Letzten Schabbatmorgen begann mit der israelischen Attacke auf das iranische Terrorregime die Operation Löwengebrüll. Das Timing erhielt besondere Symbolik durch die Tatsache, dass letzte Woche, am Schabbat vor Purim, in allen Synagogen der Abschnitt «sachor» («Gedenke») vorgetragen wurde, der uns den ultimativen biblischen Israel-Hasser Amalek in Erinnerung zu rufen wünscht und mit dem Aufruf: «Vergiss das nicht!» (5. B. M. 25:17–19) abschliesst.
Diese Passage wird stets am Schabbat vor Purim vorgelesen, weil gemäss der Überlieferung der persische Bösewicht der Megilat Esther, Haman, stellvertretend für alle irrationalen Antisemiten, die Nachkommen Amaleks, steht. Dass die neueste militärische Operation Israels gegen den Iran um die Tage des Purimfestes ihren Anfang nahm, lädt zur Erkennung gewisser verblüffender Parallelen zwischen den Begebenheiten im biblischen Persien und jenen im heutigen Iran ein.
Ich habe letztes Jahr bereits mehrere dieser Zusammenhänge besprochen, wie etwa die Tatsache, dass Israel es heute wie damals mit einer offiziellen Vernichtungsdrohung seitens des persischen Regimes zu tun hat (vgl. tachles 11/25). Wir wollen an dieser Stelle eine weitere Analogie zwischen dem Buch Esther und den Geschehnissen im heutigen Iran beleuchten, die sich um den biblischen Spruch: «Mit List sollst du Krieg führen» (Sprüche 24:6) spiegelt.
Bekanntlich lud Königin Esther ihren Antagonisten Haman zweimal zu ihrem Gastmahl an der Seite von König Achaschwerosch ein, um ihn in Sicherheit zu wiegen. In der Tat führte diese Taktik zu einer Überheblichkeit Hamans, die ihn blendete: «Da ging Haman an jenem Tage fröhlich und guten Mutes hinaus (...), als er heimkam, sandte er hin und liess seine Freunde und seine Frau Seresch holen. Und Haman schilderte ihnen die Herrlichkeit seines Reichtums und zählte die Menge seiner Söhne auf und erzählte, wie ihn der König grossgemacht und ihn über die Fürsten und Knechte erhoben habe. Auch sprach Haman: ‹Und die Königin Esther hat niemanden mit dem König zum Mahle kommen lassen, das sie zugerichtet hat, ausser mich! Und ich bin auch morgen mit dem König zu ihr geladen!›» (Esther 5:9–12).
Gleichermassen nutzte Israel zusammen mit den USA diplomatische Signale als «Einladung» zur Sorglosigkeit des Mullahregimes vor dem Schlag. Die Iraner dachten tatsächlich, dass sie weiterhin Zeit schinden und die Welt an der Nase herumführen könnten. Dies führte zu einer beinahe unverständlichen Arroganz bei der iranischen Führung, welche die Anzeichen auf einen Militärschlag seitens der USA und Israels wie schon letzten Sommer ignorierte. Aber das taktische Einlullen des iranischen Terrorregimes war nur eine Sache. Zusätzlich wusste Israel, wie im vergangenen Sommer, den Feind mit einer Überraschungsaktion zu überrumpeln, bei welcher Dutzende iranische Führer, darunter Ajatollah Ali Khamenei höchstpersönlich, das Zeitliche segneten. Diese List wurde mit verschiedenen Schritten erfolgreich in die Wege geleitet: Erstens wurde der Iran durch den Zeitpunkt des Angriffs überrascht. Während die iranische Abwehr mit einem nächtlichen Angriff rechnete, wie es letzten Sommer der Fall gewesen war, schlug die IDF am Vormittag zu – zu einem Zeitpunkt, an dem die Wachsamkeit des Irans geringer war und die Schlüsselfiguren der Regierung und des Militärs sich an bestimmten strategischen Orten zur Besprechung versammelt hatten.
Zweitens liess Israel in den Tagen vor dem Militärschlag «geheime» Informationen über amerikanische F-22 Flugzeuge durchsickern, die am Militärflughafen Ovda im Negev angekommen waren. Die Informationen waren echt, jedoch dienten sie als bewusstes Ablenkungsmanöver, damit die Iraner anderen israelischen Flugbewegungen weniger Beachtung schenken würden.
Drittens wurde im Laufe des Wochenendes der Parkplatz des Kommandozentrums des israelischen Sicherheitsministeriums in Tel Aviv, bewusst beinahe leer gehalten. Vor und bei Militäroperationen ist dieser nämlich vollkommen besetzt. Dies war ein weiteres Detail, welches die Iraner dazu verleitete, sich in Sicherheit zu wähnen.
Viertens blieb der israelische Generalstabschef Eyal Zamir während des letzten Schabbats zu Hause bei seiner Familie in Moschav Ramot Haschawim. Da die Iraner seinen Bewegungen folgten, dachten sie fälschlicherweise, dass an diesem Wochenende Ruhe angesagt sei. Wie man sich täuschen kann.
Mit der genialen Verwendung des Credos «Mit List sollst du Krieg führen» tritt die IDF in die Fussstapfen der biblischen Heeresführer Josua und Gideon, die mit spektakulären Coups ihre Feinde überraschen und überrumpeln konnten: Bei der Eroberung von Ai liess Josua einen Teil seiner Armee so tun, als ob sie flüchtete, mit dem Ziel, die Verteidiger Ais aus der Stadt zu locken. Währenddessen drang eine versteckte Einheit in die nun schutzlose Stadt ein und überwältigte sie (Josua 1:1–29). Und beim Kampf gegen die Midianiter zerbrachen Gideon und seine 300 Männer nachts Tonkrüge, zündeten Fackeln an und bliesen das «Schofar» («Widderhorn»). Durch den plötzlichen Lärm dachten die Feinde, sie stünden einem riesigen Heer gegenüber, gerieten in Panik und bekämpften sich gegenseitig (Richter 7:15–25).
Es ist wohl kein Zufall, dass der Bibelvers «Mit List sollst du Krieg führen» einst das Mossad-Emblem schmückte. Inzwischen wurde dieser Spruch im aktuellen Mossad-Logo durch einen anderen Vers aus demselben Bibelbuch ersetzt, der auf demselben Prinzip beruht: «Ohne List kommt ein Volk zu Fall; aber Rettung widerfährt ihm durch viele Ratgeber» (Sprüche 11:14). Operation Löwengebrüll ist eine beeindruckende Zurschaustellung einer durchdachten List.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
06. Mär 2026
Eine ausgeklügelte List
Emanuel Cohn