SPANIEN 14. Aug 2026

Spaniens jüdischer Grenzposten

Die Or-Zaruah-Synagoge in Melilla gehört einer der ältesten jüdischen Gemeinden Spaniens – die Region steht seit der Migrationskrise im Zentrum antiisraelischer Verschwörungstheorien.

Ceuta und Melilla sind Heimat einer jahrhundertealten jüdischen Gemeinde, die durch die jüngste Migrationskrise seit letzter Woche erneut in den Fokus geriet.

Als vor zwei Wochen Zehntausende Menschen aus Marokko in die spanische Stadt Ceuta strömten, gerieten Ceuta und die benachbarte Stadt Melilla in den Mittelpunkt einer neuen Migrationskrise. Dies liess nicht nur alte geopolitische Spannungen wieder aufflammen. Gleichzeitig geriet ein Knotenpunkt jüdischer Geschichte und Kultur wieder in den Vordergrund, wie der spanisch-jüdische Journalist Elias Levy Benarroch in der «Jerusalem Post» schrieb.

Die Bilder schockierten Europa und veranlassten Madrid, zusätzliche Sicherheitskräfte zu entsenden. Doch für die Einwohner und Einwohnerinnen von Ceuta und Melilla bedeuteten die Ereignisse mehr als nur eine weitere Migrationskrise: Sie liessen alte Ängste um die Verwundbarkeit der beiden einzigen spanischen Städte auf dem afrikanischen Kontinent wieder aufleben. Denn Ceuta und Melilla sind nicht nur Spaniens südliche Grenze zu Marokko, sie sind auch das Zuhause einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Afrikas.

Eine jahrhundertealte Gemeinde
Bei einer Gesamtbevölkerung von nur 170 000 Menschen leben in Ceuta und Melilla etwa 1600 bis 2000 Juden – mehr als in den meisten afrikanischen Ländern. Zusammen leben in den beiden spanischen Städten etwa so viele Juden wie in dem gesamten Königreich Marokko, einem Land mit knapp 39 Millionen Einwohnern.

Die jüdischen Gemeinden von Ceuta und Melilla blicken auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Sie bestehen nicht aus Neuankömmlingen und sind keine historische Kuriositäten, sondern ein fester Bestandteil der Geschichte, der Identität und des gesellschaftlichen Lebens beider Städte – mit tiefen familiären, kulturellen und religiösen Bindungen zu jüdischen Gemeinden in ganz Spanien und zu vielen Familien in Israel.

Laut der proisraelischen Interessensvertretung Acción y comunicación sobre oriente medio ist «die Sicherheit von Ceuta und Melilla (…) kein abstraktes geopolitisches Thema. Es geht um den Schutz spanischer Bürger, die Verteidigung der Souveränität Spaniens und die Bewahrung einer historischen jüdischen Gemeinde, die seit Generationen Teil des sozialen Gefüges beider Städte ist.»

Heute zählt die Gemeinde laut Elías Levy Benarroch, Spanienkorrespondent des israelischen Senders Kan, zwar nur noch rund 1000 Mitglieder, doch Melilla bleibt eines der lebendigsten jüdischen Zentren Spaniens ausserhalb von Madrid und Barcelona. Wahrzeichen der Gemeinde ist die elegante Or-Zaruah-Synagoge, die 1925 im Neo-Mudéjar-Stil von Enrique Nieto, einem der bekanntesten Schüler von Antoni Gaudí, fertiggestellt wurde. Sie ist bis heute ein architektonisches Juwel der Stadt und ein aktives Zentrum jüdischen Lebens.

Ceuta und Melilla sind nicht nur Spaniens südliche Grenze zu Marokko. Sie beherbergen auch eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Afrikas.

Von Marokko nach Melilla
Die jüdische Gemeinde von Melilla erlebte nach dem spanisch-marokkanischen Krieg 1859–1860 einen Aufschwung, als sich Juden aus Nordmarokko in dem expandierenden spanischen Hafen niederliessen. Zum Zeitpunkt des Zweiten Weltkriegs lebten in der Stadt fast 7000 Juden und es gab 26 Synagogen – mehr als die damalige Gesamtzahl an Kirchen und Moscheen.

