UKRAINE 04. Sep 2026

Eskalation oder Apokalypse als Vorboten des Friedens?

Geschichte ist im russisch-ukrainischen Krieg selbst zum Kampffeld geworden – nirgends deutlicher als beim Streit um die Deutung des Holodomor.

Vier Jahre nach Kriegsbeginn ringen Russland und die Ukraine nicht nur um Territorium, sondern auch um die Deutungshoheit über Geschichte und Schuld.

Die Angriffe und Zerstörungen auf beiden Seiten des Kriegs mehren sich. Dabei will die Bevölkerung hier wie dort das Ende des Blutvergiessens, hält sich an Beschwörungen, die ein Schweigen der Waffen in Aussicht stellen. Nachdem Trump als Friedensmanager schwankt, werden andere Vermittler ins Spiel gebracht: Gerhard Schröder, Angela Merkel und weitere haben abgelehnt. Der Papst, Amerikaner und Pazifist, der als Augustinermönch schon 1983 gegen die Stationierung ballistischer Raketen in Europa protestierte, plädiert auch heute klar für die Niederlegung der Waffen. Als Mediator sehen viele Roman Abramowitsch, den grossen Jongleur der Macht, der mit allen zu reden weiss und schon bei den – gescheiterten – Friedensgesprächen in Istanbul 2022 dabei war. Brasiliens Präsident Lula, mit Putin im Wirtschaftsverbund BRICS organisiert, hat sich klar für ein Kriegsende ausgesprochen. Auch Erdogan redet mit. Die Suche nach einer diplomatischen Lösung verhindert die Eskalation nicht, könnte sie sogar befeuern, da jede Seite versucht, die eigene Ausgangslage zu verbessern.

Putins Pressesprecher Peskow hat die Sprachregelung gebrochen und leitet eine neue Agenda ein: Was als Spezialoperation vor viereinhalb Jahren begann, sei zu einem richtigen Krieg geworden, weil sich auf ukrainischer Seite zahlreiche andere Staaten, vorab europäische, beteiligten. Natürlich bleibt den russischen Geheimdiensten nicht verborgen, wo die auf ukrainischer Seite zum Einsatz gebrachten Waffen produziert werden. Obgleich amerikanisches Kriegsmaterial von der EU für die Ukraine gekauft wird, wollen die Vereinigten Staaten – anders als einzelne EU-Politiker mit ihren verbalen Attacken – Russland nicht zerstört sehen. Eine Auflösung des grössten Landes der Welt in Teilstaaten, sei es nach ethnisch-kulturellen oder nach wirtschaftlichen Kriterien, macht Angst. Die Verunsicherung darüber, in wessen Hände im Fall einer Aufspaltung der stärksten Atommacht deren Waffen geraten könnten, ist gross. Gross war sie bereits beim Zusammenbruch der UdSSR 1991, was mit ein Grund war, die Ukraine, eines der Zerfallsprodukte, dazu zu bewegen, ihre Nuklearwaffen der russischen Föderation zu überlassen. Dies besiegelte das Budapester Memorandum von 1994, wobei der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik im Gegenzug die territoriale Einheit garantiert wurde. Diese nun wird von Moskau seit 2014 verletzt.

Eine Krise der Diplomatie
Dass seit der russischen Aggression von 2022 die Welt genauer hinschaut und sich eine umfassende Unterstützung der nun als Opfer wahrgenommenen Ukrainer formiert hat, verändert die Koordinaten. Während der seit 2019 amtierende ukrainische Präsident Selenski dem Angriff standhält und mit einer regen Reiseaktivität die Unterstützung seines Landes mit Kriegsmaterial und Devisen am Laufen hält, ist von einer Krise der Diplomatie die Rede. Seit Beginn des bewaffneten Konfliktes ist kein direktes Gespräch zwischen den Kriegsparteien zustande gekommen. Dabei geht es um die gegenseitige Abwertung, ja Verachtung zweier Führer, denen das Schicksal des eigenen Volkes weniger am Herzen liegt als die eigene Machtstellung. Diese würde für Putin wie für Selenski mit Neuwahlen oder mit dem Ende des Krieges zu Ende gehen. Oder beides. Und es geht um Maximalforderungen auf beiden Seiten, die nur im direkten Aushandeln eines Friedensvertrages revidiert werden können.

