genf 20. Mär 2026

Die erneute Inszenierung antisemitischer Klischees

In seinem Buch analysiert Georges Bensoussan die Ursprünge des israelisch-arabischen Konflikts und die Rolle antisemitischer Ideen in dessen Wahrnehmung.

Der französische Historiker Georges Bensoussan erklärt Mythen, die sich um den israelisch-arabischen Konflikt ranken – ein Gespräch in Genf.

Der 74-jährige, in Marokko geborene französische Historiker Georges Bensoussan ist spezialisiert auf die Geschichte der Schoah, des Antisemitismus und des Zionismus. Er hat unzählige Bücher zu diesen Themen publiziert, die zu Referenzwerken geworden sind, darunter «Histoire de la Shoah» (1996).

Dieses Jahr erschien die deutsche Version seines Buches «Die Ursprünge des arabisch-israelischen Konflikts (1870–1950)», welches 2023 auf französisch in der Editionsreihe «Que sais-je?» des Universitätsverlags Presses Universitaires de France publiziert wurde. Darin zerpflückt Bensoussan die «Mythen» rund um die Palästinenserfrage und beklagt die Unwissenheit über Tatsachen zugunsten des Irrglaubens und der Emotionalisierung. Seit dem 7. Oktober 2023 prangert er nun auch die «antizionistische Hysterie» an. Anfang März war er als Gastredner bei der Communauté juive libérale de Genève eingeladen und sprach dort mit tachles.

tachles: Welches sind die grossen, von Ihnen beklagten Mythen, die eine objektivere Wahrnehmung des israelisch-arabischen Konflikts verhindern?
Georges Bensoussan: Der erste ist jener, wonach es sich um einen territorialen Konflikt handelt und man, wenn man die Fragen der Territorien regeln könnte, zu einer befriedeten Situation zwischen den zwei Völkern gelangen würde. Dieser Ansatz ist zwar nicht zu verurteilen, aber er beruht auf einem Irrtum. Der Konflikt ist anderer Natur, und das ist der Grund, weshalb er schon 140 Jahre andauert.

Der böswilligste Mythos ist indessen jener des Genozids, mittlerweile ein omnipräsenter Begriff. Zu behaupten, dass die Israeli in Gaza einen Genozid verüben, ist eine totale Absurdität. Man sollte sich schon mal daran erinnern, dass Gaza 1967 400 000 Einwohner zählte, heute aber 2,3 Millionen. Und dass es dort allein 2025 nahezu 60 000 Geburten gab. Wichtig ist aber zu verstehen, weshalb die Feinde Israels es so geniessen, diesen Staat des Genozids zu beschuldigen.

Sich für Palästina einzusetzen, ist für viele zu einer Leidenschaft geworden. Diese Hysterie bedeutet aber keineswegs die Verteidigung der palästinensischen Sache, sondern die erneute Inszenierung alter antisemitischer Klischees, einerseits von christlicher, anderseits von muslimischer Seite. Der Genozidvorwurf, ist die moderne Aktualisierung der Beschuldigung des Gottesmordes. Gestern wurden die Juden des Mordes am Sohn Gottes beschuldigt, heute dafür, den Tod eines anderen Volkes zu wollen. Eine Methode natürlich auch, um sich der Schuld für den Nazi-Genozid zu entziehen.

Das ist nichts Neues. Rund um den Unabhängigkeitskrieg von 1948 benutzte die arabische Seite nicht dieses Wort, sondern sprach von einem systematischen Massaker an allen Arabern. Erst die europäischen Rechtsextremisten, allen voran die französischen, begannen damit, von einem «Genozid» an den Arabern zu sprechen.

