Elf Jahre nach seinem oscargekrönten Holocaust-Drama «Son of Saul» meldet sich der ungarisch-jüdische Regisseur László Nemes mit seinem neuen Film «Orphan» zurück und mit scharfer Kritik an Antisemitismus und der Filmindustrie. In Interviews rund um die Premiere spricht Nemes von einer «Orgie des Antisemitismus», die derzeit den Westen erfasse. Mit «Son of Saul» gelang Nemes 2015 der internationale Durchbruch. Der Film über ein jüdisches Sonderkommando in Auschwitz gewann unter anderem den Oscar für den besten fremdsprachigen Film und gilt als eines der eindringlichsten Werke über die Schoah. Sein neuer Film «Orphan» erzählt nun die Geschichte eines jüdischen Jungen im Nachkriegsungarn, der mit verdrängten Familiengeheimnissen und den Traumata der Schoah lebt. Die Handlung basiert weitgehend auf der Geschichte seines eigenem Vaters. Europa habe die Erfahrungen der Schoah zwar mit Scham betrachtet, sie aber nie wirklich verstanden oder verarbeitet, sagt der Regisseur. Zugleich kritisiert er die heutige Kultur- und Filmszene scharf. Ein Film wie «Son of Saul» würde heute wohl kaum mehr ausgezeichnet werden, meint Nemes. Jüdische Themen seien zunehmend politisiert oder würden gemieden. Besonders kritisch äussert sich Nemes über Kulturschaffende, die Israel boykottieren oder sich öffentlich zum Gaza-Krieg positionieren. Viele würden moralische Urteile fällen, ohne die Realität des Nahen Ostens zu verstehen. Auch die Oscar-Rede des Regisseurs Jonathan Glazer kritisierte Nemes rückblickend deutlich. Trotz seiner düsteren Analyse zeigt sich Nemes nicht hoffnungslos. Sein neuer Film «Moulin» über den französischen Résistance-Kämpfer Jean Moulin feierte jüngst Premiere in Cannes.
László Nemes
21. Mai 2026
Rückkehr
Emily Langloh