletzt. Dieser Gräuel wurde später in der HBO-Dramaserie «Our Boys» meines Freundes Hagai Levi aufgenommen.

Ascherman ist unter den Aktivisten im Jordantal und im Westjordanland eine bekannte Figur. Der 66-Jährige ist ein Reformrabbiner aus Pennsylvania, der vor mehr als drei Dekaden Alija machte. Kurz nach seiner Ankunft in Israel, Mitte der 1990er Jahre, gründete er die Organisation Rabbis for Human Rights, und besitzt seither den Ruf, einer der radikalsten und mutigsten jüdischen Aktivisten im Westjordanland zu sein. Er trägt eine grosse gestrickte Kippa, sein Gesicht ist lebhaft und ausdrucksstark. Gesprächsgewandt, passioniert, manchmal den Tränen nahe, nimmt er Risiken auf sich, die viele als exzessiv und lebensbedrohlich betrachten und auch, einigen zufolge, die Freiwilligen an seiner Seite in Gefahr bringen.

Momentan schläft er fünf Nächte pro Woche am Rand von Muchmas, entlang einer kleinen palästinensischen Beduinengemeinde, Schafhirten, die von Siedlerposten eingekreist sind. Früher lebten hier 16 Familien. Nach einem gewalttätigen Pogrom, verübt durch ihre Siedlernachbarn im Oktober 2025, sind es nur noch sechs. Zwei weitere Freiwillige der Rabbis for Human Rights verbringen ihre Nächte ebenfalls hier, üblicherweise gläubige Juden aus Europa oder den USA.

Unser Interview fand in einer brüchigen Blechhütte statt. In einem Metallgefäss brannte ein Feuer, das uns kaum vor der gnadenlosen Kälte schützte; die Armut ist überall zu spüren. In dieser Hütte, die als eine von insgesamt fünf den Oktober-Angriff überstand, sassen Mustafa und Razek ruhig bei uns, deren Familien Jahrzehnte Eigentümer dieses Landes gewesen waren. Sie sprachen fliessend Hebräisch und beteiligten sich an der Konversation, wenn sie die Worte des Rabbiners unterstreichen wollten. Jedoch wollten sie unbekannt bleiben und auch nicht fotografiert werden.

Rabbiner Arik Ascherman: Ich kam 1994 aus Erie, Pennsylvania, nach Israel. Ich war damals 35 Jahre alt und ein Zionist. Gleich nach meiner Ankunft wurde ich Co-Leiter on Rabbis for Human Rights. Noch vor meiner Immigration hatte ich hier zwei Jahre mit einer Gruppe namens Nitzanei Shalom verbracht und lebte in der arabischen Stadt Tamra in Galiläa. Ich war dort der einzige Jude und arbeitete daran, Brücken zwischen Juden und Arabern zu bauen.

Die ursprüngliche Idee hinter Rabbis for Human Rights war, dass wir als eine Art Schofar dienen wollten, als moralische Trompete, die der jüdischen Welt verkündet, dass Menschenrechte nicht nur politische Rechte sind, die wir exklusiv für uns beanspruchen können. Sie sind moralische, ethische, religiöse Imperative.

Die Bewegung wurde als Reaktion auf die Erste Intifada 1987 gegründet. Es war sehr ungewöhnlich – Rabbiner, die die Rechte der Palästinenser verteidigen. Umgehend nach unserer Gründung begannen wir, gegen die Vertreibung palästinensischer Gemeinden zu kämpfen – viele Leute denken, dass das erst kürzlich begann. Aber tatsächlich taten wir dies bereits 1999 in den südlichen Hebron-Hügeln. Es gab Zeiten relativer Ruhe. Aber grundsätzlich hat sich rein gar nichts verändert. Nur dass die Situation extremer geworden ist.

tachles: Betrachteten Sie sich als Postzionisten, als Sie einwanderten und Rabbis for Human Rights gründeten?
Rabbiner Arik Ascherman: Als ich in Howard Soziologie studierte, stritt ich mich ständig mit meinen jüdischen Kommilitonen darüber, was Zionismus bedeutet. Damals, und das wird Sie überraschen, waren mir die Palästinenser egal. Ich glaubte, dass jeder, der sich selbst als Jude definierte, Alija machen und in Israel leben sollte. Dann las ich Arthur Hertzbergs «The Zionist Idea» und realisierte, dass es viele Formen von Zionismus gibt. Hierdurch veränderten sich viele meiner Überzeugungen grundlegend. Ich akzeptierte, dass einer der Gründe für 2000 Jahre Unterdrückung der Juden unser Mangel an Schutz war, und dass die Rückkehr in unser Heimatland Teil der Lösung hierfür war. Aber der Zweck des Zionismus ist ein Staat. Und der Staat ist kein Mittel für die Unterdrückung anderer. Ich kann nicht für mich selbst verlangen, was ich den Palästinensern verweigere.

