charity 06. Mär 2026

Schub in Richtung Freiheit und Kapitalismus?

Semira, eine Asylbewerberin, die mit ihren Kindern in Israel lebt, umarmt eine Mitarbeiterin von HIAS während einer Hilfsgüterverteilung in Tel Aviv.

Die massive Reduktion von USAID-Entwicklungshilfe war der Beginn einer historischen Umstrukturierung – die sich bei Hilfsorganisationen auch in den letzten Tagen im Iran-Krieg nun auswirkt.

Die drastischen Kürzungen und Streichungen im Katalog US-amerikanischer Entwicklungshilfe durch die Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung (USAID) haben weitreichende Folgen für die humanitäre Lage in der Welt. Etliche Initiativen sind von der 2025 beschlossenen und ins Werk gesetzten Rotstift-Politik betroffen. Die Neuausrichtung der amerikanischen Politik unter der Trump-Administration zeigt seit 2025 wirtschaftliche, politische, technologische und militärische Power. Präsident Donald Trump möchte nicht, dass die USA weiter als eine Art 24/7-Selbstbedienungsladen für die Welt gesehen werden. Gewählt haben ihn Bürger, die die Rolle Amerikas als Weltpolizist überdrüssig finden und es leid waren, moralisierenden Europäern und anderen aus der Bredouille zu helfen. Die Amerikaner halfen den Deutschen nach 1945, aufzublühen.

Aber auf Amerika habe sich der Westen, und nicht nur der, viel zu lange verlassen, um an einer Vergangenheit festzuhalten, die nicht wiederkommen wird. Vor einem Jahr, kurz nach seiner Rückkehr ins Weisse Haus, hatte Präsident Trump per Erlass die Auslandshilfe durch die USAID seines Landes eingefroren, über Dreiviertel aller Entwicklungsprogramme wurden gestrichen. Die politische Agenda, die diese drastische Kürzung der gewährten Mittel für internationale USAID-Projekte vorsah, führte zu massiven Finanzierungslücken. Plötzlich fehlende Gelder in Milliardenhöhe stürzen den humanitären Sektor in eine tiefe und teils existentielle Krise. Konsequenzen hat das vor allem für die Bereiche globale Gesundheit, Bildung und politische Stabilität sowie für die übrigen Geberländer, die sich in der Pflicht sehen, deren Möglichkeiten aber zugleich nicht unendlich sind. Humanitäre Organisationen, denen die finanzielle Austrocknung droht, sind gezwungen, alternative Geldquellen zu suchen, und werben vermehrt um Spenden.

Geopolitische Verschiebungen
Durch den Stopp eines Grossteils der US-amerikanischen Auslandshilfe gerieten renommierte Organisationen wie die Welthungerhilfe und Ärzte ohne Grenzen sowie ähnliche NGOs stark unter Druck. Der US-Sparkurs gefährdet die Ernährung und Versorgung von über 100 Millionen Menschen in über 100 Ländern, weil direkte Nahrungsmittelhilfen und Massnahmen zur Existenzsicherung für Beschäftigte in der Landwirtschaft betroffen sind, was wiederum Folgen hat für die auf dem Markt verfügbare Menge von Agrarprodukten. Die Streichung von Mitteln für globale Gesundheitsprogramme erschwert die Bekämpfung und Prävention von Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Malaria und AIDS. Beides führt zu einer erhöhten Sterblichkeit, insbesondere von Kindern. Durch den Wegfall der Finanzierung vieler Bildungsprojekte könnten Millionen von Kindern zudem den Zugang zu Bildung verlieren. Durch diese Einschnitte steigt insgesamt die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten und die Verschärfung von Konflikten und politischen Unruhen, für bewaffnete Aufstände und Massenmigrationsbewegungen. Geopolitische Verschiebungen verstärken sich auch dadurch, dass neue Akteure in das durch einen Rückzug der USA entstehende Vakuum vorstossen.

