wahlen 16. Okt 2020

Friedländer oder Lewin?

Die beiden Präsidentschaftskandidaten Ralph Friedländer (r.) und Ralph Lewin.

Am Sonntag wählen die Delegierten den neuen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds – und tachles blickt vorab auf die Chancen der Kandidaten.

Am Sonntag ist es so weit, die Delegierten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) wählen einen neuen Präsidenten. Zum ersten Mal in der Geschichte des Verbands gibt es eine richtige Wahl. Die beiden Kandidaten zeigen sich in der Wahlwoche zuversichtlich. Der Basler Kandidat Ralph Lewin von der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) meint gegenüber tachles zwar, dass «das Rennen noch offen ist». Die Gespräche, die er mit verschiedenen Gemeindepräsidenten, Delegierten und einzelnen Personen geführt habe, hätten jedoch in «guter Atmosphäre» stattgefunden. Im Gegensatz zu seinem Berner Kontrahenten Ralph Friedländer von der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) hat Lewin keine Wahlkampagne veranstaltet. «Ich habe mit fast allen Gemeindepräsidenten gesprochen und dabei auch angeboten, die Gemeinde zu besuchen», so Lewin auf Anfrage von tachles. Genutzt haben das Angebot die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und die Communauté Israélite de Genève (CIG), die Communauté Israélite de Lausanne et du Canton de Vaud (CILV) sowie die jüdische Gemeinde in St. Gallen, bei allen war Lewin zudem persönlich zu Besuch. Den Kleingemeinden, auf deren Unterstützung noch vor einigen Wochen Friedländer setzte (vgl. tachles 39/20), habe er telefonisch Rede und Antwort gestanden. Dazu, ob er bereits konkrete Zusagen erhalten habe, wollte sich Lewin nicht äussern.

Wahlkampagne und Kaffeesatzlesen
Etwas anders die Kampagne von Ralph Friedländer: Für seine Kandidatur als SIG-Präsident liess er eine eigene Website erstellen mit Informationen zur Kandidatur, zum beruflichen Werdegang und anderen Aspekten. Auch mit allen Gemeindepräsidenten, die er aus seinem Amt im Centralcomité des SIG gut kenne, habe er persönlichen Kontakt gehabt, sagt Friedländer auf Anfrage. Im Gespräch mit tachles schätzt Friedländer seine Chancen als gut ein. Stimmzusagen für seine Kandidatur habe er bereits von verschiedener Seite erhalten. Der Ausgang dürfte dennoch knapp ausfallen. Wechsel von Präsidentschaften, wie beispielsweise in Genf, könnten möglicherweise Auswirkungen auf seinen Vorsprung haben, da dort bereits Zusagen gemacht worden seien. Friedländer meint, wenn die Wahl bereits wie einst geplant früher stattgefunden hätte, wäre das Resultat klarer ausgefallen als das womöglich jetzt der Fall sein wird. Die Corona-bedingte Verschiebung der Delegiertenversammlung (DV) könnte Friedländer auch deshalb schaden, da im Kanton Genf an diesem Wochenende noch Ferien sind und manche Genfer Delegierte den langen Weg nach Bern auch aus gesundheitlichen Bedenken nicht antreten könnten.

Wer konkret für ihn stimmen werde, wollte Friedländer nicht sagen. Er möchte im SIG integrierend wirken und keine Gemeinde vor den Kopf stossen. Seine Aussage vor drei Wochen, er fühle sich «gerade von kleineren und auch den französischsprachigen Gemeinden getragen» kommentiert Friedländer so: «Die anfängliche klare Zuordnung einzelner Gemeinden für den einen oder anderen der beiden Kandidaten hat sich hin zu einer mehr individuellen Präferenz der einzelnen Delegierten in fast allen Gemeinden verschoben. Dies ist nicht erstaunlich, gibt es doch zwei gute, integre Kandidaten mit Vor- und Nachteilen, die einzeln zu gewichten sind.» Auf die Frage, ob er denn von einzelnen Delegierten der grösseren Delegationen eine Zusage erhalten habe, bejahte Friedländer gegenüber tachles.