Nach dem Treffen von Trump und Putin war vom Geist von Anchorage die Rede, der inzwischen tot ist. Findige Russen haben bereits ein Parfum namens «Duch Ankoridscha» lanciert, basieren doch Geist und Duft auf demselben Wort. Flüchtig sind sie beide.

Beide Länder sind mit ihrer Führung unzufrieden, egal, was Umfragen sagen, die in Zeiten von Propaganda und Zensur eher der Kriegsführung als der Orientierung dienen. Im In- und Ausland werden Charakterstudien erstellt, Vergleiche zu Diktatoren oder Helden der Vergangenheit gezogen, statt Analyse wird Kolorit in die eitle Debatte gebracht.

Welche Art von Krieg findet hier statt?
Was Putin als Blitzkrieg – der Terminus hat sich auch im Russischen eingebürgert – anzettelte, hat einen anderen Weg eingeschlagen. Doch geht es um einen Stellungskrieg, einen Abnützungskrieg, einen hybriden Krieg? Auch das Wort Bürgerkrieg, für die ukrainische Führung und ihre Unterstützer ein Tabu, da es den Heroismus schmälert und der Theorie von einem geeinten Land widerspricht, meldet sich zurück. Ist die Beschädigung des Feindes mit Drohnen eine moderne Kriegsart? Ist sie eher eine Form von Terrorismus? Oder findet gerade ein Verteilungskrieg um das sowjetische Erbe statt? Dieses ist mit den mächtigen Industrieanlagen, dem Reichtum der Bodenschätze, der Wälder, der Wasserkraft, der fruchtbaren Böden, riesig. Historisch ist dieses Erbe ein geteiltes, aktuell aber noch nicht aufgeteilt.

Die russische Begründung, es gelte mit der militärischen Operation die Ukraine zu entnazifizieren, rekurriert auf historische Traumata, verdeckt aber wohl das wahre Ziel, die Ukraine auf dem Status eines Pufferstaates zu halten, ihre Einbindung in die NATO oder die EU zu verhindern. Diese westlichen Versprechen sind dabei keineswegs verlässlich: Die Formel, Russland dürfe den Krieg nicht gewinnen, die Ukraine dürfe ihn nicht verlieren, verrät die Unschlüssigkeit der «Alliierten», ihre Zustimmung letztlich zum Erhalt einer Pufferzone.

Alle Kriegsdefinitionen ändern nichts an der faktischen Opferung der Bevölkerungen. Die Zahlen der Toten und Verkrüppelten werden nicht offengelegt, die Rekrutierungserfolge werden ebenso verschleiert wie die Grössenordnung der Verweigerer und Überläufer. Was sich nicht übersehen lässt, sind die ausufernden Gräberfelder. Die Brutalität der Soldatenaushebung in der Ukraine, der das Personal ausgeht, wird zu Recht beklagt. Auf der Gegenseite scheinen die Geldzahlungen für Kämpfer im russischen Sold zu schrumpfen. Die Einschätzung, die eine Seite kämpfe aus Patriotismus, die andere aus Gewinnsucht, verliert an Eindeutigkeit. In den Vordergrund gerückt ist die Frage: Wofür kämpfen wir?

Degradation des zivilen Umgangs
Bei allen Unterschieden der Genese des blutigen Konfliktes, der menschlichen Not und der Motive, sich zu engagieren oder zu verweigern, lässt sich die Beschädigung der Gesellschaft im Schatten und unter dem Vorwand des Krieges nicht übersehen. Ein Rückfall, eine Resowjetisierung im Umgang mit der eigenen Bevölkerung – Zensur, Missachtung der Menschenrechte – findet auf beiden Seiten statt. Hier triumphiert das gemeinsame Erbe.

