Talmud heute 20. Mär 2026

Guter Netanyahu, schlechter Netanyahu

Selbst wenn der angestrebte Regimewechsel im Iran nicht wie erhofft in naher Zukunft erfolgen sollte, kann man schon jetzt den sagenhaften Erfolg der Operation Löwengebrüll nicht ignorieren: Die existenzielle Bedrohung Israels aus dem Iran ist für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, gebannt. Die israelische Verteidigungsarmee ist infolge des traumatischen 7. Oktobers 2023 zu einer aktiven Streitmacht geworden, welche den Feind durch gezielte Präventivschläge wesentlich geschwächt hat. So war es bei den Explosionen der Hizbollah-Pager im Libanon, so war es beim ersten Iran-Krieg letzten Sommer und so war es auch beim Beginn des zweiten Iran-Kriegs vor drei Wochen der Fall. Um zu verstehen, was für ein riesiger Felsbrocken vom Herzen der Israelis gefallen ist, muss man die letzten 30 Jahre in Israel gelebt haben.

Unaufhörlich war von der atomaren Bedrohung seitens des Iran die Rede. Und je mehr die Zeit voranschritt, desto enger fühlte die israelische Bevölkerung die metaphorische Schlinge um den Hals. Die Person, welche in den letzten drei Jahrzehnten mehr als alle anderen vor der iranischen Gefahr gewarnt hat und nun auch für deren Beseitigung oder zumindest deren wesentliche Eindämmung massgeblich die Verantwortung trägt, ist der israelische Premierminister Binyamin Netanyahu. Dafür verdient er dickes Lob. Und trotzdem gibt es Stimmen, auch in Israel, die sich damit schwertun, Netanyahu für sein sensationelles und lebenrettendes Husarenstück im Iran zu danken. Zu sehr sehen sie seine Persönlichkeit, sein ganzes politisches Walten wegen anderer Belange in einem negativen Licht.

Vielleicht ist es an der Zeit, ein theologisches Prinzip unserer Weisen auch im Falle Netanyahus anzuwenden: «Jedermann ist verpflichtet, Gott für das Böse zu danken, wie man Gott für das Gute dankt» (Mischna Berachot 9:5). Im Falle Netanyahus würde dies bedeuten: Man kann durchaus das «Böse» beziehungsweise die Fehler, die er über die vielen Jahre gemacht hat, in denen er in Israel das Zepter schwingt, erkennen und kritisieren, insbesondere seine grobe Verfehlung, in Gaza über Jahre hinweg eine Bestie heranwachsen zu lassen, um von dieser schliesslich auf schreckliche Weise überfallen zu werden.

Gleichzeitig soll man jedoch gegenüber demselben Netanyahu für das «Gute», beispielsweise für die erfolgreichen Militäraktionen im Iran und im Libanon, Dankbarkeit zeigen können. Wieso soll dem israelischen Premierminister ein komplexes Urteil verwehrt bleiben, wenn schon Jahrtausende vor ihm die grössten Heeresführer Israels in der Bibel sowohl strategische Erfolge als auch kolossale Misserfolge vorzuzeigen hatten und für diese gelobt beziehungsweise kritisiert wurden?

Geben wir hierfür drei Beispiele: König Saul stellte einerseits das erste reguläre Heer Israels auf und feierte beachtliche Siege über die Ammoniter und die Philister (1. Samuel Kap. 11 und 14). Andererseits versagte er beim Krieg gegen Amalek, was zum Verlust der Legitimität seiner Herrschaft führte (Kap. 15).

König David schaffte es einerseits, die Stämme zu einen und Jerusalem als geistiges Zentrum Israels zu etablieren (2. Samuel Kap. 5 und 6). Andererseits führten seine Affäre mit Batscheva und der Tod von Uria zu einem moralischen Kollaps und strategischen Zerfall seiner Familie sowie zu Rebellionen im Reich (Kap. 11, 12 und 15–18).

König Hiskia schliesslich sicherte einerseits durch den Bau des heute nach ihm benannten Tunnels die Wasserversorgung Jerusalems während der assyrischen Belagerung – ein logistisches Meisterwerk (2. Könige 20:20). Andererseits zeigte er babylonischen Gesandten stolz seine Schätze, was sich als naiver und strategisch-psychologischer Fauxpas erwies, machte dies doch Babylon auf die Reichtümer Jerusalems aufmerksam (Kap. 20:12–19).

König Saul hat gute Dinge und weniger gute Dinge vollbracht. Dasselbe galt für die Könige David und Hiskia. Die Bibel und ihre Exegeten verstanden es sehr wohl, diese israelitischen Führungspersönlichkeiten und deren Handlungen differenziert zu betrachten. Vielleicht lässt sich in diesem Geiste folgende talmudische Äusserung in einem neuen Licht verstehen: «Wer glaubt, David habe gesündigt, irrt sich!» (Schabbat 56a). Hier geht es nicht um einen pseudoapologetischen Gedankengang, um Davids schlimme Tat gegenüber Uria und Batscheva reinzuwaschen. Vielmehr will der Talmud lehren, dass, wer meint, dass David «nur» gesündigt hat, dass er aufgrund seines verheerenden Fehltritts «ausschliesslich» als Sünder dasteht, der irrt sich! Wer vor lauter (berechtigter) Kritik an König David dessen ganzes Leben und Wirken nur noch schwarz zu sehen vermag und nicht imstande ist, wenigstens eine der vielen positiven Errungenschaften Davids auch anzuerkennen und zu loben, der entlarvt sich als obsessiver, langweiliger und uninteressanter David-Hasser.

Dasselbe gilt für Netanyahu. Wer selbst in dieser militärischen Sternstunde Israels es nicht fertigbringt, ihn in diesem Existenzkrieg für sein taktisches Geschick und seine beispiellose Koordination mit den USA ein kleines Kompliment zu machen, der entpuppt sich als ein notorischer, eindimensionaler und nicht ernst zu nehmender Netanyahu-Hasser. Die vielen Beispiele aus der Bibel zeigen, dass es durchaus möglich ist, Netanyahu für seine Rolle und Verantwortung als Premierminister am 7. Oktober 2023 anzuprangern und ihm im selben Atemzug für seine genialen strategischen Schachzüge gegen Israels Feinde in der Gegenwart Beifall zu klatschen.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn