Jüdische Literatur, antisemitische Dogwhistles und selbstgemachte Latkes: ein Jahresrückblick der Fachgruppe Jüdische Studien.
Auch dieses Jahr war bei der Fachgruppe (FG) Jüdische Studien zwischen Seminarraum und Garten einiges los, akademisch wie kulinarisch. Inhaltlich ging es in mehreren Seminaren um Räume, in denen jüdische Literatur entsteht. Im Seminar «Formen des geistigen Widerstands» von Alfred Bodenheimer stand jüdische Literatur im «Dritten Reich» im Zentrum, also Texte, die unter Entrechtung und gesellschaftlicher Ausschliessung entstanden und eigene Denk- und Sinnhorizonte eröffneten. Das Seminar «Der deutsch-jüdische Diskurs nach dem 7. Oktober» von Caspar Battegay drehte sich weniger um die literarischen Texte selbst als um die gesellschaftliche Debatte und die teils heftigen Reaktionen im deutsch-jüdischen Diskurs, die der 7. Oktober 2023 als historische Bruchlinie jüdischer Identität in Israel und der Diaspora ausgelöst hat. In beiden Seminaren wurde viel und kontrovers diskutiert, mit einer Vielzahl an Perspektiven, die zeigten, wie unterschiedlich sich jüdisches Schreiben unter unterschiedlichsten Bedingungen artikulieren kann, damals wie heute.
Symbole der Zugehörigkeit und Ausgrenzung
Um Fragen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung ging es auch in zwei weiteren Seminaren, einerseits im Sport, andererseits im Kontext von Antisemitismus. Im Seminar «De Stern ufem Herz, in Züri dihei» thematisierte Erik Petry jüdischen Sport als Inklusions- und Exklusionsphänomen, ausgehend vom Motto des FC Hakoah Zürich. Zur Sprache kamen dabei die Funktion explizit jüdischer Sportvereine, aber auch jüdische Fussballfans gros-ser Clubs, die mit Kippot im eigenen Vereinslogo ihre Verbindung zum Verein zeigen, wie sie für den FC Basel und den FC Zürich auch im Jüdischen Museum der Schweiz zu sehen sind. Wie Symbole auch anders genutzt werden können, zeigte das Seminar von Stefanie Mahrer zur Geschichte des Antisemitismus als kulturellem Code. Am Ende stellten alle Studierenden eigene Beispiele antisemitischer Symbolik vor, unter anderem antisemitische «Dogwhistles» (implizite Botschaften für eine bestimmte Zielgruppe) wie anhand von Apfelsaft das «Juice»-Emoji, Tabakdosen mit pejorativen Darstellungen sowie offenen Fragen zur Deutung einer christlichen Ikonographie, in der Maria mit Stern auf dem Gewand und Stacheldraht im Hintergrund und Jesus mit Thora zu sehen ist, die immer noch im Seminarraum hängt.
Über den Seminarbetrieb hinaus äusserte sich die FG dieses Jahr ausserdem kritisch zu einer von der Studentischen Körperschaft der Universität Basel finanziell unterstützten Veranstaltung unter dem Titel «Scholarship in Genocide» und stellte die Frage, weshalb Veranstaltungen mit Themen unterstützt werden, von denen sich die Universität selbst nach ursprünglich geplanter Teilnahme einzelner Institute zurückzieht. Neben dem Studieren kam auch das Gesellige nicht zu kurz. Die alljährliche Chanukkaparty mit selbstgemachten Latkes gehört inzwischen zu den festen Traditionen der FG und durfte auch dieses Jahr nicht fehlen.
Allen eine Freude
In Serienproduktion stellte die FG genügend für alle her. Im Frühlingssemester nahm sich die FG dann vor, den wunderschönen Hintergarten des ZJS endlich richtig zu nutzen. Neben vielen grossen Ideen darüber, was darin künftig alles entstehen könnte, erntete die FG zunächst einmal kübelweise Bärlauch. Nachdem mittels ausserfakultären Wissens sorgfältig überprüft worden war, ob es sich tatsächlich um Bärlauch und nicht etwa um Maiglöckchen oder Herbstzeitlose handelte (schliesslich wollte niemand versehentlich das gesamte ZJS vergiften), wurden diesmal nicht Latkes, sondern Bärlauchpesto serienmässig produziert. Nebenbei entstanden bei der Gartenarbeit neue Freundschaften mit den Nachbarskatzen, deren Namensgebung der FG bis zur Sommerparty zum Semesterabschluss noch Diskussionsstoff lieferte.
Nicht nur die FG feierte dieses Jahr – auch am ZJS standen zwei Geburtstage an. Zuerst beging das ZJS im Herbst 2025 Alfred Bodenheimers 60. Geburtstag, mit Reden und einer Pantomime-Einlage, in der er am Ende selbst mitwirkte. Dazu produzierte Erik Petry einen Podcast zu Bodenheimers Ehren und sprach darin mit Kollegen und Kolleginnen, Wegbegleitern und Wegbegleiterinnen und Freundinnen und Freunden von Alfred Bodenheimer. Im neuen Jahr folgte dann Erik Petrys 65. Geburtstag, zu dessen Anlass eine (in diesem Heft vorgestellte) Festschrift erschien.
Zwischen Seminar und Garten, zwischen vielen Diskussionen und Latkes, bleiben von diesem Jahr auch die Frage, wie die Nachbarskatzen wohl am Ende heissen werden, sowie ein aufblasbarer Sevivon vom Chanukkafest neben der Ikonographie im Seminarraum sowie vorbereiteter Bärlauch fürs nächste Essen.
Lea Levi ist Studierende am ZJS.