«Unser deutscher Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter.»
Heinrich Heine
Ich habe keine Erinnerung an «den Sommer» von dem so viele schwärmen. Früher war alles grüner.
Mir scheint, die Welt bekäme den Sommer, den sie verdient, seit einigen Jahren also Überflutungen, die sich mit trockner Hitze und ausgetrockneten Flüssen abwechseln, und lieblich ist da nichts, oder angenehm, oder ausgewogen. Aber Ausgewogenheit liegt gerade nicht im Trend. Laut muss es sein, damit es weh tut. In allen Bereichen geht es nur noch drastisch, als würde sonst nichts passieren, als würden alle untergehen, wenn sie nicht laut genug schreien und sich erregen und nach einer Minute vergessen haben, worüber. Und wir müssen mit der Zeit gehen, die Zukunft jetzt gestalten. Der Fortschritt, wohin auch immer er schreiten mag, wird panisch programmiert. Ohne Rücksicht auf die Grundlagen des Hacker-ABC («es gibt keine Sicherheit im Netz») werden versorgungswichtige Institutionen digitalisiert – der Transport, die Elektrizität, die intimsten Daten der Menschen.
Hauptsache schnell und modern, als gäbe es auf der Erde nur noch Platz für einige Erlesene Fortschrittsgläubige. Und auch die Menschlichkeit hat Pause. Ohne innezuhalten registrieren wir, dass Menschen aus ihren Ländern fliehen, deren desolater Zustand meist europagemacht ist. Und wir wollen sie nicht haben. Keiner in Europa will sie haben und darum ertrinken sie, und wenn nicht, sperrt man sie in Lager irgendwo im Niemandsland, nur weg aus unserem Sichtfeld. Was sehen die? Sich anschreiende Politikerinnen, nicht die hellsten Lichter, die irgendetwas entscheiden, was in Europa oft gegen das Wohlgefühl der vielen gerichtet ist. Was braucht man auch Geld für Bildung und Kultur oder Gerechtigkeit, wenn man es in Waffen investieren kann? Nach Krieg wird so lange gerufen, bis er eintritt.
Und gerufen wird laut, denn Kriege sind oft ein Zeichen von absoluter Ratlosigkeit. Wie sollen wir uns sanieren, wie weiter existieren in dieser Lautstärke, in der untergeht, was man für ein Naturgesetz hielt: die Freunde in Amerika, das Land der Sicherheit Israel, das fleissige unterlegene China, und auf einmal müsste man wieder reden und denken, aber das kann doch keiner mehr. Es ist zu heiss, zu laut, zu schnell, um etwas Langsames, Überlegtes zu tun. Also Krieg.
Danach kann man wieder aufbauen, das ist gut für einige, es sind immer dieselben, die anderen klopfen Steine und betrauern die Kinder.
Was ist es heiss geworden und unwirtlich auf der Erde. Die Augen möchte man schliessen unter einem Baum. Es war schon von ihm die Rede, die Füsse in einem Bach und an irgendeine Zeit denken, die kommen möge, in der sich die Menschen über einen grün angestrichenen Winter-Sommer ärgern, und nicht über das Verschwinden von allem, woran sie zu glauben gelernt haben.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
24. Jul 2026
Verschwinden der gewohnten Weltordnung
Sibylle Berg