JUDENTUM 2.0 16. Okt 2020

Was bleibt?

Vor unseren Augen zerfällt gerade der demokratische Staat Israel. Nun, es gibt viele Kritiker, die sagen, dass Israel nie eine Demokratie war und sie führen etliche Mängel und Fehler des Systems an. Und sie haben mit vielen Punkten recht. Doch wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Menschen, die in dieses Land eingewandert sind, keine Ahnung von Demokratie hatte, dann muss man sagen: Es lief doch mehr oder weniger gut in den ersten 70 Jahren. Doch nun droht das System auseinanderzufallen. Das Land droht eine Autokratie zu werden, denn die Aufrechterhaltung der Gewaltenteilung ist in Gefahr. Da ist ein Premier, der sich den Staat Untertan machen will, um irgendwie seinem Prozess zu entkommen. Aber es ist ja nicht Netanyahu allein, der die Demokratie gefährdet. Er hat die «Bibisten», die ihm willfährig sind. Er lässt die Charedim gewähren, die sich sowieso nie für den Staat interessierten, ausser, dass sie ihm Geld herauspressen. Der normale Israeli wird drangsaliert und gleichzeitig allein gelassen mit seinen Sorgen und Nöten während der Corona-Pandemie. Und die wöchentlichen Demonstrationen scheinen nichts bewirken zu können. Netanyahu sitzt fest im Sattel und sein Konkurrent Benny Gantz ist nichts als sein Hilfsknappe.

Nicht nur für Israel, sondern auch für moderne Juden weltweit ist diese Entwicklung eine Gefahr. Die Rede ist von jenen Juden, die im 21. Jahrhundert leben – und nicht in irgendeiner chassidischen oder sonstigen Vergangenheit, die nichts mehr mit dem Leben von heute zu tun hat. Juden, die in den vergangenen Jahrzehnten ihr Judentum über die Schoah oder den Zionismus definierten. Sie stellen die Mehrheit der jüdischen Welt dar. Ja, vielleicht gehen sie noch in eine Reformsynagoge, aber die meisten sind, wenn überhaupt, nur noch «Drei-Tage-Juden», weil der Glaube, die erstarrte Form des jüdischen Glaubens, ihnen nichts mehr gibt oder sagt. Diese Menschen sind liberal und demokratisch. Und werden sich immer weniger mit Israel identifizieren können. Was bleibt dann? Nur noch die Rückbesinnung auf die Schoah? Das ist zu wenig. Zurück zur Religion? Das werden viele nicht mehr schaffen. Aber wenn der Zionismus als Weg einer säkularen jüdischen Identität gescheitert sein sollte, dann muss man sich daran machen, neue Wege zu finden. Nur wie? Was bleibt dann? Das Aus für die Demokratie in Israel könnte das Aus für viele Juden in der Diaspora bedeuten. Eine zunehmende Assimilation, ein Sich-Auflösen. Es sei denn, der Antisemitismus in Europa treibt diese Menschen nach Israel. Dann gäbe es dort wieder eine Chance für den Liberalismus. Klingt zynisch? Ist es auch.

Richard C. Schneider ist Publizist, Redaktor und Filmemacher für die ARD, er war Studioleiter des Bayerischen Rundfunks in Tel Aviv und zuletzt in Rom.

Richard C. Schneider