FRANKFURT am main 24. Jun 2022

Aufarbeitung oder Rolle rückwärts?

Blick auf die Sparkasse in der Innenstadt von Frankfurt am Main.

Ein Konflikt um die Festschrift überschattet den 200. Geburtstag der Sparkasse Frankfurt – dem Historiker wird gekündigt, nachdem er die Rolle der Bank in der NS-Zeit anprangerte.

Am Erscheinungstag dieser tachles-Ausgabe begeht die Frankfurter Sparkasse ihren 200. Geburtstag mit einem Festakt im Palmengarten der Main-Metropole. «Das Motto für das 200-jährige Jubiläum ‹Miteinander. Füreinander.› passt ebenso gut zur Geschichte wie zur Gegenwart des regionalen Kreditinstituts», heisst es in einer Grussbotschaft des Vorstands an die Kundinnen und Kunden, die auf der Sparkassen-Website zu lesen ist.

Der Anlauf zu den Feierlichkeiten war dagegen monatelang und nicht unwesentlich von einem Gegeneinander geprägt. Ursache des Konflikts: die Rolle der Bank in der Zeit des Nationalsozialismus und das Kapitel dazu in der Festschrift, die man eigens beim Institut für Bank- und Finanzgeschichte (IBF) bestellt hatte. Beauftragt wurde damit – und mit der weiteren Geschichte des Unternehmens von der Gründung 1822 bis 1970 – Ralf Roth, als Professor für Neuere Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt tätig, der einst beim Aufbau des Deutsche-Bahn-Archivs zur Zwangsarbeiterfrage recherchierte.

Sparkasse und der Holocaust
«Ich rate Unternehmen seit 30 Jahren: Es gibt diese zwölf Jahre, und es ist das beste, damit offen umzugehen. Damit bin ich immer offene Türen eingerannt. Das ist jetzt anders», blickt Roth auf das vergangene Jahr zurück. Im Juni 2021 vertiefte sich der Spezialist für Frankfurter Stadtgeschichte in die Rolle der Sparkasse während der Zeit des Nationalsozialismus (NS). Im Juli war er fertig mit dem Kapitel, nahm Kontakt auf mit dem Vorstandsvorsitzenden, um ihn auf seinen Befund aufmerksam zu machen, die Sparkasse habe sich aktiv am Holocaust beteiligt. Roths Fazit: «Eine stärkere Verwicklung, als man gemeinhin annimmt. Es gibt Unternehmen, die liefen mit, und andere, die warfen sich der Macht an den Hals und wurden Mittäter.»

Zu welcher Kategorie der Professor die Sparkasse rechnet, ist deutlich. Im Gespräch mit tachles erwähnt er «eine Spende an den Gauleiter in Höhe eines Viertels des Jahresgewinns». Vor allem aber stiess Roth auf die grossflächige Enteignung jüdischer Sparerinnen und Sparer im Zuge von deren Auswanderung und Deportation in Vernichtungslager. «Durchschnittlich befanden sich auf einem Konto Anfang der 1930er-Jahre 400 Reichsmark», rechnet er vor. Es gab etwa 12 000 Konten aus 5000 bis 6000 jüdischen Haushalten. Das ergibt knapp fünf Millionen Reichsmark.»

Konkret bezieht sich Roth auf die Sperrung der Konten jüdischer Auswanderer ab 1938, deren Einlagen abgesehen von einem Freibetrag von 150 Reichsmark konfisziert wurden. Auch mit der Reichsfluchtsteuer, gegen Ende der Weimarer Zeit zur Vermeidung von Steuerflucht eingeführt, nahm man ausreisenden jüdischen Bürgern grosse Teile ihres Vermögens ab. Schliesslich wurde das Eigentum der Deportationsopfer beschlagnahmt. Roth betont, diese Praxis sei von allen Banken und Geldinstituten betrieben worden. Der Sparkasse, die den Zahlungsverkehr überwachte, wirft er freilich vor, sie habe dies bislang verschleiert und ihre Geschichte nicht aufgearbeitet.