Wie konnte das Wort «Zionismus», die nationale Bewegung für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina, zu einem toxischen Begriff werden?
Das Wort wird schon seit Langem dämonisiert, nämlich seit es existiert. Also seit dem ersten Zionistenkongress in Basel 1897. Nur kurz danach erschienen «Die Protokolle der Weisen von Zion», ein frei erfundenes Buch, das sich als Plan der Juden für die Eroberung der Welt darstellt. Worum geht es? Es seien, sagen die Fälscher, die Protokolle des Basler Zionistenkongresses. Und sofort wurde der Zionismus der öffentlichen Anprangerung ausgeliefert. In den 1920er Jahren war die extreme Rechte Frankreichs heftig antizionistisch. Und was immer vergessen geht: Die Nazis waren nicht nur antisemitisch, sondern auch antizionistisch. Das belegen gewisse Passagen in «Mein Kampf».

Ab 1938 sprach Hitler häufig von Palästina und sagte, dass es zu seinen Lebzeiten dort nie einen jüdischen Staat geben würde und dass er sich dafür einsetzen würde, das jüdische Zuhause in Palästina wegzuputzen.

Ebenfalls vergisst man gerne, dass der Stalinismus und der Kommunismus stark antizionistisch waren. Stalin hat wohl 1947 den Teilungsplan der Vereinten Nationen unterstützt, aber das war eine Klammer in der Geschichte, die sich mit geopolitischen Abwägungen erklärt. Ab 1950 war der Kommunismus, speziell der stalinistischen Ausprägung, rigoros antizionistisch. In der Sowjetliteratur wird die israelische Armee mit der Wehrmacht verglichen. Die Verteufelung des Zionismus zieht sich durch alle totalitären Systeme – durch den Nazismus, den Kommunismus und heute den Islamismus.

Nach 1945 konnte man nicht mehr wie früher antisemitisch sein, denn es gab ja Auschwitz. Aber die antijüdische Leidenschaft war nicht verschwunden. Wie konnte man sie also anders aussehen lassen? Der Antizionismus ist eine Form des Antijudaismus, aber ohne Rassismus. Die extreme Rechte warf sich in die Bresche, indem sie versicherte, dass sie nicht antijüdisch sei – was sogar möglich ist. Es gibt im Okzident ein sehr schwerwiegendes christliches Erbe gegenüber den Juden, basierend auf Misstrauen und Abscheu. Das verschwand nicht wie durch ein Wunder. Und sicherlich muss auch die starke muslimische Immigration nach Europa mit einberechnet werden. Der Islam ist heute in Frankreich und vielen anderen europäischen Ländern die zweitgrösste Religion. Das verändert die Gesamtlage völlig. Diese Leute lassen bei der Überquerung des Mittelmeeres ihre Vorurteile nicht in Afrika.

Ihre Analyse lässt den Krieg in Gaza, die massive Zerstörung der Infrastruktur und die grosse Zahl ziviler Opfer ausser Acht. Sind das nicht die Gründe für die Feindlichkeit und Kritik an Israel?
Natürlich kann man sich auf die aktuelle israelische Politik, den Gaza-Krieg, die Besatzung berufen. Aber Antizionismus ist nicht an die Aktualität gebunden, er manifestiert sich ohne Berücksichtigung der amtierenden Regierung, ob nun eine linke oder eine rechte.

Tatsächlich erscheint heute das kleine, angegriffene Land Israel mit den besetzten Territorien und der Kolonisierung als der Aggressor, der Kolonialist. Der Protest dagegen ist nicht wegzureden. Aber erklärt das die heutige grosse antizionistische Kehrtwende? Nein. Am 7. Oktober zum Beispiel wurde Israel angegriffen. Da gab es einen Konsens zugunsten des Landes. Aber sehr schnell, schon am 8. oder 9. Oktober, wurde Israel zum Aggressor und des Genozids verdächtigt, obwohl die israelischen Truppen noch gar nicht in Gaza einmarschiert waren. Die Beschuldigung ging den Tatsachen voraus. Das Verbrechen Israels besteht darin, zu existieren.