Es bleibt die kardinale Differenz: Während Russland mit Ausnahme von Nordkorea keine verlässlichen Freunde an seiner Seite hat, kann die Ukraine auf Unterstützer zählen. Sie muss sich dafür allerdings auf eine Allianz verlassen, ohne die der Krieg verloren und damit sofort zu Ende wäre. Auch wenn einzelne Sponsoren festlegen, die Ukraine könne noch einige Jahre kämpfen, wenn Lieferversprechen von Kriegsmaterial diesen Zeithorizont setzen, bleibt das Hauptproblem der militärische Nachwuchs. Soll das Rekrutierungsalter auf 18 Jahre gesenkt, sollen die Frauen zum Dienst verpflichtet werden?

Ein ungleiches Bündnis
Dass das Bündnis «befreundeter» Staaten trotz gelegentlicher Dissonanzen noch immer steht, ist seine Stärke. Unverwundbar ist es nicht. Russische Militäranalytiker unterstellen längst, es sei die NATO, die unter dem Decknamen «Ukraine» gegen Russland Krieg führe. An welchen Standorten Kriegsmaterial gefertigt und gelagert wird, das an die Ukraine geht, ist bekannt. Ebenso wenig entgeht den Geheimdiensten, dass seit Jahren Ableger der westlichen Rüstungsindustrie in der Ukraine aufgebaut, ihre Soldaten an den Geräten trainiert werden. Damit werden die Sympathisanten der Ukraine, wenngleich sie ihre Armeen aus dem Konflikt heraushalten, angreifbar. Die Kriegsgefahr steigt, nicht nur rhetorisch.

Dass sich die Ukrainer, auch im 5. Jahr des akuten Krieges, sich nicht mit einer eigenen Luftabwehr zu versehen wussten, werfen ihnen Kritiker aus den eigenen Reihen vor. Auch die Opferrolle, in der sich das angegriffene Land zu Recht fühlt, wird nicht mehr als Grund für alle Unbill akzeptiert. Der Vorwurf, es sei zu wenig Kriegsmaterial geliefert worden, entschuldigt das eigene strategische Versagen immer weniger. Dass die Ukraine anderseits, seit Kurzem als der Drohnenspezialist par excellence profiliert, ihre Produkte und ihr Know-how mitten im Krieg auf dem internationalen Markt anbietet, versteht vor allem die gebeutelte Bevölkerung nicht.

Den Krieg sofort einzustellen, hat Kasachstans Präsident Kassim-Schomart Tokajew im Gespräch mit Putin verlangt. Er hat sein Land aus dem Konflikt herausgehalten, war aber beim Umgehen der Sanktionen gegen russische Firmen behilflich. Dass Trump bei allem disruptiven Agieren die Ukraine nicht aufgeben wird, scheint nach seinen Niederlagen anderswo wieder realistischer. Diese Hoffnung reiht sich ein in das magische Denken, das die ukrainische Bevölkerung nährt. Trumps Emissäre Kushner und Witkoff sind, freilich Kiew und Moskau bisher meidend, unterwegs. Dem Einwand, das seien keine Diplomaten, wird entgegengehalten, auch Präsident Roosevelt habe mit Harry Hopkins einen engen Freund mit zentralen diplomatischen Aufgaben betraut, etwa mit dem Lend-Lease-Programm im Zweiten Weltkrieg.