Die Geschichte der Gemeinde ist mit einem der schmerzhaftesten Kapitel des marokkanischen Judentums verbunden. Nach Angaben des spanischen Kulturvereins Mem Guimel lief die Egoz, das geheime Schiff, das marokkanische Juden nach Israel brachte, zunächst von Melilla aus, bevor sie nach al-Hoceima segelte, um Auswanderer aufzunehmen. Das Boot sank in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1961; dabei kamen 44 Menschen ums Leben, darunter 43 Juden auf dem Weg nach Israel. Heute bewahrt Mem Guimel ihr Andenken.

Verschwörungstheorien gegen Israel
Nach dem tödlichen Grenzüberritt trugen der Schauspieler Javier Bardem und andere dazu bei, antiisraelische Narrative in den sozialen Medien zu verbreiten, was ihnen den Vorwurf antisemitischer Hetze einbrachte, wie Cnaan Lidor im «Jerusalem News Syndicate» berichtete. Die von Bardem, einem lautstarken Verfechter der palästinensischen Sache, der Israel öffentlich des Völkermords bezichtigt, geteilte Theorie gab Israel die Schuld an der Krise: Das Land habe die Invasion über 5000 Kilometer von seinem Hoheitsgebiet entfernt irgendwie inszeniert, um die spanische Regierung für ihre antiisraelische Politik zu bestrafen. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, bezeichnete Bardems Weiterverbreitung als «lächerliche neue Blutverleumdung durch einen weiteren einfältigen Schauspieler» und beschrieb Bardem als «‹Dumb & Dumber› in einer Person», eine Anspielung auf die Komödie aus dem Jahr 1994 mit Jim Carrey und Jeff Daniels in den Hauptrollen.

Ähnliche Beiträge und Verschwörungstheorien über die Krise in Ceuta verbreiteten sich über antiisraelische Accounts wie ein Lauffeuer, oft begleitet von antisemitischer Rhetorik. So teilte Bardem auf Instagram, wo er 1,5 Millionen Follower hat, einen Monolog des indischen Komikers Sundeep Bhardwaj, in dem es heisst: «Falls ihr euch fragt, was die Vereinigten Staaten oder Israel damit zu tun haben: Wie immer: alles. Spanien ist das einzige Land, das sich öffentlich geweigert hat, den Vereinigten Staaten und Israel bei ihrem Völkermord in Palästina zu helfen. Deshalb hat Israel Spanien im letzten Jahr offen bedroht.» In einem weiteren von Bardem geteilten Beitrag heisst es: «Wir wissen nicht, wer diese Krise inszeniert hat, aber wir wissen, wer von einem geschwächten, destabilisierten Spanien profitiert: Israel und die westliche extreme Rechte, die darauf aus ist, Migration als Waffe gegen Muslime einzusetzen.»

Eine globale Kampagne
Die Verschwörungstheorien hörten bei Bardem nicht auf. Der spanische Verkehrsminister Oscar Puente teilte auf der Plattform X einen Kommentar des israelischen Uno-Botschafters Danny Danon zur Lage in Ceuta. Dieser hatte geschrieben: «Bevor [Spanien] uns weiterhin Belehrungen erteilt, ist es vielleicht an der Zeit, dass es der Welt erklärt, warum es immer noch Kolonialenklaven in Afrika unterhält.» Puentes Antwort: «Nun, die Dinge werden langsam ziemlich klar.»

Die in den USA ansässige Organisation Combat Antisemitism Movement identifizierte 119 Influencer-Accounts, die für 173 Beiträge verantwortlich waren und im Zusammenhang mit der Ceuta-Krise eine – wie sie es nannte – «globale antisemitische Verschwörung» verbreiteten. Die Beiträge erzielten innerhalb von nur zwei Tagen 57,5 Millionen Aufrufe mit einer geschätzten Reichweite von 103,1 Millionen Zuschauern, 1,9 Millionen Likes und 368 400 Shares.

Yossi Lempkowicz