NEW YORK 21. Mai 2026

Jüdischer Comicpionier

Roy Schwartz (l.) mit den Enkelkindern von Kirby. Rechts Christopher Marte, der die Lower East Side im Stadtrat vertritt.

Anfang Mai wurde eine Strasse in New Yorks Lower East Side zu Ehren des Comiczeichners Jack Kirby umbenannt.

Jack Kirby war wahrscheinlich der einflussreichste und wohl auch produktivste amerikanische Comicschaffende, der unter anderem ikonische Figuren wie Captain America, die Fantastischen Vier, Black Panther, die X-Men und viele mehr kreierte. Diese Helden faszinieren nicht nur Millionen von Menschen auf der Kinoleinwand, sondern sind auch darüber hinaus zu einem Millionengeschäft geworden. Doch angefangen hat Kirby, der 1917 als Jacob Kurtzberg auf New Yorks Lower East Side geboren wurde, in ganz bescheidenen Verhältnissen.

Eine neue Generation von Superhelden
Seine Eltern waren österreichische Juden, die sich in dem Migrantenviertel der Stadt niederliessen, was für den späteren Comiczeichner prägend war. Juden wurden in anderen Bereichen, in denen Illustratoren arbeiten konnten, wie etwa der Werbebranche, diskriminiert, so dass Kirby sich in dem relativ neuen Medium der Comics zu etablieren versuchte. Als er 21 Jahre alt war, erschien «Action Comics», das Heft, in dem Superman sein Debüt feierte. Die von zwei Juden aus Cleveland, Autor Jerry Siegel und Illustrator Joe Shuster, geschaffene Figur inspirierte ein vollkommen neues Genre: Superhelden.

Zwei Jahre später erschuf der Autodidakt gemeinsam mit Autor Joe Simon seinen eigenen, patriotischen Superhelden für «Timely Comics», den Vorgänger von «Marvel Comics»: Captain America. In seinem Debutheft bekämpfte der Titelheld – und das noch vor dem Eintritt der USA in den Weltkrieg – den berüchtigtsten Bösewicht der Zeit: Adolf Hitler. Soviel Chuzpah hatte vorher kein Comickünstler gehabt. Ihr Assistent war damals ein Neffe des Verlegers Stanley Lieber, der in den 1960er-Jahren als Stan Lee mit Kirby das Superhelden-Genre revolutionieren sollte. Ihre gemeinsam geschaffenen Helden, angefangen von den Fantastischen Vier über Hulk, X-Men, Black Panther und viele mehr, waren launisch, ironisch und manchmal voller Selbstzweifel, anders als die erste Generation von unfehlbaren Superhelden.

Genreprägendes Genie
«Ein Grossteil seiner Beiträge war nicht nur bahnbrechend, sondern geradezu genreprägend», erklärt Miriam Mora, Direktorin des Raoul Wallenberg Institute der Universität Michigan und Mitgründerin der jüdischen Comicmesse Jewish Comics Experience. Während des Zweiten Weltkriegs bekämpfte Kirby, wie sein Held Captain America, als US-Soldat die Nazis und erlebte den Horror des Holocaust mit eigenen Augen. «Sein dichter Stil spiegelte sowohl die Zeit als auch den Ort seines Wirkens wider. Die Zwischenkriegsjahre und seine Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs waren wahrscheinlich ebenso prägend für seine Bildsprache. Wer diese Comics liest und die Kleckse und Risse auf seinen Seiten erblickt, der spürt diese Welt um sich herum.»

«Kirby erfand so etwas wie das Alphabet und den Rechenschieber der Action-Comics,» meint Dean Haspiel, der u. a. auch für Marvel gearbeitet hat und von Jack Kirby geschaffene Figuren wie die Fantastischen Vier illustrierte. Auch Jahrzehnte nach seinen Tod beeinflusst der Stil Kirbys immer wieder neue Generationen von amerikanischen Illustratoren wie auch Haspiel.

«Jack Kirby ist nicht nur der bedeutendste Künstler in der Geschichte der Comics», erklärt Roy Schwartz, «er zählt auch zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts.» Der gebürtige Israeli ist seit seiner Kindheit Fan von Kirby. «Jack Kirby ist mein liebster Comic-Schöpfer. Er ist der erste Künstler, nach dem ich gezielt namentlich gesucht habe.» Der Jurist war wesentlich daran beteiligt, dass der an die Delancey Street grenzende Abschnitt der Essex Street, unweit von dem Haus, in dem Kirby aufwuchs, in «Jack Kirby Way» umbenannt wurde. «Dass die Strasse, in der er geboren wurde, ihm zu Ehren einen zusätzlichen Namen erhält, war längst überfällig.»