Wer das sein wird und welche Interessen künftige Machthaber verfolgen werden, ist oft eine riskante Wette. Daran erinnert hochaktuell die dramatische Lage im Iran und seinen Anrainerstaaten. Die Wahrscheinlichkeit für unkalkulierbare Verschiebungen durch Entzug von Fördermitteln steigt auch, weil die übrigbleibenden Geberländer – etwa die Europäische Union – die entstandenen enormen Finanzlücken nicht vollständig auffangen können. Sie können es nicht, weil die Fehlbeträge zu hoch sind, und sie können es nicht, ohne womöglich ungewünschten – wirtschaftlichen, strukturellen, politischen, sozialen – Entwicklungen im eigenen Land Vorschub zu leisten. Da auch die europäischen Regierungen sparen, stand schon 2025 deutlich weniger Geld zur Verfügung. Die Aussichten für 2026 schätzen Experten trotz neuer Verschuldungsrekorde noch einmal düsterer ein. Die Ukraine ist eines der von den Kürzungen besonders betroffenen Länder. Millionen von Binnenvertriebenen verschafften die Hilfsorganisationen Nahrung, Schutzräume, medizinische Versorgung und auch psychosoziale Unterstützung. All das setzt die internationale Zusammenarbeit und das globale Gefüge massiv unter Druck. Die Herausforderungen lassen sich durch den dicksten Rotstift nicht übermalen.

Ende der Geldschwemme
Die Befürworter der US-Kürzungen in- und ausserhalb der US-Regierung führen andere Argumente ins Feld. Die ins Werk gesetzten Einsparungen bringen eine Entlastung mit sich, dank der die USA Gelder in Milliardenhöhe verstärkt in inländische Projekte fliessen lassen können, wo sie ebenfalls dringend benötigt werden, und in solche, die die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen Amerikas generell mehr in den Fokus rücken. Das Vorgehen wird, und das ist in dieser Deutlichkeit neu, explizit auch aus Sicht der Empfängerländer begründet. Durch Kürzung der externen Zuwendungen würden diese Länder gezwungen, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, nachhaltigere Strukturen aufzubauen sowie entsprechende Handlungsmuster zu entwickeln und dadurch insgesamt unabhängiger werden. Es habe sich gezeigt, dass Hilfe von aussen zu oft letztlich ineffizient sei, eigene lokale Märkte ersticke und Entwicklungschancen beschneide, dass Hilfsgelder in Krisenregionen zu oft in dunklen Kanälen versickern, korrupte Akteure stützen oder autoritäre Regime am Ruder halten, statt bei wirklich Hilfsbedürftigen anzukommen. Effizienzsteigerung und stärkere Kontrolle bei der Vergabe von Mitteln, die Kopplung an strengere politische, rechtliche und auch ethische Bedingungen könnten und würden, so die Hoffnung der Befürworter, den Reformdruck in den Empfängerländern erhöhen, um eine radikale und zielgerichtete Neuaufstellung des Unterstützungssystems zu ermöglichen, deren Impulse idealerweise auf die Gesellschaft ausstrahlen. Insbesondere afrikanische Länder sowie die Länder des Mittleren und Nahen Ostens rund um Israel könnten sich mit ihren enormen Ressourcen und Rohstoffen zu bedeutenden wirtschaftlichen Akteuren weiterentwickeln und internationale und Privat-Investoren anlocken.

Verlust an Vertrauen
Von den US-Kürzungen getroffen wurden auch viele jüdische Initiativen wie die Early Starters International, einst von jüdischen Pädagogen gegründet. Betroffen sind zudem Flüchtlingshilfen und Hilfsprojekte, die sich für die Verständigung im Nahen und Mittleren Osten engagieren. Programme wie Kids for Peace, die den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern fördern sollen, sind in ihrer Arbeit eingeschränkt. HIAS, eine amerikanische Flüchtlingsorganisation, einst gegründet, um vor Pogromen geflüchteten russischen jüdischen Immigranten zu helfen, verlor durch die USAID-Kürzung einen Grossteil ihrer Gelder. OLAM, ein Netzwerk von jüdischen Organisationen und Freiwilligen, das Projekte etwa in Afrika unterstützt, ist ebenfalls von der Rotstift-Politik betroffen. Desgleichen mehrere Programme für Austausch in Kultur und Wissenschaft, darunter die Middle East Regional Cooperation, aufgelegt, um Forscher aus Israel, Ägypten und den USA zusammenzubringen und längst auch auf Jordanien und Marokko, Libanon und Gaza und andere Gebiete der Region ausgeweitet. Dass Organisationen teils Stellen abbauen und Standorte schliessen mussten, führte zu einem gravierenden Verlust an Vertrauen in die Verlässlichkeit der Hilfsorganisationen insgesamt. Und es könnte der Beginn einer kulturellen Gegenbewegung sein. Die moralische Integrität der internationalen Gemeinschaft steht vor grossen Herausforderungen. Private Geber können nicht die Rolle von Regierungen übernehmen. Philanthropie kann aber dazu beitragen, dass die Arbeit weitergeht.

Katja Behling