HILFE 11. Jun 2021

Emotionale Unterstützung in der Krise

Rivka Nissel (rechts) arbeitet mit einer Klientin an der Jewish Board’s Seymour Askin Clinic in New York.

Da die psychische Gesundheit von Kindern unter der Pandemie abnimmt, verstärken jüdische Experten ihre Hilfe.

Als New York im vergangenen Frühjahr von einer brutalen Covid-19-Welle erfasst wurde, die täglich bis zu 800 Todesopfer forderte, war der Stress für viele orthodoxe jüdische Schulkinder überwältigend. Sie steckten sich in hoher Zahl mit dem Coronavirus an und ihre Eltern oder Grosseltern erkrankten häufig – viele starben später oder entwickelten langwierige Symptome.

Jetzt, ein Jahr später, ist das Trauma noch nicht abgeklungen. «Das war für die Kinder sehr schwer zu verkraften», sagt der Psychologe Norman Blumenthal, Leiter des Trauma-, Trauer- und Krisenreaktionsteams bei Ohel Children’s Home and Family Services. «Wir haben ihnen gesagt, dass wir verstehen, wie sie sich fühlen. Manchmal, wenn sie wirklich von Schuldgefühlen geplagt sind, versuchen wir ihnen etwas zu geben, was sie tun können, um ihre Eltern oder Grosseltern zu ehren. Manchmal lassen wir sie auch einen religiösen Ritus durchführen, um die Verstorbenen zu ehren.»

Children’s Home and Family Services ist ein gemeinnütziger Partner der UJA-Federation of New York und eine von vier jüdischen Organisationen, die an einem Programm namens «Partners in Caring» teilnehmen. Dieses Programm will Schülern und ihren Familien in jüdischen Tagesschulen und Jeschiwot in New York City, Westchester County und Long Island psychologische Betreuung bieten.

Die UJA-Federation war bereits vor dem Ausbruch von Covid-19 eingerichtet worden. Sie hatte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 «Partners in Caring» ins Leben gerufen, um unerfüllte Bedürfnisse im Bereich der psychischen Gesundheit zu unterstützen, und so war es einfacher, auch schnell zu reagieren, als die Pandemie ausbrach.

Trauer und Verlust
Im März 2020, als die Schulen im Bundesstaat New York den Präsenzunterricht aussetzten, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, begann die UJA-Federation, sich wöchentlich mit den Fachleuten für psychische Gesundheit in den Schulen zu treffen, um zu verstehen, was in der Gemeinde vor sich ging, welche Bedürfnisse es gab und wie man sie angehen konnte.

«Wir hörten von Trauer und Verlust», sagte Meredith Zylberberg, die das Portfolio der UJA für psychische Gesundheit betreut. «Von März bis Juni 2020 erzählten uns diese Agenturen, wie überwältigend es war, auf virtuelles Lernen auf ihrem aktuellen Niveau der Finanzierung umzustellen. Das war ein zentraler Faktor für unsere Entscheidung, diesen Agenturen mehr Mittel zur Verfügung zu stellen.» Insgesamt schickte die UJA-Federation zusätzliche 750 000 Dollar an vier Einrichtungen, die sich mit der psychischen Gesundheit von Kindern befassen: Ohel, Jewish Board of Family and Children’s Services, Westchester Jewish Community Services und Jewish Childcare Association.

Psychische Gesundheitsprobleme haben während der Pandemie stark zugenommen, besonders bei jungen Menschen.

«Wir sehen eine dramatische Zunahme von Selbstmorden bei Kindern und Jugendlichen», sagte Blumenthal. «Selbstmord ist die dritthäufigste Todesursache bei Teenagern, nach Unfällen und Krebs.»

Die Leiterin der Ohel-Kinderbetreuung, Tzivia Reiter, half bei der Erstellung eines «Covid Resilience Workbook», das den Lehrern hilft, die Sorgen der Kinder zu verstehen, diese Gefühle durch Kunst oder Schreiben auszudrücken und Bewältigungskompetenzen zu entwickeln.

