sidra pinchas 03. Jul 2026

Künstliche Rabbiner?

Auch für Rabbiner stellt sich heute die bedrohliche Frage, ob sie angesichts der rapiden Entwicklung der künstlichen Intelligenz eines Tages überflüssig werden. Ob ihre Aufgaben vielleicht schon recht bald von Computern oder Robotern ausgeführt werden können und sie ganz durch sie ersetzt werden.

Schon heute ist es möglich, halachische Fragen via Internet zu stellen und kompetente Antworten zu erhalten. Zudem besteht bereits jetzt die Möglichkeit, sich von künstlicher Intelligenz ausgezeichnete Draschot und Predigten schreiben zu lassen. Es stellt sich also die berechtigte Frage, ob es bald keine Rabbiner mehr braucht.

Überraschenderweise findet sich in unserer Parascha eine passende Antwort auf diese Frage.

Im aktuellen Wochenabschnitt sind wir unterdessen schon im 40. Jahr der Wanderung des jüdischen Volkes in der Wüste und es werden mehr und mehr Vorbereitungen für die Einwanderung des Volkes in sein Land getroffen. Im ersten Teil unserer Parascha wird eine Volkszählung vorgenommen, um nach der Einwanderung eine gerechte Verteilung des Landes zu ermöglichen. (4. B. M. 26, 1 ff.)

In diesem Kontext sagt Gott Mosche voraus, dass er in der Wüste sterben, dass er das Volk also nicht ins Land führen werde (ibid. 27, 12). Als unmittelbare Reaktion darauf richtet sich Mosche an Gott und bittet ihn, einen geeigneten Nachfolger für ihn zu bestimmen.

Die Art und Weise, wie sich Mosche hier an Gott richtet, die Worte, mit denen er ihn anspricht, sind ausserordentlich und bemerkenswert. Mosche bezeichnet Gott hier als den «Gott der Geister allen Fleisches» (ibid. Vers 16) und die exegetische Literatur stellt sich natürlich sofort die Frage, warum Mosche Gott hier auf diese sonderbare Art anspricht.

Raschi erklärt, dass die Wortwahl in direktem Zusammenhang mit seiner Bitte nach einem geeigneten Nachfolger steht. Mosche bezeichnet hier Gott als den «Gott der Geister allen Fleisches», um damit auszudrücken, dass Gott die Ansichten – die «Geister» – jedes Einzelnen des Volkes genau kennt, dass er weiss, wie verschieden sie voneinander sind, und dass Mosche ihn deshalb bittet, eine Führungsgestalt zu wählen, die fähig ist, individuell auf jeden Einzelnen des Volkes einzugehen (Raschi zu Vers 16). Mosche weiss aus eigener Erfahrung als «Mosche rabbejnu», als Rabbiner und Lehrer des Volkes, dass die individuelle Beziehung zu jedem Einzelnen des Volkes von grösster Bedeutung ist, und bittet Gott deshalb, einen Nachfolger zu wählen, der ebenfalls die Fähigkeit hat, so eine Beziehung zum Volk herzustellen.

Gott geht sofort auf die Bitte Mosches ein und befiehlt ihm, Jehoschua, «einen Mann, in dem Geist ist» (ibid. Vers 18), als Nachfolger zu bestimmen. Als Ausdruck der Wahl und Amtseinsetzung von Jehoschua befiehlt Gott Mosche, seine «Hand auf ihn zu stützen». Auf Iwrit wird diese Handlung als «smicha» bezeichnet. Mosche erteilt Jehoschua die «smicha» und setzt ihn damit in sein neues Amt ein.

Auch die heutigen Rabbiner erhalten am Ende ihrer Ausbildung ihre «smicha». Obwohl dies heute nicht mehr mit Handauflegen vorgenommen wird, sondern mit einem Dokument, geht die heutige «smicha» auf Mosche zurück. Mit der «smicha» wird ausgedrückt, dass einem Mann mit Geist die Erlaubnis erteilt wird, als Rabbiner zu amtieren, eine Führungsposition im jüdischen Volk zu übernehmen.

Es wird erzählt – und ist im Internet dokumentiert –, dass Rabbi Jonathan Sacks, der verstorbene Oberrabbiner von England, die Teilnehmer einer Veranstaltung einmal gefragt habe, welche Frage am häufigsten an Rabbiner gerichtet werde. Er soll geantwortet haben, dass die Frage, die Rabbiner am häufigsten gestellt wird, ist: «Herr Rabbiner, erinnern Sie sich an mich?» Jeder will wissen, ob sein Rabbiner ihn persönlich kennt und fähig ist, eine individuelle menschliche Beziehung zu ihm zu haben.

Eine derartige Beziehung ist durch einen Computer oder Roboter nicht ersetzbar. Nur ein Mensch hat die Fähigkeit, eine individuelle, direkte, persönliche, gefühlvolle und tiefgehende Beziehung zu einem anderen Menschen zu entwickeln und zu pflegen.

Auch bei halachischen Fragen und vor allem auch bei rabbinischen Ansprachen, sei es in der Synagoge oder bei privaten Anlässen, ist die persönliche Komponente von grösster Wichtigkeit, muss der Rabbiner sehr genau wissen und sorgfältig beachten, wem er eine halachische Auskunft gibt und an wen er seine Worte richtet. Auch da ist die einzigartige Beziehung, die er mit seinem Gegenüber hat, von essenzieller Bedeutung.

Aus all diesen Gründen wird die künstliche Intelligenz die Aufgaben der Rabbiner nicht übernehmen können.

David Bollag