Deportation und Ermordung
Inzwischen ist Roth dazu übergegangen, sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden durch Teile der insgesamt 37 000 Akten zu arbeiten, welche die Devisenstelle Frankfurt betreffende Enteignungen dokumentieren. Er hat anhand dieser Aufzeichnungen die Etappen wirtschaftlicher Verfolgung als Vorstufe von Deportation und Ermordung rekonstruiert – bis zum Vermerk, die betreffende Person sei nach Osten evakuiert worden.

«Man kann die Repression in all ihren Facetten aus diesen Dokumenten entnehmen», fasst der Professor zusammen. Sein Plan: ein Modell für mit dem Buchstaben A beginnende Nachnamen zu erstellen, um einen ersten – geschätzten, wie er betont – Richtwert über den Umfang der pro Bank geraubten Summen zu bekommen. Dass weiterhin eine tiefgehende wissenschaftliche Studie nötig sei, empfahl Roth auch Ingo Wiedemeier, dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse. Die Antwort war ablehnend: Roths Anregungen gingen «deutlich über den ursprünglichen Auftrag hinaus».

Seine derzeitigen Forschungen betreibt er nun freilich nicht mehr im Rahmen der Festschrift. Im März dieses Jahres nämlich wurde dem Professor der Auftrag entzogen, nach monatelangem Streit mit Sparkasse und IBF. Letzteres hatte ihm zunächst nahegelegt, eine neue Version mit einer Reihe von Änderungen zu erstellen. «Essenzielle Teile waren darin komplett gestrichen. Man las zum Beispiel nichts über die Verordnung, jüdische Konten zu sperren», so Roth zu tachles.

Spielraum der Banken
Auf einen Teil der Vorgaben ging er ein, auf andere nicht. Der Konflikt schwoll an. Das IBF gab ein Gutachten bei drei externen Historiker-Kollegen in Auftrag, die Roths Manuskript heftig kritisierten. Einer von ihnen, der auf Unternehmensgeschichte spezialisierte Dieter Lindenlaub, nennt es in der «Frankfurter Rundschau» «vorurteilsbehaftet und fehlerhaft», etwa, weil Auswanderersperrkonten nicht nur das Geld jüdischer, sondern auch «arischer Auswanderer» enthalten hätten. Roth hätte zudem die Handlungsspielräume der Sparkasse untersuchen müssen, bevor er sie beschuldige.

Auf Letzteres weist auch Dieter Ziegler hin, der Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und ebenso am Gutachten beteiligt. Er ist selbst Autor einer Studie über die 150-jährige Geschichte der Commerzbank sowie des Bandes «Die Dresdner Bank und die deutschen Juden», der sich im Rahmen einer Serie zur NS-Geschichte des Unternehmens auf den Holocaust spezialisiert.

«Die Banken hatten keinen Handlungsspielraum», so Ziegler im Gespräch mit tachles. «Sie handelten auf Anweisung und verdienten nichts an Sperrkonten. Das einzige, was sie interessierte, war Rechtssicherheit, um nicht regresspflichtig zu werden.» Anders sehe es dagegen mit der Arisierungsvermittlung aus, an der die Sparkasse mittels Hypotheken und Personalkrediten «wahrscheinlich viel verdient» habe und dies ihr durchaus vorzuwerfen sei. Die aber habe Roth nicht erwähnt.

Dass er dessen Manuskript für «nicht veröffentlichungsfähig» hält, begründet er aber in erster Linie mit technischen und fachlichen Mängeln. «Von bankspezifischen Dingen hat Roth keine Ahnung. Um die Geschichte der Sparkasse zu schreiben, braucht man betriebswirtschaftliche oder bankspezifische Kenntnisse. Man muss Bilanzen lesen können, was ein normaler Historiker aber nicht kann.» Sein Fokus auf die Konfiszierungen sei von Halbwissen geprägt, etwa terminologisch, wenn er ein ‹beschränkt verfügbares Sicherheitskonto› schlicht ‹Sicherheitskonto› nenne. Auf Anfrage der IBF übernimmt Ziegler nun das Kapitel zur NS-Zeit. Bis Ende August muss es fertig sein. Die Sparkasse hofft, die Festschrift Ende des Jahres zu veröffentlichen.

