Gegen Antisemitismus zu sein und zu wirken und gleichzeitig wissenschaftliche Prinzipien zu gewährleisten, positioniert die Antisemitismusforschung in einem komplexen Spannungsfeld.
Vom 1. bis 3. Dezember 2025 fand in Wien die interdisziplinäre Konferenz «Zwischen Politisierung und Prävention. Herausforderungen für die Antisemitismusforschung» statt. Organisatoren waren das Zentrum für Jüdische Studien (ZJS), die Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Die Tagung beschäftigte sich sowohl mit Antisemitismus in den DACH-Ländern seit dem 7. Oktober als auch mit wissenschaftlichen Begriffsdebatten und einem empfundenen politischen Druck auf die Forschung. Vom ZJS waren an der Konferenz Alfred Bodenheimer, Erik Petry sowie Kathrin Knapp beteiligt.
Die politische Situation, das gesellschaftliche Klima und die Lage an den Universitäten prägten die Debatten. Erwartbar führten besonders die Podiumsdiskussionen zu Definitionen von Antisemitismus (IHRA vs. «Jerusalem Declaration») zu Kontroversen. Diese haben ihre wissenschaftliche Berechtigung, dennoch erschien die Bekämpfung des akuten Antisemitismus dringlicher. Dies zeigt einen Kern der Antisemitismusforschung: ihr sind in besonderem Masse sowohl gesellschaftliche Verantwortung als auch ein Veränderungswille inhärent. Gegen (jede Form von) Antisemitismus zu sein und zu wirken und gleichzeitig wissenschaftliche Prinzipien zu gewährleisten, positioniert die Antisemitismusforschung in einem komplexen Spannungsfeld.
Unterschiede in der Erinnerungskultur
Aus Schweizer Perspektive wurde deutlich, dass Antisemitismusdebatten sich im DACH-Raum grundlegend unterscheiden. Erstens herrscht in die Schweiz eine andere Diskussionskultur vor. Zweitens hat die Schweiz ein anderes Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg und zur Schoah. Zwar setzte auch hier in den 1990er Jahren eine historische Aufarbeitung ein – etwa im Zusammenhang mit den sogenannten nachrichtenlosen Vermögen oder der Bergier-Kommission. Zu dieser tragen Publikationen des ZJS grundlegend bei, etwa Arbeiten von Barbara Häne und Catrina Langenegger. In Deutschland und Österreich ist die Situation sensibler. Zwar begann die Aufarbeitung früher, zugleich sind Formen gesellschaftlicher Abwehr und Gegenreaktion bis heute von einer anderen Vehemenz und Wirkmacht geprägt. Diese reichen von der Schuldabwehr am rechten Rand über ein Selbstverständnis moralischer Erinnerungsüberlegenheit in Teilen der politischen Mitte bis hin zur Schuldabwehr von extrem links, welche sich in Täter-Opfer-Umkehr und Dämonisierung des Staates Israel manifestiert. Zusammengenommen trägt diese Dynamik insbesondere in Deutschland zu einer ausgeprägten politischen Polarisierung der Themen Antisemitismus und Nahostkonflikt bei.
Vor dem Hintergrund historisch nachvollziehbarer Ängste vor Rechtspopulismus und -extremismus entstehen dabei auch innerhalb der Wissenschaft teils berechtigte, teils übersteigerte und bisweilen fetischisierte Vorstellungen eines drohenden Autoritarismus. Daraus resultiert mitunter eine bemerkenswerte Verschiebung: Aus Sorge vor autoritären Tendenzen werden die Prinzipien der wehrhaften Demokratie sowie staatliche Massnahmen gegen antisemitischen Extremismus von manchen zum eigentlichen Problem erklärt. Antisemitismus gerät so aus dem Fokus der Antisemitismusforschung, anstatt als gesamtgesellschaftliche Herausforderung untersucht zu werden.
Zwischen Objektivität und Subjektivität
Die Antisemitismusforschung scheint so sowohl von innen als auch von aussen, auf individueller wie struktureller Ebene politisiert. Provokativ liesse sich fragen, worin sie sich noch von jenen Akteuren, insbesondere Vertretern postkolonialer Theorien, unterscheidet, die – so die häufige Kritik – Wissenschaft und Aktivismus synonym verstehen und damit zentrale wissenschaftliche Prinzipien unterlaufen: grösstmögliche Objektivität, Offenheit gegenüber empirischer Widerlegung oder Ablehnung vorgefertigter und manichäischer Erklärungen. Wie der Postkolonialismus arbeitet auch die Antisemitismusforschung interdisziplinär: Sie bewegt sich zwischen Literaturwissenschaft, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Kriminologie und so weiter und richtet ihr Interesse auf gesellschaftliche wie politische Phänomene. Hervorzuheben ist jedoch der Dialog zwischen Theorie und Empirie innerhalb der Antisemitismusforschung. Zwar muss auch die Aussagekraft quantitativer Studien stets kritisch reflektiert werden; gerade in der Verbindung empirischer Befunde mit qualitativen Analysen sowie theoretischer Einordnung liegt jedoch eine zentrale Stärke der Antisemitismusforschung. Hinzu kommt die Perspektive, Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen in unterschiedlichen Milieus, Erscheinungsformen und ideologischen Ausprägungen zu analysieren. Diese Herangehensweise wirkt vereinfachenden, aktivistischen Deutungsmustern entgegen, die die Welt von vornherein in Gut und Böse aufteilen. Gleichwohl bleibt Gegenstand der Forschung ein Phänomen, das normativ negativ bewertet wird. Dieses Spannungsverhältnis kann wissenschaftlich produktiv werden, sofern es reflektiert und methodisch kontrolliert wird. Dass Antisemitismus oder Rassismus abgelehnt werden, muss die Ergebnisoffenheit von Forschung nicht beeinträchtigen; vielmehr kann diese Haltung Ausdruck eines humanistischen, aufgeklärten Wissenschaftsverständnisses sein.
Laura Alt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin bei der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus in Zürich. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZJS sowie für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund im Antisemitismus-Monitoring tätig.