Zwischen stetig wechselnden Kriegszielen bleibt der Ausgang des Konflikts offen – sicher scheint nur, dass Donald Trump das Resultat als eigenen Erfolg deuten wird.
Wer keine klaren Ziele hat, hat auch keine klaren Erfolge. Oder Misserfolge. Donald Trump hat daraus ein Konzept gemacht. Zu Beginn des zweiten Kriegs mit dem Iran stand der Sturz des verbrecherischen Regimes hoch oben auf der Liste seiner Motive, dann war es die Zerstörung der nuklearen Gefahr. Mal sollte der Krieg so lange wie notwendig dauern, mal Wochen, mal Tage. Die Iraner könnten auch auf einen langwierigen Abnutzungskrieg aus sein. Wie auch immer das Ende aussehen wird, Donald Trump wird es zu seinem Sieg erklären. Er ist es, der festlegt, wie viele Tage eine Woche hat.
Militärische Realität
Ein klar definierter Erfolg könnte die Sicherstellung von 440 Kilo bei Isfahan vergrabenen hochangereicherten Urans sein. Genug für zehn Atombomben. Oder die Mobilisierung der iranischen Massen gegen das Regime und dessen Sturz. Bislang gelingt es Israel, Raketenwerfer, Waffenlager, Werkstätten und Kasernen zu zerstören. Schneller und heftiger als erwartet. Doch immer noch liegen Israel und auch die Golfstaaten unter iranischem Beschuss. Keine Breitseiten mit Dutzenden Raketen und Drohnen, wie im Krieg 2025. Aber mehrfach täglich und vor allem nächtlich jagen geschickt gestaffelte Einzelangriffe fast ganz Israel in die Schutzräume und Bunker. Israels Piloten konzentrieren sich in den letzten Tagen verstärkt auf Regimeeinrichtungen und Revolutionsgarden. Doch die erwarteten Strassenproteste mit Millionen Demonstranten bleiben bislang aus. Was sich noch ändern kann.
Doch das Zeitfenster für Binyamin Netanyahu ist eng, denn in diesem Jahr steht er vor Wahlen, die seine lange Amtszeit beenden könnten. Donald Trump, von dem Netanyahu abhängig ist, hat noch zwei Amtsjahre – doch im November finden auch in den USA Zwischenwahlen statt. Bis dahin möchte Trump nicht mit seinem Sieg warten. Besser wäre es vor Ende März. Vor seinem Gipfel mit Chinas Xi Jinping. Global stünde ihm ein Sieg ausgezeichnet zu Gesicht.
Bröckelnde Allianzen
Tatsächlich bieten sich in Nahost derzeit militärische wie politische Chancen, die vor Kurzem noch ungeahnt waren. In den vergangenen Jahren stand Israel vor einer geschlossenen Front mit dem Iran und all seinen Verbündeten. Jetzt zeigt sich, dass die Front so einheitlich nicht ist und war. Die Hamas bekundet den schiitischen Mullahs ihre Solidarität, doch schaut sie dem Kriegsgeschehen untätig zu. Wie im Oktober 2023, als der Iran nicht direkt in die Kämpfe im Gazastreifen nach dem blutigen Massaker der Hamas in Israel eingriff. Hat die Hamas doch Patrone auch auf der anderen Seite des Golfs – und die sind sogar Sunniten wie die Hamas.
Auch die Huthi im Jemen schauen zu und warten ab. Sie wollen sich keinem doppelten Angriff israelischer und amerikanischer Kampfflugzeuge aussetzen. Auch die saudischen Nachbarn könnten auf eine Gelegenheit warten, die Huthi wieder zu bekämpfen und sich für die Kriegsschmach von 2015 zu revanchieren. Grundsätzlich sind die arabischen Ölstaaten vom Kriegsausbruch nicht angetan, doch die iranischen Angriffe zwingen sie geradezu zur Kriegsteilnahme. Viele sehen in dem iranischen Rundumschlag mit Raketen gegen alle Golf-Anrainer einen Verzweiflungsakt, der aber nicht ganz ohne Kalkül ist: Zusammen mit dem Ölpreis sind es vor allem die Ölstaaten, deren Druck auf Trump den Krieg beenden kann.
