Martin Bubers wohl bekanntestes und wichtigstes philosophisches Werk «Ich und Du» (1923) bildet die Grundlage für sein Verständnis vom Menschen als dialogisch Geschaffenem: Der Mensch ist kein isoliertes Wesen, sondern bildet sich in Beziehung zu seiner Umgebung. Dabei spielt die Sprache eine entscheidende Rolle, denn sie ermöglicht es dem Menschen, mit seinen Mitmenschen in Beziehung zu treten und sich dadurch selbst zu bilden. Das Hauptaugenmerk in Bubers Werk liegt daher traditionell auf der Beziehung zwischen Menschen (Ich-Du). Ein entscheidendes Element seiner dialogischen Philosophie ist jedoch die Affinität zwischen Mensch und Gegenstand (Ich-Es). «Ich nehme etwas wahr. Ich empfinde etwas. Ich stelle etwas vor. Ich will etwas. Ich fühle etwas. Ich denke etwas. Aus alledem und seinesgleichen allein besteht das Leben des Menschenwesens nicht. All dies und seinesgleichen zusammen gründet das Reich des Es.» Obwohl Buber zufolge die Affinität zwischen Mensch und Gegenstand normalerweise die Sphäre der «Erfahrung» schafft (im Gegensatz zur Sphäre der «Beziehung» in der Ich-Du-Affinität), gibt es die Möglichkeit, sie umzuleiten und eine Beziehung zu einem Gegenstand zu schaffen – in diesem Fall würde ein «Es» zu einem «Du».
Als Paradebeispiel für diese Verwandlung führt Buber den Baum an. «Ich betrachte einen Baum.» Selbstverständlich kann man den Baum als Bild, als Gegenstand, als physikalische oder chemische Zusammensetzung, als Mischung aus Licht und Bewegung, als einen unter vielen, als etwas in Zeit und Raum oder als blosse Zahl betrachten, wie es die Wissenschaft normalerweise tut. Dies würde unsere «Erfahrung» des Baumes konstruieren. «In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand und hat seinen Platz und seine Frist, seine Art und Beschaffenheit.» Buber würde jedoch behaupten, dass es eine andere Art gibt, den Baum zu betrachten. Der Baum selbst bliebe derselbe, nichts an ihm würde sich ändern, wohl aber die Art und Weise, wie wir ihn betrachten. Hier käme ein spirituelles, religiöses Element ins Spiel, das den Baum als ein ausschliesslich spirituelles Wesen darstellen und eine zweiseitige Beziehung zwischen Baum und Mensch herstellen würde. Der Baum würde aufhören, ein blosser Gegenstand der Erfahrung zu sein und in die Sphäre des Ich-Du eintreten. «Es kann aber auch geschehen, aus Willen und Gnade in einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die Beziehung zu ihm eingefasst werde, und nun ist er kein Es mehr […] Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen, wie ich mit ihm - nur anders». Buber ist sich bewusst, dass seine Beschreibung für Verwunderung sorgen und viele dazu verleiten wird, sie sofort in vertrauten Kategorien wie «Bewusstsein» oder «Fantasie» einzuordnen. Dennoch beharrt er darauf, dem Baum unvermittelt zu begegnen, so wie er ist, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen. «So hätte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unsern ähnlich? Ich erfahre es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es euch an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber.»Martin Buber begründete eine Religionsphilosophie, die nicht nur die Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen und zu Gott, sondern auch seine Beziehung und Verantwortung gegenüber der Mitwelt thematisiert. Der Mensch soll seine Umwelt nicht nur beherrschen oder konsumieren, sondern mit ihr in verantwortungsvoller, respektvoller und bewundernder Gegenseitigkeit leben – eine Haltung, die in Zeiten ökologischer Krisen zunehmend an Aktualität gewinnt. Diese Sicht hat tiefe Wurzeln in der jüdischen Tradition. «Als Gott den Adam erschaffen hatte, führte er ihn zu allen Bäumen im Paradies und sprach zu ihm: Siehe meine Werke, wie lieblich und vortrefflich sie sind und alles habe ich deinetwegen erschaffen. Nimm dich in Acht, dass du meine Welt nicht verunstaltest und zerstörst, denn es ist niemand da, der sie wieder herstellen könnte» (Kohelet Rabba 7,13). Der Baum selbst trägt eine besondere symbolische Kraft: «Der Mensch ist ein Baum des Feldes» (Dtn 20,19) – eine Mahnung zur Schonung und Verbundenheit. Im modernen Zionismus verdichtet sich diese Symbolik weiter. Der «Sabra» – der Kaktus, stachelig nach aussen, doch süss im Inneren – wird zum Idealbild des im Land verwurzelten, bodenständigen neuen Juden, der die Erde bestellt. Ihre festliche Krönung findet diese Verbundenheit am Tu Bischwat, dem Neujahr der Bäume. An diesem Tag werden traditionell Bäume gepflanzt, Früchte gegessen und die Dankbarkeit für die Natur ausgedrückt. So wird ein lebendiges Zeichen der Verantwortung und des Zusammenlebens von Mensch und Mitgeschöpf gesetzt.
Oded Fluss ist Co-Leiter der Bibliothekder Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.
standpunkt
30. Jan 2026
Ich und du, der Baum
Oded Fluss