Gemäss Statuten finden die Wahlen offen statt. Doch gemäss Informationen von tachles soll es einen Antrag auf geheime Wahlen geben. Für Lewin, der sich solche geheime Wahlen als ehemaliger Politiker gewohnt ist, spiele es keine Rolle, ob nun im SIG geheim oder offen gewählt werde. Dies sei im Ermessen der Delegierten. Friedländer sieht gegenüber tachles den Vorteil bei einer geheimen Wahl, dass Delegierte frei entscheiden könnten gerade auch für den Falle, dass sie nicht gemäss Wahlempfehlung der eigenen Gemeinde stimmen sollten. Zudem wäre es beim aktuellen Sonderfall mit zwei Kandidaten für das Präsidium auch gut für den SIG-Zusammenhalt, wenn der zukünftige Präsident nicht wisse, wer alles gegen ihn stimmte. Der amtierende Präsident des Centralcomités Daniel Frank wird das Traktandum Wahlen präsidieren. Veranschlagt sind rund zwei Stunden u. a. für die Verabschiedung bisheriger Mitglieder der Geschäftsleitung sowie von Präsident Herbert Winter und die Wahlen für SIG-Gremien und am Schluss fürs Präsidium.

Gemeinden sind noch unschlüssig
IGB und führende Mitglieder der ICZ, die zwar Stimmfreigabe für ihre Delegierten angekündigt haben, stellen sich jedoch hinter Ralph Lewin – so etwa ICZ-Präsident Jacques Lande (vgl. tachles 36/20). Da die Delegation der JGB ihren jetzigen Präsidenten unterstützen wird, der zudem angedeutet hat, dass er auch auf die Unterstützung der Genfer Delegation zählt, werden die Kleingemeinden,die Romands sowie die orthodoxen Gemeinden bei der Wahl von Sonntag mehr als Zünglein an der Waage sein.

Die Entscheidung Friedländers, bei einer Wahlniederlage als Vizepräsident der Geschäftsleitung zu kandidieren und sich auch dann für den SIG zu engagieren, wurde von den Gemeinden gemischt aufgenommen. Bei der Israelitischen Kultusgemeinde Endingen führte der Entscheid Friedländers zu regen und strategischen Überlegungen. Gemeindepräsident Jules Bloch möchte zwar gegenüber tachles nicht sagen, für welchen Kandidaten seine Delegation stimmen werde. Doch sagt er: «Ich kenne beide Kandidaten, natürlich Ralph Friedländer etwas besser, da wir beide im CC sitzen. Kontakt hatte ich ebenfalls mit beiden. Wer letztendlich besser ist, lässt sich im voraus nicht sagen. Klar ist, wenn man beide Herren im SIG haben will, wird man für Lewin stimmen müssen. Die Frage, wer Vizepräsidentin oder -präsident bei einer Wahl von Friedländer werden sollte, muss sorgfältig überlegt werden.»

Unterschiedliche Überlegungen
Bei der Israelitischen Gemeinde Winterthur ist die Beurteilung anders. Dort wird das Engagement Friedländers in der GL geschätzt. Co-Präsident Jules Wohlmann meint zu seinen Präferenzen im Hinblick auf die Wahl: «Wir sind zufrieden mit dem SIG und es braucht aus meiner Sicht keine Kehrtwende. Der SIG ist zudem kein Problemfall und wir möchten auf die bewährten Kräfte setzen. Für einen Kandidaten zu stimmen, der sich dazu bereit erklärt, auch im Falle einer Nichtwahl langfristig für den SIG tätig zu bleiben, gefällt mir besser wie für einen Gegenkandidaten, der nur für das Amt des Präsidenten kandidiert.» Die Winterthurer Delegation würde zudem einheitlich wählen, meint Wohlmann weiter. Es habe keinen Sinn als Kleingemeinde mit nur drei Vertretern für verschiedene Kandidaten zu stimmen. Auch die Jüdische Gemeinde St. Gallen hat beide Kandidaten eingeladen und Gespräche geführt, wie Co-Präsidentin Batja Guggenheim gegenüber tachles bestätigt. Der Vorstand sowie die wichtigen Organe der Gemeinde hätten sich dann für einen Kandidaten entschieden, die Delegierten würden einheitlich für diesen Stimmen – um wen es sich dabei handle möchte man vor der Wahl nicht preisgeben.

Eine Prognose wollen weder Guggenheim noch Bloch oder Wohlmann wagen. Ebenso wenig wie viele andere von tachles befragte Persönlichkeiten aus dem Schweizer Judentum. «Basel und die ICZ unterstützen die eine Seite, die kleinen und orthodoxen Gemeinden sitzen eher zusammen im selben Boot auf der anderen. Bleibt offen, für wen die Westschweizer Gemeinden stimmen werden», meint Wohlmann abschliessend gegenüber tachles.

Bei der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ) entschied man sich für Stimmfreigabe. IRGZ-Präsident Bernhard Korolnik bestätigt gegenüber tachles, die Kandidaten seien intern besprochen worden, den Delegierten der IRGZ werde aber frei überlassen, für welchen der beiden sie stimmen möchten. Zum jetzigen Zeitpunkt kenne er die delegationsinterne Stimmverteilung auch nicht.

Jaschar Dugalic