Die arabische Ablehnung gegenüber einer jüdischen Heimstätte und später eines Staates gab es durchgehend, sowohl politisch wie vor Ort. Der russische Delegierte Jitzchak Epstein hielt am Basler Zionistenkongress von 1905 eine Rede, in der er über die Negierung dieser Ablehnung durch seine Glaubensbrüder sprach. Ist diese Negierung mitverantwortlich für die, so wie der Titel des zweiten Kapitels ihres Buches es nennt, «angekündigte Tragödie» über die Ursprünge des Konflikts?
Seine Argumentation war richtig und gut begründet, aber auch sehr schnell umstritten. Die Zionisten berücksichtigten die arabische Bevölkerung nicht genügend. Nur: Hätte das etwas geändert? Es gab immerhin Versuche dazu. Epstein gehörte 1925 zu den Gründern von Brit Shalom, des «Vereins für den Frieden», der sich für eine Zweistaatenlösung starkmachte. Er musste acht Jahre lang warten, bevor sich eine arabische Stimme dem anschloss.

Man muss auch bedenken, dass die jüdische Kernbevölkerung in Palästina, welche 1881 ungefähr 25 000 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 470 000 Bewohnern umfasste, sephardisch war. Also Juden, die im täglichen Leben Arabisch sprachen und Verbindungen zu den Arabern hatten. Sie setzten sich um 1910 herum dafür ein, eine zionistische Zeitung in Arabisch herauszubringen, die sich an ihre Leser in ihrer eigenen Sprache gewandt hätte. Man hörte ihnen aber nicht zu, und die Aschkenasim schauten missbilligend auf sie.

Zwischen 1931 und 1936 versuchten die zionistischen Führer, einen Dialog mit den arabischen Chefs aufzunehmen. Ben Gurion wollte sich mit ihnen treffen, aber die Mehrheit von ihnen weigerte sich. Und jene, die darauf eingingen, gaben ihm zu verstehen, dass sie trotz der Vorteile des Zionismus für Palästina und dessen Aufwertung des Landes keine souveränen Juden dort haben wollten und ihnen keine Rechte zusprechen würden.

Sie sehen als Grund der arabischen Ablehnung auch den Status der Juden und Christen als «Dhimmis», wonach sie nach islamischem Recht in muslimischen Ländern einen tieferen juristischen Status haben. 1855 wurde diese zwar aufgehoben – aber welchen Einfluss hat diese Geschichte noch heute?
Dieser Konflikt ist, wie gesagt, nicht strikt ein territorialer, er hat eine kulturelle Dimension. Auch Arafat bezog sich häufig auf den Koran. Der kulturelle Aspekt ist mit der Position der Juden (und der Christen) in der arabisch-muslimischen Welt verbunden; sie haben immer weniger Rechte, sind schlicht Dhimmis. Israel wird als eine Revolte gegen diese historische Ordnung gesehen. Da ist man weit weg von Problemen der Grenzziehung. Dieser abgeschaffte, unausgesprochene Kern ist in den Köpfen noch immer stark verankert.

Was halten Sie von den amerikanischen Plänen für Gaza?
Wenn die Bewohner Gazas nicht in die Pläne miteinbezogen werden, wenn die Hamas ihre Macht und ihre Waffen behält, wird das niemals funktionieren. Aus meiner Sicht muss auch Jordanien, wo Palästina historisch lag, in eine Lösung des Konflikts miteinbezogen werden und könnte zu einer jordanisch-palästinensischen Föderation werden.

Ohne eine Lösung, sagen Sie, wird Israel verschwinden …
Wenn man Netanyahu und seine Entourage weitermachen lässt, wird das zum Ende des Staates Israel binnen 50 Jahren führen. Denn dann wird es keine Trennung der beiden Bevölkerungen geben, und das arabische demografische Wachstum ist weitaus stärker. Auch wird eine grosse Zahl von Juden das Land letztlich verlassen. Schon heute zählt man 200 000 Israeli, die seit 2022 gegangen sind. Das ist enorm.

Francine Brunschwig