Am ersten – und ausserhalb Israels auch am zweiten – Tag Sukkot wird aus der Thora der Abschnitt über die Festtage (3. B.M. 23. Kapitel) vorgelesen. Dort heisst es: «Nehmt am ersten Tag eine Frucht des Prachtbaumes, Palmzweige, Zweige des dichtbelaubten Baumes und Bachweiden, und freut euch vor dem Ewigen, eurem Gotte, sieben Tage» (23:40). Die im Bibeltext erwähnten «arba minim», die vier Pflanzenarten, werden beim Gebet feierlich gehalten und geschüttelt. Dieser Feststrauss besteht bekanntlich aus einem «Etrog» (Zitrusfrucht), einem «Lulaw» (Palmenzweig), drei «Hadassim» (Myrtenzweige) sowie zwei «Arawot» (Bachweiden). Was hat es mit diesem feierlichen Pflanzenbündel auf sich?
Die naheliegendste Erklärung besteht in der Betrachtung der vier Planzenarten als Audruck des Erntedankfestes, das ja schliesslich eines der zentralen Themen von Sukkot ist. Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) widersetzt sich jedoch dieser Möglichkeit vehement: «Fragen wir nach der Bedeutung dieser vier Pflanzenarten am Sukkotfeste, so antwortet eine moderne Gedankenlosigkeit, es sei eben ein Erntestrauss, ein Zeichen des gewährten Erntesegens und daher für unser Klima und unsere Bodenverhältnisse durch andere, unserer Örtlichkeit entsprechende Pflanzen und Früchte zu ersetzen. Diese Oberflächlichkeit übersieht jedoch eine Kleinigkeit. Wir kennen die Früchte, in welchen Palästina den Segen seiner Ernten zu erblicken hatte; es sind dies: Weizen und Gerste, Wein und Feigen, Granatäpfel, Oliven und Datteln (5. B.M. 8:8). Dahin werden also höchstens Palmenzweige zählen, allein Etrogim, Myrten und Weiden fehlen dort. Und hat es denn überhaupt noch irgendwo und irgendwie ein Land gegeben, das seinen Erntesegen im Gedeihen der Myrten und Weiden erblickt hätte?!»
Es bedarf also anderer Erklärungen zu den «arba minim». Im Midrasch und in späteren rabbinischen Schriften lassen sich diese finden. Die wahrscheinlich bekannteste erkennt in den vier Pflanzenarten Symbole für vier jüdische Charaktere, die gegensätzliche Eigenschaften besitzen (ähnlich der vier Söhne in der Pessach-Haggada): Der Zitrusbaum habe sowohl eine Frucht als auch einen angenehmen Duft, die Myrte einen guten Duft, aber keine Frucht, die Palme eine Frucht, aber keinen Duft und die Bachweide weder Duft noch Frucht. Diesen vier Sorten werden vier religiöse Typen zugeordnet, während der Duft für Tora-Wissen und die Frucht für gute Taten stehe: Die Zitrusfrucht symbolisiere den religiösen Idealtypus mit Tora-Wissen und guten Taten, die Myrte den Intellektuellen mit viel Wissen, aber ohne Taten, die Palme den praktisch Engagierten mit guten Taten ohne Wissen und die Bachweide den Ignoranten, der weder Wissen noch Taten vorzuweisen habe. Die halachische Richtlinie, alle vier Pflanzenarten zusammen vereint in den Händen zu halten, erhält somit eine symbolische Forderung nach bedingungsloser Einheit im jüdischen Volk. Aber mehr als das: Im Talmud wird betont, dass die «arba minim» sich gegenseitig bedingen. Hier äussert sich nicht nur der Wunsch nach Einheit, sondern auch nach dem aktiven Tolerieren des Nächsten, selbst wenn seine Anschauungen den meinen nicht entsprechen sollten.
Gemäss einer anderen Erklärung repräsentieren die vier Pflanzenarten des Feststrausses vier Organe des menschlichen Körpers. Damit soll ausgedrückt werden, dass der Mensch mit Leib und Seele Gott dienen solle, gemäss dem Ausruf des Psalmisten: «All meine Organe sollen sagen: Gott, wer ist wie Du?» (Ps. 34:15). Auch hier werden zuerst vier verschiedene Organe den vier Pflanzensorten zugeordnet: Der Etrog ähnle dem Herzen, das Hadass-Blatt dem Auge, das Blatt einer Arawa der Lippe und der Lulaw schliesslich einer Wirbelsäule. Und auch hier werden die vier äusserlichen Observierungen in eine edukative Bahn geleitet: Der Etrog stehe für das Herz, um für negative Gedanken im Herzen zu sühnen, der Hadass für die Augen, um für schlechte, missgünstige Blicke Sühne zu erwirken, die Arawa für die Lippen, um für die Sünden unseres Redens wie etwa üble Nachrede zu sühnen, und der Lulaw schliesslich erinnere uns mit seiner wirbelsäule-ähnlichen Statur daran, dass sich der Mensch nur auf die eine wahre Stütze zurücklehnen solle: seinen Schöpfer.
Von den vier Pflanzenarten sticht der zitronenähnliche Etrog heraus. Im oben erwähnten Vers wird er unklarerweise «Frucht des Prachtbaumes» genannt. Diese wurde durch die Weisen mit dem Etrog (citrus medica) identifiziert, der Ausdruck «hadar» (Pracht) animierte jedoch die Talmudgelehrten zu bunten Interpretationen: Nach einer Meinung im Talmud sei dies eine Anspielung auf das griechische Wort «hydor», Wasser, um die grosse Wasserbeanspruchung des Etrogbaumes zu betonen. Nach einer anderen Erklärung ziele das Wort «hadar» auf das Verb wohnen («dar») hin, weil «der Etrog das ganze Jahr hindurch auf seinem Baum wohne» (Sukka 35a). Rabbiner Hirsch erläutert diese Behauptung damit, dass «der Baum nie ohne Frucht ist; die Frucht bleibt zwei, drei Jahre bis zur vollen Reife am Baume; es sind daher die alten Früchte vorheriger Jahrgänge noch am Baume, wann die jungen neuen kommen». Der Etrog symbolisiert also gewissermassen die Tradition, welche die alte, schwindende Generation der Jungen hinterlässt, um sie weiterzutragen.
Vielleicht steht diese Erklärung zum Phänomen des Etrogs stellvertretend für die «arba minim» als Ganzes, deren Identifizierung besonders stark auf der mündlichen Lehre und der Kette der Tradition beruht. Während wir am Pessach die Volkswerdung der jüdischen Gemeinschaft und am Schawuot den Erhalt der schriftlichen Lehre feiern, lässt sich Sukkot als Feiertag der mündlichen Lehre betrachten. Insofern sind die «arba minim» nicht nur Symbol der Einheit des jüdischen Volkes, sondern auch ein lebendiger Ausdruck der mündlichen Überlieferung und des jüdischen Geistes, der in der Vielfalt von Erklärungen zu den «arba minim» in seiner vollen «Pracht» zur Geltung kommt.
Sidra Sukkot
25. Sep 2026
Einheit und Tradition
Emanuel Cohn