Sidra Waetchanna 24. Jul 2026

Nicht vom Brot allein

Sommerzeit ist Reisezeit und auch Lesezeit. Vieles ist leichter. Hoffentlich bieten die etwas gelichteten Stellen im Terminkalender Gelegenheit, die Leichtigkeit auch wirklich zu kosten und sich darüber zu freuen, selbst wenn man sich nicht in die Sommerfrische verabschiedet. Paulina Szczesniak vom «Tages-Anzeiger» macht sich Gedanken, was einem die Sommerzeit bringt, und hofft, etwas davon in die nachfolgende Wieder-normal-Zeit hinüberzuretten: «Vielmehr zählen hier wie dort all die Begegnungen, die man dabei mit Unbekanntem macht, all die Wege in unvertrautes Terrain, die Überraschungen, der Perspektivenwechsel.»

Dies muss Tiefenschärfe generieren, etwas, was manchmal in der Hetze des Alltags verloren geht. Ins Auge gestochen sind mir «die Wege in unvertrautes Terrain» und der «Perspektivenwechsel», und ich will versuchen, dies auf den Umgang mit der Thora anzuwenden, willentlich und wissentlich.

Da ist einmal die Sache der Medien, die auf ihre eigene Weise dem Sommer begegnen. Im Fernsehen werden zahlreiche Programme einfach wiederholt. Es könnte ja sein, dass das Publikum im Winter etwas verpasst hat, was es jetzt unbedingt nachholen möchte. Manche Printmedien, dazu gehört auch tachles, bringen «Sommernummern», eine Art Euphemismus für zusammengelegte Ausgaben. Vielleicht bemerken wir die markante Inhaltsverschmälerung gar nicht, da wir ja (auch) sommerlich abgelenkt sind. Gerade bei den Auslegungen zum Wochenabschnitt führt das dazu, dass einige Parschiot überhaupt nie ausgelegt werden, da sie immer in die Sommerferienflaute fallen. Es sind dies die ersten Abschnitte des 5. B. M., was schade ist, denn gerade Dewarim, Vaetchanan, Ekew und Reeh enthalten umfangreichen Drascha-tauglichen Stoff. Zudem findet in dieser Sommerferienzeit auch Tischa Beaw statt: Angesichts der derzeitigen politischen Lage im Nahen Osten ist es doch nicht so abwegig, darüber nachzudenken, was vergeblicher Neid und unbegründeter Hass heute mit uns machen und machen könnten. Ab Schabbat «Nachamu», wo Gott durch den Propheten Jesaja den Akzent auf Trost setzt, sind wir auf der Reorganisationsschiene zum neuen Jahr.

So picke ich mir heute ein wohlbekanntes Thema aus der Parascha der kommenden Woche heraus, nämlich die Sache, wovon der Mensch eigentlich lebt. Die Thora gibt unumwunden und wenig überraschend zu bedenken, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern auch und bevorzugt «von allem, was dem Mund Gottes entstammt» (5. B. M. 8:3). Was bedeutet dies hinsichtlich eines möglichen und erhofften Perspektivenwechsels? Was oder wer führt uns im unbekannten Terrain?

Es ist sicher nicht abwegig, in der Sommerzeit einmal zu fragen, wovon wir als Individuen eigentlich leben. Gedanken lassen sich am Strand genauso gut wälzen wie auf einer Bergwanderung. Welchen Stellenwert haben für mich die Worte Gottes – angesichts eines ernüchternd tiefen Wasserpegels am zurückgezogenen Ufer eines Bergsees oder eines schwindenden Gletschers? Und was ist mit den Bäumen, die wegen der Hitze schon im Juli die Blätter abwerfen? Kommen die Worte Gottes genauso überzeugend herüber, wenn ich mich ihnen in einer anderen Synagoge aussetze? Oder angesichts einer Studienreise zur Renaissance der Baukunst in Italien gar in einer Kirche? Wird es zum Perspektivenwechsel, wenn ich das Morgengebet auf die wirklich frühen Morgenstunden und vielleicht sogar an einen Waldrand verlege? Was für eine Überraschung erwartet mich, wenn ich meinen allerersten Talit aus einer versteckten Schublade ziehe und darin bete? Und schliesslich kann man in dieser Zeit sogar beim bewährten Vorgehen für die Chalot einmal ein anderes Mehl einer anderen Mühle, ein anderes Rezept, ja gar eine andere Form für die Brote ausprobieren. Unerwartete Begegnungen können uns den Weg zeigen, notwendige Korrekturen vorzunehmen.

Bea Wyler