Kein einfaches Unterfangen
Die Idee der Strassenumbenennung zu Ehren Kirbys existierte schon seit mehreren Jahrzehnten, doch viele Schwergewichte aus der Comicbranche scheiterten an der New Yorker Bürokratie. Laut Schwartz ist «die Umbenennung einer Strasse in New York kein leichtes Unterfangen. Sie ist mit einer Vielzahl von Vorschriften und einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden.»

Kirby ist nicht der erste Comicschaffende, nach dem eine Strasse in New York benannt wurde. 2017 wurde ein Abschnitt des Poe Parks in der Bronx zu Bill Finger Way umbenannt, in Ehren des Autors, der massgeblich an der Schaffung von Batman beteiligt war. 2021 wurde, ebenfalls in der Bronx, der Stan Lee Way auf einem Abschnitt der University Avenue eingeweiht. Obwohl Stan Lee, der im hohen Alter zum Maskottchen von Marvel wurde und Cameos in fast allen Filmen hatte, für Aussenseiter der wohl bekannteste Comicschaffende ist, wissen Kenner, dass Kirby in Wirklichkeit massgeblich an der Schaffung der Marvel-Superhelden beteiligt war. Doch während Lee zur Berühmtheit und zum Millionär wurde, blieb Kirby relativ unbekannt und lebte zeitlebens bescheiden. Jack Kirby starb 1994 und erlebte nicht, wie aus seinen Kreationen Blockbuster-Filme wurden.

«Im Falle Kirbys mussten wir zahlreiche Menschen davon überzeugen, dass er eine historische Persönlichkeit ist, die eine echte Kunstform massgeblich geprägt hat und dieser Ehrung würdig ist», erklärt Schwartz. «Es bedurfte einer gehörigen Portion Beharrlichkeit, einiger politischer Manöver, juristischer Unterstützung, zahlreicher Petitionen und viel Geduld, doch schliesslich haben wir es geschafft.»

Am 11. Mai war es nun so weit. Viele Comicschaffende wie etwa der ehemalige Redakteur von «Spider Man» Danny Fingeroth versammelten sich in der Lower East Side, um der Einweihung des Namensschildes beizuwohnen. «Jack Kirby war ein Kind der gefährlichen, von Armut geprägten Strassen der Lower East Side, ein Ort, der mit dem heute gentrifizierten Stadtteil kaum noch etwas gemein hat», erklärt Fingeroth, der heute Comic-Historiker ist und ein Buch über Stan Lee geschrieben hat. «Anstatt sich von diesen Strassen unterkriegen zu lassen oder zum Kriminellen zu werden, kanalisierte er die Widrigkeiten, denen er dort ausgesetzt war, in kraftvolles Storytelling von epischem Ausmass.»

Jüdische Pioniere
Obwohl es in den vielen Lobreden hauptsächlich um Kirbys Schaffen ging, wurde auch seine jüdische Identität immer wieder thematisiert. So etwa die Tatsache, dass er seinen Geburtsnamen ablegen musste, um überhaupt Erfolg zu haben, da Juden damals auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert wurden. Ebenfalls, dass er stolz auf seine Herkunft war. Seine Enkel erzählten von Synagogenbesuchen, Pessachfeiern und dass jüdische Werte bedeutend für Kirbys Identität waren.

«Für mich ist diese Ehrung mehr als die blosse Anerkennung der Tatsache, dass er in diesem Strassenblock lebte», erklärt Mora, die aus Ann Arbor für die Veranstaltung angereist war. «Es bedeutet, dass er ein Teil dieser Stadt war. Es ist wahrlich eine wunderbare Sache, gerade jenen Strassenblock nach ihm zu benennen, der dazu beitrug, den Menschen Kirby zu formen. Zudem halte ich es für einen wichtigen Aspekt, dass die Strasse genau jenen Namen trägt, den er einst für sich selbst und seine Familie wählte.»

Nach dem Erfolg von «Captain America» liess Kirby 1942 gesetzlich seinen Namen ändern. Im selben Jahr heiratete er Rosalind Goldstein, die als Roz Kirby bekannt wurde. «Er wurde als Jacob Kurtzberg geboren, als Sohn jüdischer Einwanderer, und man spürt in seinem Werk deutlich, welch immense Bedeutung seine Identität und seine persönlichen Erfahrungen für ihn hatten. Doch er entschied sich bewusst für diesen Namen, nicht nur, weil er ihm half, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch, weil er die Erfüllung jenes amerikanischen Traums verkörperte, den er uns allen in seinen Werken so eindrucksvoll vor Augen führte.»

Im Mai findet in den USA der Jewish American Heritage Month statt. Daher war die Strassenumbenennung nicht nur eine Ehrung Kirbys, sondern auch die Ehrung eines jüdischen Pioniers einer amerikanischen Kunstform, die von vielen Juden geprägt wurde.

Julian Voloj