Geschichtspolitik als Kriegsfeld
Putin ist für seine langen Geschichtsexkurse bekannt. Grossfürst Wladimir, der im Jahr 988 das Christentum annahm für die Kiewer Rus, die die Slawenvölker zwischen Dnjepr und Ladogasee umfasste, hatte sich damit die Ehe mit einer byzantinischen Prinzessin verdient. Dass Kiew einst das Zentrum der Rus war, ist bis heute Konfliktstoff. Nach der Auflösung der UdSSR in ihre 15 Teilrepubliken war es für die Ukraine angesichts der kulturellen und familiären Verquickung schwierig, ein eigenes Profil zu etablieren. Andere Sowjetrepubliken – Armenien, Georgien, Kasachstan, Usbekistan – hatten dieses Problem nicht. Und anders als Putin, der beim Zusammenkommen mit Trump daran erinnerte, dass ihre beiden Länder im Zweiten Weltkrieg Alliierte waren beim Sieg über den Faschismus, hat Selenski diese Karte nicht gespielt, obwohl eine hohe Zahl ukrainischer Offiziere und Soldaten in eben dieser Allianz kämpfte und umkam.

Die offizielle Ukraine hat sich nach dem Ende der Sowjetunion zunehmend in die Richtung einer anderen Geschichtserzählung bewegt. Jetzt sah man sich als Opfer einer russischen Kolonialmacht, schuf sich mit dem Holodomor, der grossen Hungersnot der Dreissiger Jahre, einen eigenen Gründungsmythos. Diese Hungersnot betraf allerdings die gesamte Landwirtschaft im Schwarzerdgebiet der jungen Sowjetunion. Und sie war weniger ein Angriff auf das ukrainische Volk als Resultat der irrigen Stalin’schen Landreform, der Zwangskollektivierung, die Kasachstan weit stärker traf. Doch schauen die Kasachen heute vor allem in die Zukunft, pflegen bei allen autokratischen Allüren Wirtschaft, Kultur und Aussenbeziehungen. Das Selbstbewusstsein Tokajews erlaubt ihm, Putin die Stirn zu bieten.

Der Streit um die Erinnerung
Der ukrainische Blick bleibt auf die Vergangenheit fixiert. Die mittlerweile lähmende Opferrolle dient auch der fordernden Haltung, die zum Kern von Selenskis Reisediplomatie wurde. Der Holodomor wird gerne mit dem Holocaust analog gesetzt, dem Kollektivtrauma der europäischen Juden und dem zentralen Motor für die Begründung eines eigenen Staates. Der Gleichklang von Holocaust und Holodomor wird instrumentalisiert. Das Griechische «holos» («ganz») von «Holocaust» («Ganzverbrennung») und das ukrainische «holod»(«Hunger») für Hungerplage haben allerdings nichts gemein.

Dabei gab es auf ukrainischem Boden im Zweiten Weltkrieg durchaus Zonen des Holocaust-Verbrechens, Babyn Jar bei Kiew ist nur eine von vielen. Dass ukrainische Mitbürger der Wehrmacht bei der Deportation und Vernichtung der Juden zur Hand gingen, wissen die Familien, haben Historiker längst aufgearbeitet. Doch an diese dunkle Geschichte wird ungern erinnert. Der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki entzog Selenski den Weissen Adler, den Orden für Verdienste an seinem Land, nachdem dieser einer ukrainischen Militäreinheit den Namen «Helden der UPA» («Ukrainische Aufstandsarmee») verlieh und damit ein Trauma jenes Nachbarlandes aufriss, das in jüngster Zeit mehr ukrainische Arbeitsmigranten und Flüchtlinge aufgenommen hat als jedes andere. Eben diese UPA hatte in Wolhynien 1943/44 an der polnischen Bevölkerung, darunter viele Juden, ein Massaker, eine ethnische Säuberung verübt.

Am Ukrainischen Tag der Unabhängigkeit, der sich diesen 24. August zum 35. Mal jährte, war die verbreitete Stimmung bis in die Schlagzeilen hinein, dass es nichts zu feiern gebe. Nie in der Geschichte des Landes sei man so vollständig abhängig gewesen.

Regula Heusser-Markun