Für viele Religionen ist der freie Wille des Menschen ein riesiges Problem. Denn das Allwissen Gottes scheint den freien Willen des Menschen auszuschliessen. Entweder Gott weiss alles, dann hat der Mensch keinen freien Willen. Oder der Mensch hat einen freien Willen, dann weiss aber Gott nicht alles.
Schon Rabbi Akiwa erklärt in den «Sprüchen der Väter», dass das Judentum der klaren Ansicht ist, dass sich das Allwissen Gottes und der freie Wille des Menschen nicht ausschliessen: «Alles ist [von Gott] vorausgesehen, aber die freie Wahl ist [dem Menschen] gegeben.» (Awot Kap. 3, Mischna 15)
Maimonides schliesst sich der Meinung von Rabbi Akiwa an, ist der Ansicht, dass die Frage des freien Willens des Menschen eine der wichtigsten Komponenten der jüdischen Weltanschauung ist, und behandelt diese Frage deshalb sehr sorgfältig und ausführlich in seinen grossen Werken: in seinem Mischna-Kommentar (Kap. 8 der Schmona Prakim), in seinem Gesetzes-Kodex, der Mischne Thora (Kap. 5 und 6 der Hilchot Tschuwa), und in seinem philosophischen Werk More Newuchim (Teil III, Kap. 17 und 20 f.). Die unterschiedlichen Antworten, die Rambam gibt, ergänzen sich zu einem vollständigen Bild.
Integraler Bestandteil seiner Diskussionen ist, dass er der Überzeugung ist, dass der Mensch völlig frei in seiner Wahl ist. Für Rambam ist auch klar, dass der Mensch «teschuwa» machen kann; das bedeutet, dass er die Möglichkeit hat zu erkennen, dass er sich falsch verhalten hat, und die freie Wahl hat, sich zu ändern und verbessern.
In unserer Parascha findet sich nun aber eine der berühmtesten Stellen in der Thora, welche diese klaren Ansichten von Maimonides direkt in Frage zu stellen scheint. Nachdem die sechste der zehn Plagen, «makat schechin» (Blattern), Ägypten getroffen hat, schreibt die Thora ausdrücklich: «Da verhärtete Gott das Herz Pharaos und er hörte nicht auf sie [Mosche und Aharon]» (2. M. B. 9, 12). Und in der nächstwöchigen Parascha wird es sehr ähnlich lauten: «Gott verhärtete das Herz Pharaos und er liess die Kinder Israel nicht aus seinem Land ziehen» (ibid. 11, 10). Wenn Gott das Herz Pharaos verhärtet, dann nimmt er ihm doch die freie Wahl! Und damit ist doch der Ansicht des Rambam klar widersprochen.
Der Rambam ist sich des scheinbaren Widerspruches bewusst und integriert deshalb die soeben zitierten, und einige ähnliche, Verse in seine Diskussion.
Zu Beginn seiner Erklärungen zum freien Willen, als Basis und Beweis seiner Ansichten, erwähnt der Rambam, dass die Gebote der Thora sowie die Belohnung und Bestrafung für deren Beachtung oder Nicht-Beachtung ohne den freien Willen des Menschen keinen Sinn hätten. Wenn der Mensch keinen freien Willen hat, dann macht es keinen Sinn, ihm etwas vorzuschreiben; noch ist es angebracht, ihn für seine Handlungen zu belohnen oder zu bestrafen. Die Bestrafung durch Gott ist in den Augen von Maimonides also ein direkter Beweis für die Willensfreiheit des Menschen. – Diese Überlegung wendet der Rambam nun an, um den problematischen Vers in unserer Parascha zu erklären.
Schon der Midrasch weist darauf hin, dass Gott das Herz Pharaos erst nach fünf Strafen verhärtet hat (Schmot Rabba 13, 3). Davor hatte Pharao das jüdische Volk aus völlig freiem Willen auf grausamste Art versklavt und hatte sich frei entschieden, das Volk nicht ziehen zu lassen, trotz der ersten fünf Strafen, trotz klarer Aufforderungen Gottes, sein Verhalten zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt nun, nach der fünften Strafe, sagt Maimonides, war das Fass voll. Nun ist Pharao zu weit gegangen und hat verdient, für sein Verhalten bestraft zu werden. Mit seinem eigenen Verhalten hat er eine Reaktion Gottes hervorgerufen.
Die Reaktion, die Bestrafung Gottes nun bestand darin, dass Gott sein Herz verhärtet hat, ihm die freie Wahl genommen und dazu geführt hat, dass Pharao das Volk nicht hat ziehen lassen. Gott hat das Herz Pharaos also nicht verhärtet, weil er ihm die freie Wahl nehmen wollte, sondern um ihn für sein Verhalten, für das er sich frei entschieden hat, zu bestrafen – um ihn schliesslich im Schilfmeer ertrinken zu lassen.
Gemäss dem Judentum, und vor allem gemäss den ausführlichen Erläuterungen des Rambam, hat der Mensch also einen völlig freien Willen, kann sich selbst entscheiden, wie er sich verhalten will. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass der Mensch für seine freien Entscheidungen volle Verantwortung trägt und sich sehr bewusst sein muss, was sie bewirken können.
Sidra Waera
16. Jan 2026
Völlig frei
David Bollag