Was ich für das jüdische Volk will, ist Sicherheit und eine kulturelle, spirituelle und physische Blüte. Wenn es das ohne Staat geben kann, stört mich das nicht. Aber wie kann ich das Recht auf Rückkehr für Juden verlangen und es den Palästinensern absprechen? Das ist doch undenkbar. Einige sagen, das sei Zionismus, andere widersprechen dem. Ich halte den Schabbat ein. Ich bin religiös. Aber ich kann nicht für mich allein ein Recht auf Rückkehr beanspruchen.

Wie verbindet sich diese Theologie mit dem Land zu unseren Füssen, mit Muchmas?
Rabbiner Arik Ascherman: Während Jahrzehnten lebte hier eine beduinische Gemeinde von Schafhirten. 16 Familien, 59 Menschen, für annähernd ein Jahrhundert. Ihr Leben verlief weitgehend ruhig – bis zum 7. Oktober 2023. Um aber präzise zu sein: Die ersten Siedler kamen im nahegelegenen Posten Nahal Tzvi im November 2022 an, fast ein Jahr früher. Zuerst lebten sie in lediglich zwei Häusern, aber sie begannen von dort aus, palästinensisches Weideland zu übernehmen. Land, das während 100 Jahren in legalem Besitz gewesen war. Dann sperrten sie die Palästinenser von ihren Olivenhainen aus. Nur gerade zwei Siedlerfamilien schufen dieses ganze Chaos.

Ich rief die Polizei, aber sie kam nicht. Die Regierung veranlasste den Abbau des Postens, aber innerhalb von drei Stunden wurde er wieder aufgebaut. Reine Symbolhandlung. Dann begannen sie, Nutztiere zu stehlen. Bewaffnet, manchmal auf Geländevierrädern, trieben sie die Herden auseinander und zu ihrem Posten und erklärten sie zu ihrem Eigentum. Innerhalb von zwei oder drei Monaten verloren 16 Familien ihre Schafe. Aber sie hielten trotzdem an ihrem Land fest. Am 25. Oktober 2025 gab es dann den ersten Pogrom. Dutzende Siedler überfielen und verprügelten die Palästinenser in ihren Olivenhainen. Sie brachen einem meiner Freiwilligen den Arm. Sie zündeten Fahrzeuge an, um eine Flucht zu verhindern. Sie brannten die Hälfte der Häuser ab. Es war ein Pogrom.

Als religiöser Jude wissen Sie um die Bedeutungsschwere des Wortes Pogrom?
Rabbiner Arik Ascherman: Ja, sehr. Viele Juden glauben, dass das Wort Pogrom exklusiv unseren Schmerz beschreibt. Dass wir es besitzen. Das tun wir nicht. Juden kamen hierher, verbrannten Heime, prügelten Menschen, schlugen jüdische Freiwillige blutig, stahlen 38 Schafe. Wenn das kein Pogrom ist, was dann? Finden Sie ein anderes Wort dafür!

Wie erklären Sie sich die Gleichgültigkeit vieler Juden gegenüber dem, was hier geschieht?
Rabbiner Arik Ascherman: Die Leute wollen, dass das jüdische Leiden einzigartig bleibt, dass wir auf immer die grössten Opfer der Geschichte bleiben. Rabbi Samson Raphael Hirsch schrieb Jahrzehnte vor Herzl, dass die Thora warnt: Wenn die Macht einst in unsere Hände fällt, könnten wir sie so ausüben, wie sie einst die Ägypter gegen uns ausübten. Die Gefahr besteht, dass der Unterdrückte zum Unterdrücker wird. Unser Schmerz, kombiniert mit Nationalismus und Religiosität, ist leicht entzündbar. Ich kann mit dem jüdischen Leiden mitfühlen. Aber weshalb können wir das nicht mit dem Leiden anderer tun?

