Sidra Bo 23. Jan 2026

Pharaos verhärtetes Herz

Dass Pharao das Volk nicht ziehen lassen wird, wenn Mosche im Auftrag Gottes zu ihm kommt, um dies zu fordern, hat Gott Mosche schon bei der Erscheinung am Brennenden Dornbusch (2. B. M. 3,19) vorausgesagt: «Ich weiss, dass der König Ägyptens euch nicht gehen lassen wird, selbst nicht mit gewaltiger Hand.» Warum Gott Mosche sagen muss, dass er etwas (im Voraus) weiss, ist eigenartig – er könnte einfach sagen: Er wird euch nicht gehen lassen.

Bei den ersten der Zehn Plagen verhärtet sich Pharaos Herz noch von selber. Bei den Beschreibungen der sechsten bis neunten Plage (und zweimal auch in unserer Sidra) heisst es dann explizit, dass Gott selbst Pharaos Herz nach dem Überstehen einer Plage jeweils wieder verhärtete, sodass er Israel nicht ziehen lasse. Gott hat schon zuvor, neben seinen Voraussagen, dass Pharao das Volk nicht ziehen lassen werde, angekündigt, dass er selbst das Herz Pharaos hart werden lasse und dann seine Zeichen und Wunder über Ägypten bringen würde (2. B. M. 7,3)

Wenn Gott also «weiss», das Pharao ablehnend reagieren wird, könnte sich dies auf die erste Phase von Mosches Mission beziehen, wo Pharao noch autonom entscheidet. Wogegen Gott Pharao in der zweiten Phase in gewisser Weise manipuliert – was hinwiederum die berühmte Frage aufwirft, warum Pharao in dieser Phase überhaupt für sein Verhalten verantwortlich ist, wenn Gott es veranlasst hat.

Die Frage des freien Willens beschäftigt bis heute viele Bereiche des Denkens und Forschens: Die Neurobiologie ebenso wie die Philosophie, die Psychologie, die Theologie, die Soziologie und die Rechtswissenschaften – sie bestimmt letztlich unser ganzes Menschenbild. Natürlich spielt in der Wissenschaft (ausser vielleicht in der Theologie) die unmittelbare Frage nach einem allwissenden und lenkenden Gott keine Rolle, doch unter dem Begriff «Determinismus» ist durchaus ein Ansatz vorhanden, der das Handeln des Menschen als vorbestimmtes, gar nicht in seiner Autonomie liegendes fasst.

Blicken wir auf Pharao, so lassen sich durchaus psychosoziale Gründe finden, weshalb ein absoluter, als gottgleich verehrter Herrscher, selbst wenn er etliche Schläge und Erkenntnisse über die Grenzen seiner Macht erfährt, damit Mühe hat, sich endgültig geschlagen zu geben, begleitet von den nicht zu unterschätzenden Ängsten vor einem Gesichtsverlust vor seinem Hofstaat und Volk. Dass bei zunehmendem Druck die Weigerung zur Kapitulation immer weniger autonom ist, sondern fast im Sinne eines Zwangshandelns aufrechterhalten wird, lässt sich leicht nachvollziehen.

Philosophisch gesehen könnten wir die Frage auch kompatibilistisch angehen, was der Philosoph Michael Kühler so umschreibt: Wer in einem abgeschlossenen Raum sitzt und keinerlei Wunsch hat, diesen zu verlassen, weilt dort aus freiem Willen – selbst wenn er objektiv gesehen den Raum vielleicht gar nicht verlassen könnte. «Entscheidend für die Freiheit des Willens», so Kühler, «ist damit nicht, dass uns Alternativen offenstehen, sondern der Umstand, dass es ‹unser eigener› Wille ist, das heisst, dass sich die Willensbildung Faktoren verdankt, die wir ‹uns selbst› als Autoren des Willens zuschreiben können.» Selbst wenn also Pharao aus seinem Modus gar nicht heraus könnte, bliebe er dafür verantwortlich, so zu handeln.

Eine interessante Perspektive von jüdischer Seite für das Problem nimmt Maimonides ein, der grundsätzlich davon ausgeht, dass Gottes Allwissenheit und Providenz mit dem freien Handeln des (Gottes Wege nicht verstehenden) Menschen nicht interferieren. Wo nun aber Pharao als explizit fremdbestimmt geschildert wird, entwickelt Maimonides eine interessante Theorie, die der Judaist Shaul Maggid analysiert. Maimonides nämlich geht davon aus, dass Pharao (durch die fortgesetzte Versklavung Israels und durch seine selbständige Weigerung, bei Mosches erster Forderung und während den ersten fünf Plagen das Volk ziehen zu lassen) tatsächlich den Entzug seines freien Willens als göttliche Strafe erfahren habe.

Menschliche Handlungsautonomie bleibt also, gemäss Maimonides, immer an die Einhaltung eines gewissen ethischen Standards gebunden. Wer sich aus freien Stücken immer weiter in amoralisches und verbrecherisches Handeln verstrickt, wird möglicherweise eines Tages begreifen, dass er auf dem falschen Weg ist, aber seiner eigenen inneren Freiheit beraubt sein, diesem falschen Weg abschwören. Maimonides’ Erklärung liesse vielleicht sogar jenes berühmte Argument von nationalsozialistischen Massenverbrechern, sie hätten «nur Befehle befolgt», unter neuem Blickwinkel erscheinen. Wer sich aus freiem Willen so tief in Schuld verstrickt hat, wird, selbst wenn er die Handlungsautonomie besässe, seine Handlungen zu reflektieren und zu beenden, eines Tages womöglich unfähig, sich als etwas anderes zu sehen denn als ausführendes Organ, das zwanghaft weiter auf seinem Weg geht – was die Schuld in keiner Weise reduziert.

Alfred Bodenheimer