bildung 04. Sep 2026

Deklination der Ursprünge

Die Tatsache, dass jüdische Bildung das Streiten ernst nimmt, hat zu ihrem Überleben beigetragen.

Die jüdische Bildung hat sich über Jahrtausende hinweg immer wieder gewandelt, ohne ihren Kern zu verlieren.

Was bewegt eine Tradition über zwei Jahrtausende durch Vertreibung, Modernisierung und Vernichtung, ohne sich aufzulösen? Und was bewegt sie zugleich dazu, sich beständig neu zu konfigurieren? Diese Doppelfrage steht im Zentrum eines bildungsgeschichtlichen Vorhabens, das jüdische Bildung in der langen Linie zu denken versucht, von der talmudischen Akademie über die Lehrhäuser der Weimarer Zeit, durch die Schweizer Bildungsinfrastruktur der Schoah-Jahre, bis in die digitalen Lernräume der Gegenwart nach dem 7. Oktober 2023. Das Vorhaben ist keine Enzyklopädie und keine Apologetik. Es ist der Versuch, ein weit verzweigtes Feld unter einem präzise gefassten Begriff lesbar zu machen: «Deklination der Ursprünge».

Die Bedeutung der Denkfigur
Die Denkfigur der Deklination ist im grammatischen Sinn der «Beugung» gemeint: derselbe Stamm, in einen anderen Bezug gerückt, bleibt sich treu und wird zugleich zu etwas Neuem. Auf die jüdische Bildungsgeschichte übertragen heisst das: Eine Lehre, die weitergegeben wird, bleibt, und sie wird zugleich, durch jeden Akt der Weitergabe, in neue Bezüge gestellt.

Drei Beispiele machen das anschaulich: Maimonides bewahrt im 12. Jahrhundert die rabbinische Halacha, indem er sie aristotelisch systematisiert; das Halachische bleibt, der philosophische Boden wandert. Sechshundert Jahre später übersetzt Moses Mendelssohn die Thora in ein deutsches Idiom, das die Texte aus dem hermetischen Hebräischen herausführt und sie zugleich an die jüdische Tradition gebunden lässt; die Heilige Schrift bleibt, ihre sprachliche Verkörperung wandert. Im 20. Jahrhundert öffnen Franz Rosenzweig und Martin Buber im Frankfurter Freien Jüdischen Lehrhaus einen «bet hamidrasch» für eine bürgerlich-emanzipierte, oft entwurzelte Hörerschaft; die Lehrform bleibt, ihr Adressatenkreis wandert. In allen drei Fällen ist die Bewegung weder Bewahrung noch Bruch, sondern Deklination. Drei Fragen ordnen die Bewegung, die das ganze Vorhaben durchzieht: Was wird dekliniert? Wer entscheidet, welche Deklination gilt? Wem öffnet sich der Lehrraum, in dem dekliniert werden darf?

Disputation und Resilienz
Hinter diesem Werkzeug liegt eine inhaltliche These. Sie lautet, knapp: Disputation und Resilienz gehören zusammen. Das Judentum hat über Jahrhunderte Lernformen ausgebildet: «machloket» (den produktiven Streit um die Auslegung), «pilpul» (die scharfe dialektische Unterscheidung), «chawruta» (das gemeinsame Lernen zu zweit), die den Widerspruch nicht stilllegen, sondern produktiv halten. Sie waren nie nur akademische Übung. Sie waren jene Praxis, die jüdische Institutionen unter Druck biegsam und tragfähig zugleich gemacht hat. Eine Tradition, die das Streiten zur Lehrform erhebt, geht nicht zugrunde, wenn die Welt um sie zerbricht. Sie verlagert sich, verändert ihre Träger, ihre Sprache, ihre Orte und wird weitergegeben. Dass dies über zwei Jahrtausende möglich war, ist die eigentliche bildungsgeschichtliche Pointe.

