In seiner Rücktrittsrede am 22. Juni benutzte der britische Labour-Premierminister Sir Keir Starmer diese Formulierung, um an einen der zentralen Erfolge seiner Amtszeit zu erinnern: «Ripping out the poison of Antisemitism» («das Gift des Antisemitismus herausreissen»). Dabei kam der Kampf gegen den Antisemitismus noch vor Themen wie Wirtschaft, Verteidigung und Sozialwesen. Zentral war für Starmer die grundlegende Umgestaltung der Labour-Partei, die unter der Führung seines Vorgängers Jeremy Corbyn in offenen Antisemitismus abgedriftet war.
Starmers Rede war nur eine von zahlreichen Gelegenheiten in den letzten Wochen, in denen das Thema für Aufsehen sorgte. So etwa führte Daniel Jositsch, der Zürcher Ständerat der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP), seine Nichtnomination für die nächsten Ständeratswahlen, die zu seinem Parteiaustritt führte, auch auf seine unterstützende Haltung zu Israel zurück. So erklärte er in der «Jüdischen Allgemeinen»: «Wer innerhalb der SP eine klar proisraelische Haltung vertritt, muss mit erheblichen politischen Konsequenzen rechnen». Im selben Interview diskutierte er auch den zunehmenden Antisemitismus in der Schweiz.
Das alles gab zu reden. Viele sind überrascht. Dabei sind Israel- und Judenfeindlichkeit von Links nicht wirklich neu. Es begann mit der Abwendung von Israel im Gefolge der «Palästina-Solidarität» und der «Israel-Kritik» die nach 1967 einsetzte. Ein klassischer Fall aus diesen Jahren ist das Communiqué der Progressiven Organisationen Schweiz (POCH), die anlässlich des Jom-Kippur-Kriegs von 1973 schrieb: «Der Aufschwung der arabischen Befreiungsbewegung hat in der Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes durch die ägyptischen, syrischen und irakischen Streitkräfte und die palästinensische Befreiungsarmee gegen die zionistischen Aggressoren und ihre Hintermänner in den westlichen Metropolen seinen Ausdruck gefunden.» Darauf entgegnete der spätere SP-Ständerat Carl Miville in der «Basler Arbeiterzeitung», «dass, wo es gegen die Juden geht, die Progressiven allemal in Begeisterung ausbrechen». Die POCH sei eine «Pogrom-Organisation», sagte Miville vor 53 Jahren. Daraufhin erstattete die POCH Strafanzeige. Die erste Instanz sprach Carl Miville frei, da – so das Basler Gericht – Antizionismus mit Antisemitismus gleichzustellen seien. Das Basler Appellationsgericht bestätigte später das Urteil ebenso wie das Bundesgericht.
1984 trat dann der Zürcher Psychotherapeut, Publizist und SP-Kantonsrat Emanuel Hurwitz wegen damals schon ausgeprägten antiisraelischen und antijüdischen Tendenzen aus dem Kantonsrat zurück und aus seiner Partei aus. Seine Erlebnisse und seine Erkenntnisse zur Judenfeindlichkeit verarbeitete er in gleich zwei Werken: dem 1986 erschienenen, teilweise autobiografischen Buch «Bocksfuss, Schwanz und Hörner» sowie dem 1991 veröffentlichten Werk «Juden und Christen – Tagebuch eines Missverständnisses». Ebenfalls 1986 veröffentlichte der Publizist Henryk Broder mit «Der ewige Antisemit» eine prägnante Analyse der Judenfeindschaft von Links, die leider nichts von ihrer Aktualität verloren hat.
In ihrer 2006 veröffentlichten wissenschaftlichen Studie «Die schweizerische Linke und Israel; Israelbegeisterung, Antizionismus und Antisemitismus zwischen 1967 und 1991» arbeitete die Freiburger Historikerin Cristina Spaeti das Phänomen für die Schweiz wissenschaftlich auf und hielt fest, dass der Nahostkonflikt der Schweizer Linken oft als Vehikel diene, um antisemitische Stereotype beispielsweise in Form von Kapitalismus- oder Verschwörungstheorien zu transportieren. Dabei verschwimme die feine Linie zwischen Israel-Kritik, Antizionismus und explizitem Antisemitismus. In «What’s Left» kommt der britische Publizist Nick Cohen für Grossbritannien zum selben Schluss.
2012 veröffentlichte schliesslich der israelische Historiker Robert Wistrich das Standardwerk zum linken Antisemitismus: «From Ambivalence to Betrayal. The Left, the Jews and Israel» («Von der Ambivalenz zum Verrat. Die Linke, die Juden und Israel»). Darin verfolgt Wistrich, der das Buch auch im Basler Volkshaus mit Vertreterinnen und Vertretern der Basler linken Parteien diskutierte, das Problem bis zur Aufklärung und den Frühsozialisten zurück und zeigt auch, wie viel vom heutigen antiisraelischen Diskurs direkt auf die antisemitische Sowjet-Propaganda zur Zeit Stalins zurückzuführen ist.
Seit dem 7. Oktober 2023 ist eine Fülle von Büchern erschienen, so etwa der von Matthias Naumann herausgegebene Sammelband «Judenhass im Kulturbetrieb. Reaktionen nach dem 7. Oktober». Viele Autoren verorten die gegenwärtige antisemitische Welle nicht nur bei Rechten, sondern vor allem in der Mitte der Gesellschaft und bei Linken. So etwa zeigt die Kognitions- und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel in ihrem Werk «Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen», wie tief der Judenhass als kulturelle Kategorie im abendländischen Denken und Fühlen verwurzelt ist. Der aktuelle Ausbruch von Antisemitismus sei nur vor diesem Hintergrund zu verstehen.
Bei der israelisch-französischen Soziologin Eva Illouz fühlt man die Fassungslosigkeit, von der sie beim Schreiben ihres Essays «Der 8. Oktober» erfasst war. Sie versucht zu verstehen, warum Teile der globalen Linken das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 nicht als Terror verurteilten, sondern bejubelten. Sie konstatiert dabei einen «tugendhaften Antisemitismus» in akademischen Milieus.
Das Desaster war also absehbar. Die Hinwendung der Linken zu Israel- und Judenfeindlichkeit wurde seit mehr als vier Jahrzehnten immer wieder und immer mehr konstatiert und beschrieben, aber von den meisten schlicht ignoriert. Es konnte nicht sein, was nicht sein darf. Diese Haltung gilt es abzulegen. Es gilt, die Dinge zu benennen und entschlossen dagegen aufzutreten. Denn es könnte noch schlimmer werden, wenn man einem Kommentar von Daniel Fritzsche von letzter Woche in der «Neuen Zürcher Zeitung» folgt: «Der unrühmliche Abgang von Daniel Jositsch war erst der Anfang». «Junge Linke krempeln die alten sozialdemokratischen Parteien um – nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Ihr Treibstoff: Hass auf Israel und Reiche.»
Simon Erlanger ist Historiker und Journalist und lebt in Basel.
standpunkt
03. Jul 2026
Judenfeindlichkeit bei Linken
Simon Erlanger