«Deutlichkeit ist die Höflichkeit des Kritikers»
Marcel Reich-Ranicki
Kaum sieht man drei Minuten weg, hat Deutschland schon wieder einen neuen Skandal hergestellt. Die Halbwertszeit frischer Milch, die Relevanz dito. Heute geht es um den Literaturkritiker Denis Scheck, der zwei Autorinnen kritisiert hat, was diese als Sexismus begreifen.
Ohne die Kraft der erregungsfördernden Algorithmen würde man wenig von dem Vorgang mitbekommen. Eine Nischensendung, die seit Jahren von pointierter Unverschämtheit gekoppelt mit Fachkenntnis lebt, und zwei Autorinnen, die weder auf eine Kritik in einem Nischenprogramm angewiesen sind noch im Verdacht stehen, hoch komplizierte Haikus für noch kleinere Randgruppen zu verfassen. Die Zeiten, in denen sich Millionen an Literatursendungen orientierten – die natürlich viel liebevoller waren … – wie etwa das «Literarische Quartett» mit Marcel Reich-Ranicki, Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek, sind lange vorbei. Damals war es für jeden Schreibenden, der es nur in die Nähe der alten Zausel schaffte, eine Freudenparty, denn es hiess: Aufmerksamkeit. Dass Autorinnen seit Generationen trotz Sexismus und männlicher Gleichgültigkeit im sogenannten Literaturbetrieb bestehen, ist ein Sieg, wenn auch ein anstrengender.
Ich könnte Ihnen jetzt eine wunderbare Studienarbeit zeigen, die sich mit den Parallelen der Frauenverachtung in der Auseinandersetzung mit Werken von Elfriede Jelinek und mir beschäftigt. Leider weiss ich nicht mehr, wo ich sie hingelegt habe. Zwei Generationen, fast wortgleiche herabsetzende Texte (holen Sie sich mal in der Suchmaschine Herrn Matthias Mattussek zum Nobelpreis Elfriede Jelineks hervor).
Wir leben noch, genauso wie viele der Verrissenen, beleidigten, zerfledderten Autoren, denen es nicht viel besser ging. Neben Frauenverachtung lieferte die Literaturkritik auch gerne Judenhass, wie die Gruppe 47, die Celan auslachte.
Abseits des pathologischen ist die Hassliebe oder die passiv-aggressive, verkorkste Beziehung zwischen Literaturkritik und Literaten und Literatinnen, die so alt ist wie die Kritik. Der Verriss eines Kritikers wurde immer gehasst, war immer ungerecht, anmassend. Geschlechtsunabhängig.
Gute Literaturkritik ist von der Liebe zu Literatur getragen. Von der profunden Kenntnis der Literaturgeschichte, und natürlich hat es wissenschaftliche Parameter, um festzustellen, was Literatur, ein guter Text, im Handwerklichen, stilistischen und Inhaltlichen ist. Ob ein Text eindimensional ist oder es eine höhere Ebene gibt, die ihn zu einer Kunstform werden lässt. So wie manchmal auch die Kritik ein eigenständiges interessantes Werk sein kann. Eine Auseinandersetzung, die sich als Form versteht und teilweise in einer aufrechten Empörung des Verstehenden geschrieben wird. Schon immer war es eine hohe Schule der Kritik, einen Text an die Wand zu donnern, ohne auf Scheisshausvergleiche (aktuelle Debatte) zurückzugreifen. Es gibt leider immer weniger fundierte Kritik und kaum mehr Platz, wo sie stattfinden könnte. Heute übernehmen Journalistinnen, die ansonsten über Kino und Fussball schreiben, diese Aufgabe und verwechseln Wissen mit Meinung, wie es eben auch BookToker gibt, die irgendwas sagen.
Literaturkritik bedeutet, Interesse an einem Werk zu wecken, auch mit einem Verriss oder gerade deswegen. Jeder Verriss bringt einen Eimer Willensstärke mehr. Ob das gut oder schlecht war und ist, weiss ich nicht.
Heute versuchen wir Sanftheit einzufordern, vielleicht gerade, weil die Zeit, in der wir sind, so brutal, vulgär und zerstörerisch ist. Eine Zeit, in der der Ruf nach Ordnung, Korrektheit und Entfernung von allem, was Widerstand provozieren kann, lauter ist als die Frage nach einem System, das unsere Lebensgrundlage vernichtet. Wollen wir uns mit Wattebällen bewerfen, während draussen die Flak auffährt? Wollen wir alles canceln, was wir nicht ertragen? Wir ertragen die Politik nicht mehr, die Lügen, die Angriffe auf die Armen, die das System produziert hat, und wir sollten schreiben, dass es so etwas wie Frauenhäuser braucht, dass es immer noch normal ist, weibliche Körper zu mieten, über sie zu befinden, sie zu vernichten. Wir sollten uns bewaffnen mit Kampfkunst und Worten. Nicht bitten, nicht weinen und mit Fingern auf das Patriarchat zeigen, sondern es lächerlich machen.
Das System der männlichen Verachtung für die geistigen, wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten von Frauen zerstören wir nicht durch Klagen und das Einfordern von Freundlichkeit, sondern mit dem unaufhaltsamen Zersetzen der männlichen Dominanz durch Qualität, Durchhaltewillen, Kraft, Spott und so weiter. Gute Nacht.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
17. Apr 2026
Und wieder eine Aufregung
Sibylle Berg