Erinnern Sie sich an Menachem Begins erste Handlung als Premierminister? Er brachte vietnamesische Bootsflüchtlinge nach Israel, als niemand anders sie aufnehmen wollte. Er verband das ausdrücklich mit dem Holocaust, und dennoch glaubte auch er an ein GrossIsrael. Dieser Mann war zweier Visionen fähig. Der Mann, der für viel unseres Leids verantwortlich war, verstand, dass unsere Geschichte uns dazu verpflichtet, zu helfen.

Was sagt Ihre Familie zu den Gefahren, denen Sie sich aussetzen?
Rabbiner Arik Ascherman: Sie haben sich daran gewöhnt. Auch wenn sie politisch nach rechts gerückt sind. Sogar meine Frau.

Macht Sie das traurig?
Rabbiner Arik Ascherman: Das ist eine Frage für sie. An manchen Tagen erwache ich und denke: Jean Genet hatte recht – vielleicht wäre die Welt besser dran ohne Religionen oder Nationen. Religionen, nicht nur das Judentum, standen so oft auf der falschen Seite der Geschichte. Aber ich habe Gott in meinem Leben gespürt. Ich kann den Glauben nicht einfach aufgeben, weil in seinem Namen Verbrechen begangen werden. Es bleibt uns doch nur, für die Seele unserer Religion und unseres Volkes zu kämpfen.

Etwas später, gleichentags, begleiteten wir einen anderen Aktivisten der Jordan Valley Activists im nördlichen Jordantal. Wir wurden Zeugen der Vertreibung einer palästinensischen Gemeinde im Dorf Ras al-Ein. Der Aktivist, ein sanfter, einfühlsamer Mann in seinen Siebzigern, meinte, dass wir, anstatt die Palästinenser dazu zu bewegen, an ihrem Land festzuhalten, ihnen vielleicht helfen sollten, wegzugehen und woanders neu zu beginnen.

Rabbiner Arik Ascherman: Und wo das? Kanada? Auch ein guter Platz, um hinzugehen (…) Wir kämpfen, weil sie bleiben wollen. Solange sie bleiben wollen, stehen wir zu ihnen. Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, was gut für sie ist. Wenn ich das tue, werde ich zum Kolonialisten. Meine Rolle ist ganz einfach: Wenn sie entscheiden, zu bleiben, werde ich ihnen dabei helfen.

Und wenn einer von ihnen Sie bittet, ein Haus in Haifa zu finden?
Rabbiner Arik Ascherman: Dann werde ich ihm helfen. Was immer er will. Ich habe kein Recht, für ihn zu entscheiden.

Das Interview endete mit einer Art stiller Verzweiflung. Es wurde Abend, der Regen kam zurück. Der Apotheker aus Muchmas kam mit einem Vierradantrieb, um mein Auto aus dem Matsch zu ziehen. Und als ich wegfuhr, realisierte ich, dass die sechs verbleibenden Familien lediglich auf geliehener Zeit lebten.

Drei Tage später kamen gegen Mitternacht unzählige Nachrichten von einer anderen Aktivistengruppe, Shomrei Habika. Überwachungskameras in Muchmas zeigten, wie 20 maskierte Männer in den Bereich eindringen, in dem ich das obige Interview führte. Sie brannten die Hütten nieder. Familien flohen in die Dunkelheit, man hörte Schreie und Explosionen. Über dem ganzen Chaos hört man eine Stimme, die ich sofort erkannte, auf Englisch um Hilfe schreien: Rabbi Ascherman.

Ich versuchte, ihn mehrmals anzurufen. Keine Antwort. Um 4 Uhr morgens rief er mich zurück. Er erzählte, dass es einen Pogrom gab. Zwei seiner Aktivisten hätten nun gebrochene Knochen und zerschmetterte Rippen. Die palästinensischen Familien seien geflohen. Es habe viele Verletzte gegeben, jedoch wisse er nicht, wie viele. Ich fragte ihn, ob er um Hilfe gerufen habe. Er habe beim Shin Bet angerufen, jedoch wüsste er, dass sie nichts tun werden.

Rabbiner Arik Ascherman: Kommen Sie so schnell wie möglich hierher, um das zu dokumentieren. In einigen Monaten werden hier keine palästinensischen Gemeinden mehr übrig sein.

Ari Folman