Umgang mit dem Tod
«Durch die verschiedenen Aktivitäten entwickeln die Kinder Fähigkeiten zur Selbstregulierung, ein wichtiges Werkzeug, das ihnen hilft, mit Widrigkeiten umzugehen», so Reiter.

Eine der häufigsten Herausforderungen für die psychische Gesundheit waren Kinder, die mit dem Tod eines Elternteils oder Grosselternteils durch Covid-19 zu tun hatten. Anna Kalinkina, eine Sozialarbeiterin und Programmkoordinatorin für «Partners in Caring» bei der Jewish Child Care Association, sagte, sie habe mit einem Hochschulschüler gearbeitet, dessen Eltern beide wegen des Virus an Beatmungsgeräten hingen.

«Ich habe mit dem Jungen gezoomt und mit ihm telefoniert, um ihn emotional zu unterstützen», sagte sie. Die Mutter erholte sich, aber der Vater starb. Der Verein hat die Familie finanziell unterstützt.

Der virtuelle Schulbesuch stellte die Familien vor eigene Herausforderungen, darunter verstärkte Rivalitäten zwischen Geschwistern, Spannungen in der Familie und Stress durch den Verlust der Arbeitsplätze der Eltern. Viele Familien kämpften mit finanziellen Problemen, unzureichender Ernährung und zu wenig Computern in der Familie.

«Die Pandemie verursachte einen alarmierenden Anstieg der Raten von Depressionen, Trauer und Selbstmordgedanken bei Jugendlichen und Erwachsenen», sagte Brenda Haas, eine Sozialarbeiterin der Westchester Jewish Community Services. Ein Silberstreif am Horizont der Pandemie, so Haas, ist, dass es jetzt weniger Stigmatisierungen zu geben scheint, wenn es darum geht, Hilfe für psychische Gesundheit zu suchen.

«Die Menschen bemerken und teilen mehr über ihre psychischen Herausforderungen», sagte sie und bemerkte, dass der Mai der Monat des Bewusstseins für psychische Gesundheit ist.

Heilungsprozess nach Winterschlaf
Schüler sind nicht die einzigen, die psychische Unterstützung brauchen. Auch Pädagogen und Administratoren bitten um solche, sagt Rivka Nissel, Teamleiterin im Seymour Askin Counseling Center des Jewish Board in Brooklyn.

«Die Arbeit mit Erwachsenen in den Schulen ist durch Covid-19 noch notwendiger geworden», so Nissel. «Wenn das Lehrpersonal gestresst, überfordert oder traumatisiert ist, ist es für sie schwierig, dies einzudämmen und ihren Schülern emotionales Wohlbefinden vorzuleben. Die Erwachsenen im System haben im letzten Jahr mehr Unterstützung angefordert als noch vor zwei Jahren.»

Das Jewish Board hat 15 Psychotherapeuten, die mehr als 200 Stunden Dienst für etwa 2000 Schüler im Alter von fünf bis 18 Jahren in 13 Brooklyner Jeschiwot leisten. Weitere 175 Schüler sind in den vier Satellitenkliniken des Boards in Psychotherapie.

Da neun der 13 ultraorthodoxen Jeschiwot im Netzwerk des Jewish Board Zoom nicht für Fernunterricht nutzten, wurde der Unterricht per Telefon abgehalten, und die psychologischen Fachkräfte «mussten flexibel und kreativ sein», um Beratung per Telefon anzubieten, so Nissel.

Jetzt, wo Erwachsene und Teenager geimpft werden, werden Fachleute für psychische Gesundheit weiterhin im Einsatz sein und den Menschen beim Übergang zur neuen Normalität helfen. «Wir werden einen Heilungsprozess durchlaufen, wenn wir aus dem Winterschlaf kommen», sagte Haas.

Stewart Ain