Libanon im Fokus
Umso überraschender, dass ausgerechnet der Proxy aus dem Libanon sich direkt und in verblüffender Heftigkeit an den iranischen Angriffen gegen Israel beteiligt, trotz ihrer innerlibanesischen Probleme, in denen die Schiitenmiliz zwar stärkste militärische Kraft im Libanon bleibt, politisch aber an Einfluss und Ansehen verliert. Jetzt gilt es für die Hizbollah, sich weiter militärisch zu profilieren – ohne dass die durch die bedingungslose Solidarität mit den Mullahs entstehenden Spannungen im Libanon einen Bürgerkrieg auslösen.
Israel schlägt mit eiserner Faust zurück, was zu erwarten war. Offiziell hält sich Washington mit Kritik zurück. Hinter den Kulissen aber dürfte klargestellt sein, dass für Washington bis auf Weiteres die im Waffenstillstand von 2024 angestrebte Entwaffnung der Hizbollah ein innerlibanesischer Prozess bleiben sollte.
Neue Fronten?
Israels Armee führt Bodenoperationen im Südlibanon durch und fliegt fast pausenlos Angriffe gegen Hizbollah-Einrichtungen überall im Libanon. Israels Armee geht es dabei um eine Verlagerung der Waffenstillstandslinie tiefer in das libanesische Gebiet. Wobei eine neue Sicherheitszone kaum das Ziel sein dürfte. Der Litani-Fluss hat in einem modernen Krieg mit Drohnen und Raketen kaum noch eine militärische Bedeutung. Letztlich geht es daher doch um die Entwaffnung der Hizbollah. Wie weit diese mit politischen Mitteln durchzusetzen ist, bleibt mehr als fraglich. Im November 2024 hiess es noch, die Hizbollah sei militärisch zerstört. Jetzt feuert sie wieder aus allen Rohren.
Westjordanland als Risiko
So hat Israels Militär mit dem Hizbollah-Beschuss im Norden und mit den Luftangriffen gegen die iranischen Revolutionsgarden mehr als genug zu tun. Militärisch gesehen wäre da eine weitere Front mehr als überflüssig. Daher würden auch verstärkte Unruhen im Westjordanland weder strategisch noch taktisch in die Planung passen. Doch massgeblichen Kreisen in den Regierungsparteien passen sie durchaus. Radikale Siedlergruppen haben ihre gezielt provozierenden Angriffe gegen palästinensische Nachbardörfer in den letzten Wochen noch einmal verschärft. Diese Woche kam es dabei zu vier Todesopfern. Im Schatten des Krieges hoffen die Aufrührer, dass ihre Gewaltorgie die Regierung zu einer Annexion der besetzten Gebiete zwingen kann. Dabei warnt auch der eigene Geheimdienst vor einer drohenden «Explosion» im Westjordanland. Auch dadurch steigen die militärischen Ausgaben und die Regierung beschloss am Dienstag im neuen Haushalt für 2026 eine Kürzung der Ausgaben für alle Ministerien zugunsten der Landesverteidigung. Was nicht überrascht. Aber 1,3 Milliarden CHF gehen zusätzlich auch an die Siedler und andere Koalitionsschützlinge.
Historische Perspektiven
An der Armee liegt es wieder einmal, aus der Gemengelage im Norden wie im Süden noch das Beste herauszuholen. Zurzeit wäre das die Zerstörung terroristischer Infrastrukturen, wie und wo immer möglich. Besser ein schwaches Mullah-Regime als ein starkes. Ein endgültiger Sturz braucht seine Zeit, was im Nahen Osten nicht überraschen sollte. Im Irak begann der erste Irak-Krieg 1991. Der endgültige Sturz Saddam Husseins folgte 2003. In Syrien kam es 2011 zu ersten Unruhen, denen ein Bürgerkrieg folgte, und erst 2024 Baschar Assads Flucht. Weder im Irak noch in Syrien folgte den Diktatoren eine lupenreine Demokratie. Hoffentlich dauert es im Iran nicht so lange.