Vergangenen Schabbat haben wir in der wöchentlichen Thoravorlesung das erste Buch Mose («Bereschit») zu Ende gelesen. Diesen Schabbat wird mit der Lektüre des zweiten Buches Mose («Schmot») begonnen. Dieser Übergang versinnbildlicht auch jenen von der Geschichte der Individuen zur Nationalgeschichte: von den Geschehnissen in den Familien Adams, Noahs, Abrahams, Jizchaks und Jakovs bis zur Geburt des jüdischen Volkes und seiner Entwicklungsgeschichte. Diese beiden Dimensionen widerspiegeln auch zwei verschiedene Qualitäten, durch welche sich Menschen auszeichnen. Es gibt Menschen, die sind zum Leaderdasein geboren. Sie haben die Gabe und das Charisma, politische, gesellschaftliche oder kulturelle Entwicklungen in der Nation nachhaltig zu bestimmen. Nicht wenige dieser Menschen schaffen es jedoch nicht, ihre nationale Führungsrolle in die individuellen Gefilde zu tragen. Oft sind sie mit den «grossen», nationalen Fragen zu sehr beschäftigt, so dass sie nicht genügend Zeit oder Energie aufzubringen vermögen, um sich mit Einzelschicksalen, selbst in ihrer Familie, auseinanderzusetzen. Freilich gibt es auch die Kehrseite: Menschen, die ihren Mitmenschen auf persönlicher Ebene liebevoll zur Seite stehen und jeder und jedem kostbare Aufmerksamkeit schenken. Diese Gattung wiederum wird sich nicht als Leader in der Gesellschaft auszeichnen. Sie besitzen nicht die Kraft, auf breiterer, nationaler Ebene Akzente zu setzen.
Man kann diese Unterscheidung auch auf die beiden Führungspersönlichkeiten der Israeliten, über die wir im morgigen Wochenabschnitt lesen werden, beziehen: Mosche war, trotz seines Stotterns und anfänglichen Sträubens, die ultimative Leaderfigur des jüdischen Volkes. Er dachte stets «im Grossen», führte seine Millionen Gefolgsleute durch die Herausforderungen in Ägypten und später in der Wüste und waltete als Vermittler der göttlichen Lehre. Aber seine Erhabenheit bedeutete auch, dass er auf anderen Ebenen einen hohen Preis zahlen musste. Es ist wohl kein Zufall, dass seine Frau Zippora und seine Kinder an der Offenbarung am Berge Sinai nicht dabei waren (2. B. M. Kap. 18). Auch hört man später nichts mehr von Gerschom und Elieser, Mosches Söhnen. Während ihr Vater sich mit göttlichen und nationalen Fragen befasste, scheinen sie im Dickicht der Aura ihres Vaters untergegangen zu sein, welcher wohl nicht genügend «quality time» für seine Kinder aufzubringen vermochte. Aharon gilt hierbei als Gegenbeispiel: Er war innerhalb des Volkes sehr beliebt. Gemäss den Weisen war er gar als ständiger Friedensstifter unter seinen Brüdern bekannt (Awot 1:12). Als Leader hat er jedoch kläglich versagt: Beim Desaster des Goldenen Kalbes verlor er komplett die Kontrolle und führte die verwirrten Israeliten ungewollt ins Unglück (2. B. M. Kap. 32). Zusammenfassend kann man Folgendes feststellen: Die Mikro-Menschen tun sich schwer mit dem Makro, und die Makro-Menschen tun sich schwer mit dem Mikro.
Gerade weil es so selten ist, Menschen anzutreffen, welche beide Qualitäten kompromisslos in sich vereinen, verwundert es nicht, dass der Talmud diese Gabe, gleichzeitig in beiden Dimension, dem «Grossen» sowie dem «Kleinen», zu walten, niemand anderem als Gott selbst zuschreibt: «Überall, wo du die Grösse des Heiligen, gelobt sei er, findest, findest du auch seine Milde». Dies ist in der Thora geschrieben, in den Propheten wiederholt und in den Hagiographen verdreifacht. In der Thora steht geschrieben: «Denn der Ewige, euer Gott, er ist der Gott über alle Mächte, der Herr über alle Herren, der grosse, starke und furchtbare Gott» (5. B. M. 10:17), und darauf folgt: «Er verschafft Recht dem Waisen und der Witwe und liebt den Fremden, ihm Brot und Gewand zu geben» (10:18). Wiederholt heisst es bei den Propheten: «So spricht der Hohe und Erhabene, Ewigthronender und Heiliger ist sein Name, in der Höhe und in Heiligkeit throne ich sowie bei den Bedrückten und Demütigen, aufzurichten den Geist der Niedrigen und das Herz der Bedrückten» (Jesaja 57:15). Zum dritten Mal steht in den Hagiographen: «Singet Gott, lobsinget seinem Namen, machet Bahn vor ihm, der über den Wolken einherfährt» (Psalmen 68:5), und darauf heisst es: «Er ist der Vater der Waisen und Anwalt der Witwen» (Psalmen 68:6).
Dieses besondere, göttliche Talent, gleichzeitig in beiden Dimensionen zu leben, widerhallt auch in einer anderen Talmudstelle, in welcher von der Sorge des Schöpfers für seine gesamte Schöpfung die Rede ist: «Er ernährt die ganze Welt, von den gehörnten Büffeln bis zu den Nissen der Läuse» (Avoda Sara 3b). Es gibt Menschen, die sind so mit den «Büffeln» beschäftigt, dass sie die «Läuse», geschweige denn deren Nissen, nicht einmal wahrzunehmen imstande sind. Dann wiederum gibt es Menschen, die sich der Läuse inklusive ihrer Eier mit Demut und Aufopferung annehmen, jedoch nicht den Mut, die Kraft oder die Motivation besitzen, um auch die grossen Herausforderungen in unserer Gesellschaft bei den «Hörnern» zu packen. Es gibt äusserst wenige Menschen, die die Gabe besitzen, sowohl Büffeln als auch Läusen die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben einen einzigen Menschen gekannt, der dieses besondere Talent besass, und auch von diesem Menschen musste ich letzten Monat Abschied nehmen. Möge es in unserer Gesellschaft vermehrt Menschen geben, die die Grösse besitzen, sich der Büffel anzunehmen, ohne es zu vernachlässigen, sich um die Eier der Läuse zu kümmern.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
09. Jan 2026
Von Büffeln und Läusen
Emanuel Cohn