Die Anklage gegen zwei Mohalim in Belgien löst international Empörung aus – auch jüdische Organisationen kritisieren die Entscheidung.
Die belgische Staatsanwaltschaft klagt zwei Mohalim, jüdische Ritualbeschneider, wegen Körperverletzung gegen Minderjährige und unerlaubter Ausübung von Medizin an (tachles berichtete). Die European Jewish Association (EJA) kritisiert diesen Entscheid scharf. In einem offenen Brief, der von Vertretern zahlreicher europäischer jüdischer Gemeinden unterzeichnet wurde, äussert sich die EJA schockiert: «Wir sind entsetzt darüber, dass die Staatsanwaltschaft Antwerpen beabsichtigt, zwei jüdische Ritualbeschneider, sogenannte Mohalim, vor das Strafgericht zu stellen, wodurch die Beschneidung faktisch unter Strafe gestellt wird», heisst es im Brief. In vielen anderen Ländern, wie Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, sei eine Lösung gefunden worden.
Undurchsichtige Beweggründe
Die EJA hält fest, dass die Zirkumzision medizinisch als sicher gilt und sogar gesundheitliche Vorteile hat, weshalb das Vorgehen der belgischen Behörden nicht zu beanstanden ist: «Jahrzehntelange medizinische Forschung hat gezeigt, dass die Beschneidung für männliche Säuglinge nicht schädlich ist. Tatsächlich hat sie medizinische Vorteile – weshalb sich so viele Menschen unabhängig von religiösen Gründen dafür entscheiden, ihre Kinder beschneiden zu lassen. Die Beschneidung auf diese Weise anzugreifen – und zwar nur, wenn es um jüdische Säuglinge geht – ist ein Angriff auf das jüdische Leben in Europa.»
Die EJA spricht von antisemitischer Behandlung seitens der belgischen Behörden: «Wir sind daher der Ansicht, dass diese Strafverfolgung – angesichts der völligen Weigerung der belgischen Behörden, eine Einigung anzustreben – antisemitischen Charakter hat und an die Massnahmen erinnert, die in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg gegen das jüdische Leben ergriffen wurden. Dass dieselbe Staatsanwaltschaft allzu oft eindeutige Fälle von Antisemitismus zu den Akten gelegt hat, nun aber beschliesst, gegen das jüdische Leben selbst vorzugehen, bekräftigt diese Überzeugung.»
Internationale Kritik
Dieser Vorfall sorgte auch für einen diplomatischen Eklat. In einem Tweet auf X hat der US-Botschafter zu Belgien, Bill White, dieses Vorgehen verurteilt: «Dies ist ein Schandfleck für Belgien. Die Strafverfolgung dieser religiösen Persönlichkeiten (Mohalim), von denen einer US-Amerikaner ist, ist falsch und wird nicht toleriert werden. Belgien wird nun weltweit als antisemitisch gelten. Solange diese Angelegenheit nicht geklärt ist, führt kein Weg daran vorbei.» Daran schloss auch der israelische Aussenminister Gideon Saar auf X an: «Mit diesem Gesetz reiht sich Belgien – ebenso wie Irland – in eine kurze und beschämende Liste von Ländern ein, die das Strafrecht nutzen, um Juden wegen der Ausübung ihres Glaubens strafrechtlich zu verfolgen.» Der belgische Aussenminister Maxime Prévot wies diese Vorwürfe entschieden zurück: Die belgische Justiz habe vollständige Unabhängigkeit. Es sei für einen Botschafter unangemessen, ein Land öffentlich zu kritisieren und dessen Ruf zu verderben, nur weil man mit dem Vorgehen der Justiz nicht einverstanden sei. Auch eine Verletzung der Religionsfreiheit lehnt er ab: «Die Religionsfreiheit wurde in unserem Land nie infrage gestellt und wird es auch nie werden. Unsere Verfassung schützt sie, und es steht einem Botschafter nicht zu, der Regierung ihre Agenda vorzuschreiben.»