Dass dieses Projekt nun ohne seinen Frankfurter Kollegen stattfinde, habe allein mit dessen inhaltlichen Unzulänglichkeiten zu tun, und nicht mit Ambitionen der Sparkasse, ihre Vergangenheit zu verschleiern, betont Ziegler. «Früher gab es eine Generation von Managern, die ihre Vorgänger und Förderer aus der Anfangszeit ihrer Karriere schützen wollten. Aber das ist lange vorbei.» Dass, wie Roth es einschätzt, die Sparkasse noch immer befürchtet, mit Resitutionsforderungen belangt zu werden, kommentiert er bestimmt: «Unsinn, das Thema ist durch.»

Affirmative Geschichtsschreibung
Ganz anders sieht Roth die Lage. Nicht nur die Beschädigung seines Rufs kümmert ihn, sondern die Entwicklung in seinem Fach, die kritische Aufarbeitung von Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus, die sich erst in den letzten gut 20 Jahren etablieren konnte. «Man wollte eine Erneuerung der Diskussion. Ein anderer Ansatz als die affirmative Unternehmensgeschichte war das Ziel.» Stellvertretend nennt er die Studien zu Degussa, VW, «Die deutsche Bank und die Arisierung» von Harold James oder eine Veröffentlichung des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts von 2004, «Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen».

Andererseits gebe es noch immer Fallstudien wie die der Landesbank Bayern (2005) oder Landesbank Nord (2018), die Roth als «Rolle rückwärts» bezeichnet und in denen Vermögensenteignungen mit keinem Wort erwähnt wurden. Insofern lässt sich die Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung der eigenen Geschichte als permanent umkämpftes Gebiet verstehen, auf dem das in den letzen Jahrzehnten Erreichte immer wieder neu verteidigt werden muss. Das jüngste Vorgehen des IBF mache deutlich, dass eine «affirmative Geschichtsschreibung» weiter möglich sei.

Für die Frage, in welche Richtung sich diese entwickelt, ist der aktuelle Fall womöglich richtungsweisend. Ende Mai nämlich machte die Sparkasse Frankfurt bekannt, man werde das Fritz-Bauer-Institut mit einer Untersuchung der eigenen NS-Geschichte beauftragen. Die Dauer ist auf drei Jahre angelegt, erklärt Bernd Jenne, der Ressortleiter Vorstandsstab/Kommunikation/Recht, auf Anfrage: «Die Prämisse ist klar: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Wir haben uns bewusst zu diesem Schritt entschieden.»

Neue Studie
Sybille Steinbacher, die Leiterin des Fritz-Bauer-Instituts, sieht dazu durchaus Handlungsbedarf. «Es ist wichtig und richtig, diesen Teil der Geschichte intensiver zu beleuchten, als das bisher geschehen ist. Wir als Fritz-Bauer-Institut werden diese verantwortungsvolle Aufgabe und wissenschaftliche Arbeit gerne angehen und zunächst im Rahmen einer Vorstudie die Quellenlage erschliessen.»

Der Konflikt um die umstrittene Festschrift ist damit aber keinesfalls gelöst. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, nennt die Begründung für die Zurückweisung von Roths Manuskript «sehr fragwürdig». Die jüdische Gemeinde erklärt: «Wir hoffen, dass die Sparkasse Frankfurt sich ihrer Verantwortung bei der Erstellung dieser Jubiläumsausgabe bewusst ist. Dies bedeutet auch die klare und ehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Rolle in der NS-Zeit und möglichen Kontinuitäten ab 1945. Zu einem Jubiläum gehört nun einmal die Vergegenwärtigung der gesamten Unternehmensgeschichte, selbst wenn diese in Teilen schmerzlich ist. Nur so kann eine Festschrift mehr als eine Festbeilage sein und künftig als lehrreiche Dokumentation dienen.»

Tobias Müller