Was bedeutet «klassisch» in klassischer Musik? Was für eine eigenartige Frage am Anfang einer biblischen Textauslegung. Die Antwort, die Peter Kraut, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Musik an der Hochschule der Künste Bern, in «Das Magazin» (12/26) gibt, zeigt jedoch, dass sich tagesaktuelle Texte als Input für Diwrei Thora perfekt eignen können, um dem Thora-Text neue Tiefenschärfe zu geben. Hier also Kraut:
«Wenn es zwei Dinge gibt, worauf man sich in der sogenannten klassischen Musik einigen kann, (…) dann sind dies die Arbeitsteilung zwischen Komponist:in und Musiker:in und die schriftliche Partitur. Wenn eine Malerin malt, ein Schriftsteller schreibt, dann arbeiten beide bereits am realen Kunstwerk. Anders beim Komponieren: Erst hat man eine Idee, (…)man schreibt ja eine Bedienungsanleitung. Wie tiefgreifend diese Kulturtechnik der Vor-Schrift wirkt, ist kaum zu überschätzen. Sie ermöglicht enorm viel und verhindert anderes. Man muss sie immer wieder befragen.»
Für die Thora kennt man dies seit Jahrtausenden: Hier der Thora-Text, das göttliche Wort schlechthin, Gott in der Rolle des Komponisten verstanden, und da die Vorleser, Erklärer, Leser und Hörer. Die reiche Auslegungstradition – von Midrasch über «parschanut», von wissenschaftlich motivierter Exegese bis Bibliodrama – zeigt, dass Thora ohne Interpretation durch die Empfänger gar nicht funktioniert. Die Komposition «Thora» steht jedoch nicht nur als nach Interpretation heischende Partitur da, sondern sie dient als Gebrauchsanweisung für ein gottgefälliges Leben, was die Sache nicht einfacher macht. Krauts Definition der Klassik trifft auf die Thora aber haargenau zu. Gott hat mit der Gabe der Thora etwas im Sinn, anders als vielleicht Komponisten wie Schubert, Bernstein oder Lennon. Alfred Brendel, Martha Argerich oder Oliver Schnyder haben aber alle die gleichen Noten von Schubert vor sich. Ein (gemeinsames) Kunstwerk wird der Text erst durch die Auslegung des Pianisten.
Tja, und jetzt kommt die Doppelparascha Tasria-Mezora: Hautkrankheiten noch und noch! Für Mensch, Gegenstände und gar Häuser, die nach priesterlicher Begutachtung rufen, und ja, zunächst folgt eine krass diskriminierende Unterscheidung zwischen den Geschlechtern. Grundthema ist die «kaschrut», die rituelle Fitness, die es einzuhalten gilt, sofern Näherung zu Gott gewünscht ist. Die Kohanim sind dafür verantwortlich, dass «tahor» («rein») und «tame» («unrein») strikt getrennt bleiben.
Gibt es Beispiele, wie die «tiefgreifende Kulturtechnik der Vor-Schrift» nun etwas ermöglicht oder verhindert, das aus Tasria-Mezora ohne eine mutige Interpretation nicht hätte erkannt werden können? Zwei Beispiele:
Bei jeder Beschäftigung mit der Thora entstehen unvermeidlich Bilder vor dem inneren Auge. Wie haben Abraham und Sarah ausgesehen? Was für Kleider liess Joseph bei Potiphars Gattin zurück? Wie war der pharaonische Hof ausgestattet? Wie hoch waren die Wasserwände rechts und links beim Durchzug der Israeliten durch das Meer? Sicher alles farbige Bilder – doch die Thora spricht kaum in Farben! Ausser bei der Beschreibung der verschiedenen «aussätzigen» Veränderungen in unserer Parascha: rötlich, grünlich und so weiter. Ist das nicht eigenartig?
Mit viel Fantasie zaubern die Weisen aus Talmud und Midrasch ein Wortspiel aus dem Hut, wenn sie aus dem dermatologischen Begriff «mezora» ein Verbot für Verleumdung und üble Nachrede herleiten. «mozi schem ra» tönt ähnlich, bedeutet aber etwas ganz anderes. Es ist die bewusste Verbreitung von Unwahrheiten, um den Ruf einer Person zu schädigen oder gar zu zerstören. Der «Aussatz des Mundes» ist eine der schwersten Sünden im jüdischen Verständnis. Ohne die leicht übermütige Annäherung des Interpreten an die Partitur ist diese Lesung in der Hautkrankheit nicht zu erkennen. – Die Komposition ist klassisch, durch die Auslegung wird die Thora zum Kunstwerk.
SIDRA tasria/Metzora
17. Apr 2026
Von Kunstwerken und Interpreten
Rabbiner Bea Wyler