Die Schweizer Jahre
Einen besonderen Platz im Vorhaben nehmen die Schweizer Jahre 1937 bis 1947 ein. Die Konzentration auf die Schweiz ist kein Zufall. Sie ist auf dem europäischen Kontinent jener Jahre einer der wenigen Orte, an dem jüdische Bildungspraxis unter äusserstem Druck nicht nur fortbestand, sondern in einer Quellenlage greifbar wird, die archivalisch dicht genug ist, um analytisch belastbar zu sein. Die Bestände des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, des Verbandes Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen, der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich und des kurzlebigen Basler jüdischen Lehrerseminars erzählen eine Geschichte, die jenseits der Schweizer Grenzen erstaunlich wenig bekannt ist: wie eine kleine Gemeinschaft unter Bedingungen, die ihr nicht entgegenkamen, eine Bildungslandschaft errichtet hat und gerade darin charakteristisch für die jüdische Antwort auf Krise wird. Auch hier wird ein Ursprung dekliniert: Die Organisation für Rehabilitation durch Training (ORT), eine 1880 in St. Petersburg gegründete jüdische Bildungsorganisation, die handwerkliche und landwirtschaftliche Berufsausbildung für Juden ermöglichen wollte, übersetzt 1944 in ihrem Beatenberger Kurszentrum eine Maxime des Maimonides in einen Stundenplan. Der Gelehrte des 12. Jahrhunderts hatte gefordert, der geistige Führer solle sein Brot mit der eigenen Hand verdienen, nicht mit dem Wort. Was bei ihm Norm religiöser Lebensführung war, wird im Schweizer Exil zur curricularen Architektur eines Umschulungskurses für jüdische Flüchtlinge.

Die Familie und die Schoah
Ein Strang zieht sich durch das Ganze: die Familie als pädagogische Grundzelle. Sie trägt die Tradition dort, wo Institutionen versagen oder vernichtet werden. Das Zerreissen von Familien in der Schoah ist deshalb nicht nur ein menschliches Trauma. Es ist im engsten Sinn auch ein bildungsgeschichtliches: der Tiefpunkt jeder Kurve, die das Vorhaben nachzeichnet. An dieser Stelle wird auch die Frage aufgenommen, die Adorno 1966 universal formuliert hat: «Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung», und auf die jüdische Bildung eine eigene Antwort gegeben hat: keine Theologie, keine Wiederherstellung, sondern eine Verschiebung der Begründung. Form bleibt, Grund wandert. Das ist, im Kern, die Geschichte einer Resilienz.

Bis in die Gegenwart
Diese Bewegung setzt sich bis in die Gegenwart fort. In der amerikanischen Diaspora denkt Mordechai Kaplan das Judentum als sich wandelnde Zivilisation. Nechama Leibowitz und Jonathan Sacks binden die Tradition neu an den Text, indem sie das gemeinsame Lesen zur zentralen Lehrform machen. Und Plattformen wie Sefaria und Birthright übertragen die alte Logik des paarweisen Lernens, die «chawruta», in die digitale und globale Gegenwart. Sefaria, eine 2011 in New York gegründete digitale Bibliothek der klassischen jüdischen Quellen, ist dabei zugleich die jüngste Deklination des klassischen Talmud-Layouts. Was im Vilnaer Druck des 19. Jahrhunderts Mischna, Gemara und die mittelalterlichen Kommentare von Raschi und den Tossafisten kreisförmig um den Talmudtext versammelt hat, wird im Webbrowser zu einem Netz aus Verlinkungen, in dem jeder Lernende sein eigenes Lernblatt zusammenstellen kann. Die Form der Streitkultur bleibt; ihre Trägermedien wandern. Unter dem Druck nach dem 7. Oktober 2023 wird sich diese ganze Architektur erst zu bewähren haben. Jüdische Bildung in der Demokratie ist nicht weniger anspruchsvoll geworden als jene unter den Bedingungen der Verfolgung. Sie ist nur anders anspruchsvoll.

Was die Studie will und was nicht
Was die Studie nicht sein will, sei abschliessend ebenso deutlich gesagt wie das, was sie sein möchte. Sie will keine erschöpfende Enzyklopädie jüdischer Bildung sein; dafür sind die regionalen, sprachlichen und konfessionellen Verzweigungen zu zahlreich. Sie will keine religiöse Selbstvergewisserung und keine Apologetik bestimmter Strömungen jüdischer Bildung sein. Die Studie will umgekehrt auch keine säkularisierte Aussenbeschreibung sein, die die theologischen und halachischen Fundamente ihrer Gegenstände übergeht. Was die Studie anstrebt, ist die Beschreibung einer Tradition, die das Streiten so ernst genommen hat, dass sie überlebt hat. Eine solche Bildungsgeschichte ist immer auch eine Bewährungsprobe ihrer eigenen These: dass jede Generation empfängt, was sie nicht erfunden hat, und weitergibt, was sie nicht zu Ende führen wird. Wer in dieser Logik unterrichtet, lernt oder schreibt, sät Zukunft, ohne sie ernten zu müssen. Genau das hat jüdische Bildung über zwei Jahrtausende getan.

Zsolt Balkanyi-Guery hat Religionswissenschaften sowie Geschichte studiert und ist im Bildungsbereich tätig. Zivilgesellschaftlich engagiert er sich in der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. Mit seinem Habilitationsprojekt ist er assoziierter Forscher am Zentrum für Jüdische Studien.

Zsolt Balkanyi-Guery